kopf

Mit dem Rollator zum Frisör?

Winter bringt Stürze und Isolation

Besonders viele Ältere kommen kaum noch aus dem Haus, und wenn, dann riskieren sie ihre Gesundheit beim Schneeschieben. Bis zu 20 Sturzverletzungen täglich versorgt das Kirchener Krankenhaus. Senioren haben mit Depressionen und Vereinsamung zu kämpfen.

goeb -  Eine weiße Weihnacht haben sich viele Menschen gewünscht - und auch bekommen. Doch der Alltag konterkariert meist die romantischen Vorstellungen. Besonders alte und gebrechliche Menschen sowie Menschen mit körperlichen Behinderungen denken mit Grausen an die kalte Jahreszeit, wenn es am Nachmittag schon dunkel ist und der Gang zur nächsten Bäckerei für sie zu einem Abenteuer wird.

Bei diesem Wetter nicht vor die Tür

"Wenn die Insulinschwester oder der Pfleger bemerken, dass kein Brot mehr im Haus ist, bringen die was mit". Das berichtet Pflegedienstleiter Karl-Heinz Striegel von der Ökumenischen Sozialstation Betzdorf-Kirchen. Es sei Menschen, die in ihrer Gehfähigkeit ohnehin eingeschränkt seien, nicht zuzumuten, bei diesem Wetter vor die Tür zu gehen, geschweige, den Winterdienst zu versehen. Trotzdem versuchten das viele.

Alleinstehende ohne Verwandtschaft

"Viele Betagte haben ihre Wohnungen aus Angst vor Stürzen seit Wochen nicht mehr verlassen", berichtet auch Doris Patt von der Sozialstation Daaden-Herdorf (Teamleitung Herdorf). Es treffe vor allem die Alleinstehenden, die keine Verwandten in der Nähe haben. Der hauswirtschaftliche Dienst der Station könne zwar Besorgungen für das Lebensnotwendige übernehmen, aber viele Gänge, die die Senioren selbst machen müssen, unterblieben: der Frisörbesuch vor Weihnachten zum Beispiel, der Einkauf von Geschenken für Kinder und Enkel, der Arztbesuch usw.

Hohes Pflichtbewusstsein

Als großes Problem sieht die Teamleiterin die Isolation der alten Menschen. "Die kommen ja gar nicht mehr raus. Viele wollen auch nicht, dass Verwandte und Bekannte womöglich gefährliche Wege unternehmen, um zu ihnen zu gelangen." Der Gesprächsbedarf steigt hingegen mit jedem Tag der Abschottung. "Wir stellen schon fest, dass viele traurig, ja, richtig depressiv geworden sind. Und leider können wir nicht alles abdecken", bemerkt Doris Patt. Die Generation der Älteren besitze außerdem ein hohes Pflichtbewusstsein. "Sie nehmen die Räumpflicht vor ihren Wohnungen sehr ernst", beobachtet Doris Patt. Das führe zu Gewissenskonflikten. Dass Hochbetagte mit der Schneeschaufel versuchten, vor ihrer Haustür zu räumen, das sei gar nicht einmal selten. Dass dies angesichts der Massen nicht zu schaffen sei und dazu gefährlich, liege auf der Hand. Davon berichtet auch Dr. Nathalie Behnke, Ärztin in der Chirurgie des DRK-Krankenhauses Kirchen. Zwei über 80-jährige Damen seien in den vergangenen Tagen mit Verletzungen eingeliefert worden. Sie hatten abends Schnee wegräumen wollen und waren dabei ausgerutscht. Während es bei der einen mit einer luxierten Schulter noch vergleichsweise glimpflich ausgegangen ist, zog die andere Dame sich einen Oberschenkelhalsbruch zu, eine typische Fraktur bei Stürzen von Älteren.

Verstauchungen und Frakturen

 In solchen Fällen setzen die Ärzte in der Regel gleich eine neue Hüfte ein, die ebenfalls häufigen hohen Oberschenkelbrüche werden genagelt. Das Risiko von Frakturen nimmt zu, wenn eine Osteoporose-Erkrankung vorliegt. Besonders bei betagten Menschen ist Osteoporose verbreitet. Doch in diesen Tagen der überfrierenden Bürgersteige und verschneiten Treppen trifft es nicht nur die Senioren. Etwa 20 bis 30 Sturzpatienten versorgt das Krankenhaus in Kirchen täglich, drei bis vier davon haben sich etwas gebrochen, so überschlägt die Ärztin. Betroffen sind alle Altersstufen. "Wer mit Schwung aufs Eis fällt, zieht sich meistens etwas zu." Handgelenks- und Rückenverletzungen, Verstauchungen, Beckenbrüche und Frakturen an Armen und Beinen beschäftigen die Mediziner. Mit Humor nahm übrigens der katholische Geistliche Georg Koch aus Betzdorf (St. Ignatius) einen Sturz auf den Kopf zwischen zwei Messen an den Weihnachtstagen. Die Platzwunde musste genäht werden. Als er bemerkte, dass der behandelnde Unfallarzt ihn nicht kannte, sagte er schlagfertig: "Ich bin der örtliche Pastor. Machen Sie bitte Kreuzstiche."



map ticker ticker
Ticker Ferndorf





  • Artikelbild

    Fuchs schlägt 25 Vögel

    Herdorf. Schockiert war Thomas Kinner gestern Morgen, als er seine Hühner aus dem Stall lassen wollte. Der Hobbyzüchter ahnte schon nichts Gutes, da ihm  ... mehr



 
 
Ort/PLZ
Immobilienart
Kaufen
Mieten