Shen Te (Steffi Klein) zwischen zwei Männern: Barbier Shu Fu (Krischan Schulte, l.) und Flieger (Patrick Stockebrandt). Foto: nik
Drama statt Siegen
Gutes zu tun, das bedeutet Ruin
Siegen. Die Theatergruppe Drama statt Siegen spielt im Kleinen Theater Lÿz Bert Brechts "Der gute Mensch von Sezuan".
nik - Ja, woran erkennt man denn die Götter? Der Wasserverkäufer (Oliver Reichert) hat auch keine Ahnung. Als sie dann endlich landen (Stephanie Schür, Alexander Schintz, Levke Carstens), sind sie aber beim besten Willen nicht zu übersehen. Ganz in Weiß und mit ihrem Rucksack, dem Reiseführer und dem Notizbuch, optimistisch (Gott 1), oberlehrerhaft (Gott 2) und erstmal völlig groggy (Gott 3), sind sie doch auch ein bisschen unterwegs so wie die Sterblichen. Oder besser gesagt: Wie wir Nicht-Erleuchteten. In Bertolt Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" kommen sie zu uns, weil sie um ihre Daseinsberechtigung fürchten. Sie haben nichts weniger zu klären als die Frage, ob das Gute noch Platz hat in einer Gesellschaft, die, salopp formuliert, aufs Kohlescheffeln ausgerichtet ist. Gibt es noch irgendwo, vielleicht in Sezuan, einen guten Menschen? Diese Frage klärt man nicht im Vorbeigehen. Aber erstmal brauchen sie ein Bett.
1943 uraufgeführt und weiterhin aktuell
Die Theatergruppe Drama statt Siegen hat sich in seiner neuen Produktion unter der Regie von Lars Dettmer Brechts episches Theater vorgeknöpft, das, 1943 uraufgeführt, überhaupt nichts von seiner Aktualität verloren hat. Im Gegenteil! Und im minimal ausgestatteten Spiel-Raum im Kleinen Theater des Siegener Kulturhauses Lÿz haben die Darsteller allen Platz der Welt, dieser Parabel Raum zu geben, die den Kopf in Anspruch nimmt und ja, auch das Gewissen. Denn mit der Prostituierten Shen Te (Steffi Klein) würde wohl niemand tauschen wollen, auch dann nicht, als die Götter endlich bei ihr absteigen dürfen und sie danach großzügig entlohnen.
Shen Te schlüpft in die Rolle ihres Vetters
Das Geld reicht, damit Shen Te sich einen Tabakladen kaufen kann, doch damit fangen ihre Probleme erst an: Denn schnell steht eine richtig furchtbare Bagage vor ihrer Tür, die nur allzu selbstverständlich davon ausgeht, dass die von Natur aus gütige Shen Te ihren neuen Wohlstand nicht nur teilt, sondern regelrecht herschenkt. Shen Te, die es schließlich nicht mehr aushält, schlüpft in ihrer Not in die Rolle des Vetters Shui Ta, der für sie all die Drecksarbeit erledigt, zu der sie selbst nicht fähig ist. Zwar wäre eine einheitliche Besetzung der Rolle Shen Te/Shui Ta sicher eine spannende, aber eben auch sehr (text-)intensive Sache geworden. Steffi Klein verkörpert also Gut und Böse nicht in Personalunion, stattdessen schlüpft Christina Scholz in die Rolle des "Vetters", tritt betont burschikos und unsympathisch, im weiteren Verlauf dann überzeugend zerrissen auf, muss sie doch, je näher ihre Enttarnung rückt, immer mehr durchblicken lassen, dass sie eigentlich zwei ist. Oder besser gesagt drei.
Kann man gut und erfolgreich zugleich sein?
Denn für Shen Te verkompliziert ausgerechnet die Liebe in Gestalt des Fliegers Yang Sun (Patrick Stockebrandt) die Situation zusätzlich, der für sie alles ist, aber sie für ihn nicht ganz so viel. Sie wird schwanger und muss von der Bildfläche verschwinden, um ein letztes Mal dem Vetter Platz zu machen, denn es geht nun darum, nicht nur ihre eigene Existenz, sondern auch die des ungeborenen Kindes zu retten. Wie kann man gut sein, zu anderen, zu sich selbst, ohne sich ausnutzen zu lassen? Wie kann man gut und gleichzeitig erfolgreich sein? Oder anders: "Was haben Geschäfte mit einem würdigen und rechtschaffenen Leben zu tun?" Ist es wirklich so, dass Gutes zu tun den Ruin bedeutet? Scheint so, dass selbst die Götter an dieser Frage zu verzweifeln, dass sie einknicken wollen: Sind am Ende ihre Ansprüche an uns Nicht-Erleuchtete zu hoch?
Moral, Anstand, Güte und Gewissen
Kritik an Religion und Kapitalismus, klar, darum geht es Brecht, es geht um Moral, Anstand, Güte und Gewissen, und das alles transportiert Drama statt Siegen sehr überzeugend. Ohne die Gesamtleistung des Ensembles schmälern zu wollen: Steffi Klein schafft es gerade in Shen Tes verzweifelsten Momenten wirklich, das Publikum zu packen und aufzurütteln. Und verzweifelt ist Shen Te am Ende wirklich, als die Götter über sie zu Gericht sitzen, während sie und alle anderen so erbarmungslos wie unbekümmert ihr Lied anstimmen. Was ist jetzt? Was soll sie denn machen? Was sollen denn wir alle machen mit dieser "Guter Mensch-böser Mensch"-Sache? Die Frage bleibt offen. Der Vorhang schließt sich. Viel, viel Applaus im Kleinen Theater. Weitere Vorstellungen gibt es am Donnerstag und Freitag, außerdem noch am Dienstag und Mittwoch, 15. und 16. Februar, gleicher Ort, gleiche Zeit: jeweils 20 Uhr.




