Günter Wallraff las am Freitagabend in der Mensa der Hauptschule Attendorn. Unter anderem greift er in seinem neuen Buch eine Attendorner Anwaltskanzlei an, die auf ihrer Homepage damit wirbt: „Das Recht des Stärkeren liegt in der Natur einer jeden Sache. Es gewinnt, wer Technik und Taktik am besten beherrscht. Deshalb machen wir nicht alles, was Recht ist. Sondern in der Hauptsache Arbeitsrecht. Für Arbeitgeber.“ Foto: baka
Anwalt im Visier
Wallraff wurde in Attendorn fündig
Attendorn - "Aus der schönen neuen Welt" wurde das Publikum am Freitagabend in der Mensa der Hauptschule in Attendorn in beängstigende Vorurteile, aggressive Verachtung, in die schonungslose Realität des wirklichen Lebens geholt. Günter Wallraff, Enthüllungsjournalist und Schriftsteller, war auf Einladung des Agenda-Forums der Stadt Attendorn zu einer Lesung aus seinem Buch mit besagtem Titel "Aus der schönen neuen Welt" gekommen und zog von der ersten Minute an seine Hörer in den Bann. Im Visier hatte er dabei unter anderem eine Anwaltskanzlei mit Hauptsitz in Attendorn.
baka - Wallraff kennt die Bundesrepublik von ganz unten und scheut sich nicht, seinen Lesern den Spiegel vorzuhalten, in dem sich latenter oder auch radikaler Rassismus, Borniertheit, Mobbing und Rücksichtslosigkeit widerspiegeln. Schon vor Jahrzehnten legte sich der Journalist mit einem ganz Großen an, arbeitete, als Türke verkleidet, in Billigjobs, prangerte unglaubliche hygienische Verhältnisse und die massive Behinderung bei der Gründung von Betriebsräten an. Seine drastische Schilderung und sein Beharrungsvermögen sorgten nicht nur für ein Hausverbot (das mittlerweile aufgehoben ist), sondern auch für nachhaltige Verbesserungen.
In seiner jüngsten Neuerscheinung versetzt sich der Schriftsteller mit Hilfe seines Teams und besonders seiner Maskenbildnerin intensiv in ein unterprivilegiertes Leben in Deutschland. Leiharbeiter in einer Großbäckerei, die für einen Hungerlohn mit Verbrennungen und Schimmel zu kämpfen haben, aber aus Angst um ihren Arbeitsplatz ihren Mund halten. Eine reiche Republik, in der er erleben musste, wie ein Obdachloser erfriert und dafür allenthalben ein Kopfschütteln übrig bleibt.
Lange Zeit verwandelte sich Günter Wallraff in einen dunkelhäutigen Deutschen, und allein diese seine Erfahrung beschämt zutiefst. Im Ortswechsel zwischen Ost- und Westdeutschland scheiterten Arbeits- und Mietverträge, trotz der unmissverständlichen Verankerung im Grundgesetz, an der Hautfarbe keinen Anstoß zu nehmen.
Angst und Misstrauen bei Einkäufen, aber auch die Überheblichkeit seiner hellhäutigen Gegenüber sorgten bei den Zuhörern für betroffene Gesichter und unbehagliches Staunen. Ein "Schwarzer", der in Rosenheim einen Jagdschein beantragt, der in Minden als Dauercamper angenommen wird oder in Marzahn einen Schrebergarten bewirtschaftet? Auch 2010, mit Barack Obama als US-amerikanischem Präsidenten, scheinbar immer noch undenkbar und wohl auch nicht realisierbar.Doch auch Wallraff kam bei seinen Recherchen definitiv an Grenzen. Besonders, als er nach einem Fußballspiel als Dunkelhäutiger in den Fan-Zug von "Dynamo" Dresden stieg. Dank der Hilfe einer couragierten jungen Polizistin überstand er Hitlergruß und massive Rempeleien körperlich relativ unverletzt, doch die Angst, als er von den Rechten in die Enge getrieben wurde, ist für ihn heute noch fühlbar.Von großen Städten einen Schwenk in die Sauerländer Hansestadt. "Sie haben Spuren des Schreckens hinterlassen", klagte Günter Wallraff eine in Attendorn ansässige Rechtsanwaltskanzlei für Arbeitsrecht an. Diese von ihm "Unrechtsanwälte" Genannten haben es sich zum Ziel gesetzt, Unternehmern dabei zu helfen, unliebsame und eigentlich unkündbare Arbeitnehmer oder Betriebsräte zu entlassen. Eidesstattliche Erklärungen und Filmmaterial, das demnächst im Fernsehen zu sehen ist, sollen eine Praxis belegen, die von unechten Abwerbungen, angeblicher sexueller Belästigung bis zu unfassbarem Mobbing im privatem Bereich keinerlei Tabus zu kennen scheint, um Betriebsräte zu behindern oder unliebsame langjährige Angestellte "preisgünstig" loszuwerden. Unrechtsjäger Wallraff will demnächst weiteres, hochbrisantes Material veröffentlichen.In der anschließenden Diskussionsrunde stand erwartungsgemäß die These von Thilo Sarrazin auf dem Programm. "Sarrazin pauschalisiert, er hat scheinbar Realitätsverlust, da er kaum mit Migranten und Muslimen Kontakt hat und sein Buch aus vielen Statistiken besteht. Es gibt sicherlich Integrationsprobleme, aber die Mehrheit der Muslime hat diese doch nicht und ist definitiv integriert. Es ist wichtig, das man differenziert und in Augenhöhe diskutiert, um den Rechten das Feld nicht zu überlassen", legte Wallraff den Zuhörern ans Herz.Auch die Rede von Bundespräsident Christian Wulff war Gegenstand der Diskussion. "Nach der hochgekochten Diskussion durch Sarazzin fängt die Hetze an, und die muss ein Präsident mäßigen und ihr entgegenhalten", stellte sich Wallraff hinter die Rede des Bundespräsidenten. Beeindruckt zeigte sich der Schriftsteller von der Ernennung des inhaftierten chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo zum Friedensnobelpreisträger. "Leider gab es bei dem Friedensnobelpreis immer wieder Fehlgriffe, wie Arafat oder Kissinger, aber Liu Xiaobo hat Mut und Zivilcourage bewiesen."Nach einer lebhaften Diskussion nahm sich Günter Wallraff Zeit für zahllose Fragen und signierte unzählige Bücher, bis ein besonderer und intensiver Abend in Attendorn zu Ende ging.




