Prof. Dr. Meinhard Miegel sprach in der Aula des Pädagogischen Zentrums in Meggen beim ersten „Konjunkturforum“ der Volksbank Bigge-Lenne. Foto: win
Lehrstunde in Meggen:
Zeit des Wachstums ist vorbei
Eine Lehrstunde der besonderen Art erlebten am Montagabend zahlreiche Zuhörer in der Aula des Pädagogischen Zentrums der Stadt Lennestadt in Meggen.
win Meggen. Dort, wo sonst die Schülerinnen und Schüler der Anne-Frank-Hauptschule unterrichtet werden, referierte Prof. Dr. Meinhard Miegel. Der renommierte Zukunftsforscher war Hauptreferent des ersten "Konjunkturforums", zu dem die Volksbank Bigge-Lenne Kunden und andere interessierte Zuhörer eingeladen hatte, unter ihnen zahlreiche Bürgermeister bzw. ihre Stellvertreter aus dem Kreis Olpe, Arbeitsagentur-Chefin Dr. Bettina Wolf, und der Vorsitzende des Arbeitgeberverbands für den Kreis Olpe, Felix Hensel.
Vorstandssprecher Peter Kaufmann begrüßte die Gäste in der Aula des "PZ". Er erklärte, das Thema Zukunft sei für die Menschen stets von großem Interesse, doch in einer Zeit, in der eine erhebliche Strukturveränderung bevorstehe, brenne es noch weit mehr auf den Nägeln als sonst. In Absprache mit der Industrie- und Handelskammer Siegen habe die Volksbank Prof. Miegel verpflichtet, "er ist der Exzellenteste, den wir bekommen konnten".
Miegel erklärte, unter den Zukunftsforschern gebe es zwei Lager: das eine, das eine lineare Entwicklung voraussage, und das andere, zu dem er gehöre, das von einer Entwicklung ausgehe, die sich an einer Bruchstelle befinde. "Wir sind an einer Stelle angekommen, an der eine lange Phase permanenter Expansion zu Ende geht. So etwas hat es in der Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben", das seit 250 Jahren währende kontinuierliche Wachstum werde mindestens stagnieren wenn nicht ins Gegenteil verkehren. "Niemand macht sich gänzlich klar, was die rapide veränderte Demografie mit sich bringt." Dazu gehöre, sich nicht von dem gerade währenden kurzfristigen konjunkturellen Aufschwung irritieren zu lassen. "Wir dürfen uns um Gottes Willen nicht wundern, wenn es im übernächsten Jahr wieder runtergeht."
Er wage keinen Blick ins gesamte nächste Jahrhundert, aber eine solide Prognose für die nächsten 20 bis 40 Jahre sei erlaubt. Dabei handele es sich nicht um einen Blick in die Glaskugel, sondern um solide recherchierte Daten und Fakten, die er auswerte.
Es sei nun an den Politikern, den Bürgern klarzumachen, dass es von der Expansion zur Kontraktion komme. Dabei drohe ein Wissensvakuum, denn alle Fachleute seien nur auf Wachstum eingestellt.Dabei habe es in der allerlängsten Phase der Menschheitsgeschichte überhaupt kein Wachstum gegeben. Und schon 1960 habe Ludwig Erhard befunden, es reiche nun mit dem Wachstum, als die Deutschen doppelt so viel erwirtschaftet hätten wie vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs.Nun sei es an der Zeit, vom Ressourcenverbrauch zum -gebrauch zurückzukehren. "Die weitestgehend kostenlose Nutzung der Natur ist vorbei." Auch die Zeit kontinuierlichen Schuldenmachens seitens der Staaten müsse zu Ende gehen. Wenn in Zukunft noch Wachstum entstehe, dann werde sich dies nicht wohlstandsmehrend für die Menschen auswirken, "der materielle Wohlstand wird eher abnehmen. Wir brauchen Billionen, um die Zeche zu bezahlen, die vor 30 und 40 Jahren aufgemacht wurde." Unter anderem gehöre die Beseitigung von Umweltschäden dazu, die durch das fast hemmungslose Nutzen von 80 Prozent der Ressourcen durch 20 Prozent der Menschheit entstanden seien. "Unser Niveau in Europa wird sehr hoch bleiben, aber etwas sinken." Allerdings stelle dies kein Schreckensszenarium dar, erklärte Miegel."Um den Arbeitsmarkt der Zukunft mache ich mir keine Sorgen", führte der Professor aus. So werde die Industrialisierung der Landwirtschaft "ein Stück rückabgewickelt werden", die Industrie werde sich von einer neu produzierenden zu einer reparierenden Industrie wandeln. "Das ist ressourcenschonend." Wachstum und Wohlstand würden sich entkoppeln, Wohlstand müsse neu definiert werden. Die Zukunft sei voller Chancen, "sie ist vielversprechend, wenn wir uns freimachen von unserer bisherigen Prägung." Der Wandel weg von immer mehr Quantität zu mehr Qualität könne allen dienen.Als zweiter Referent sprach beim "Konjunkturforum" der Volksbank Bigge-Lenne IHK-Hauptgeschäftsführer Franz-J. Mockenhaupt. Er stellte die Ergebnisse der jüngsten IHK-Umfrage heraus, die deutlich macht, dass die Krise zumindest mittelfristig kein Thema mehr ist. Die Stimmungslage bei den Unternehmen im Kreis Olpe ist noch deutlich besser als im gesamten IHK-Bezirk. Dennoch, so Mockenhaupt, müsse auf die Vielzahl an Risiken hingewiesen werden, die angesichts der momentan blendenden Auftragslage von vielen Unternehmern ausgeblendet würden. Angesichts der Aussagen des Hauptreferenten appellierte Mockenhaupt an die Unternehmer, langfristig zu denken und nicht nur auf das nächste Halbjahr zu schielen. Nach einer kurzen Diskussionsrunde endete das Konjunkturforum bei ungezwungenen Gesprächen im Forum des "PZ".




