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Eröffnung des WTS

"Der Bedarf ist vorhanden"

Schameder. Der Wittgensteiner Technik-Service wird am Dienstag offiziell eröffnet. Zuvor sprach die Siegener Zeitung bereits mit dem Leiter der nun zwei AWo-Werkstätten in Wittgenstein.

bw - Die letzten Außenarbeiten laufen derzeit noch, aber innerhalb des Gebäudes haben bereits die Beschäftigten des neuen Wittgensteiner Technik-Services (WTS) die Arbeit aufgenommen. Im Januar zogen sie aus der ursprünglichen Behindertenwerkstatt der Arbeiterwohlfahrt (AWo) aus dem Jägersgrund in Schameder hinauf auf die Melbacher Höhe. Für rund 1,5 Mill. Euro ist dort seit Dezember 2009 eine moderne Arbeitsstätte für Menschen mit psychischen Behinderungen entstanden. Am morgigen Dienstag, 12. April, um 14 Uhr kommt es zu der offiziellen Eröffnung des Wittgensteiner Technik-Services. Die Siegener Zeitung sprach im Vorfeld mit Jörg-Michael Bald, dem Leiter der beiden Wittgensteiner AWo-Werkstätten in Schameder.

SZ: Welche Bedeutung hat die neue Einrichtung für Wittgenstein?
Jörg-Michael Bald: Der WTS bietet erstmals Menschen mit chronisch psychischen Erkrankungen die Möglichkeit in Wittgenstein, eine Arbeit in einer separaten Werkstatt auszuführen. Das ist mit der Einrichtung jetzt überhaupt erst möglich geworden. Wir haben zwar vorher schon Lösungen für diesen Bedarf gesucht, aber es war immer nur ein Kompromiss. Das haben wir nun in eine stabile Situation umgewandelt, dafür haben wir fast zehn Jahre gekämpft. Wir bieten im WTS einen an die jeweilige Form der psychischen Behinderung angepassten Arbeitsplatz, analog zum Siegener Technik-Service, der ja bereits seit Jahren besteht.

SZ: Wie groß ist denn die Notwendigkeit in Wittgenstein für diese Einrichtung?
Jörg-Michael Bald: Der Bedarf ist vorhanden, das wird ja bereits dadurch deutlich, dass gleich 51 Menschen aus der Behindertenwerkstatt im Jägersgrund in den WTS umgezogen sind. Damit haben wir im Moment ja bereits eine 90-prozentige Belegung erreicht. Und wir rechnen damit, die 100 Prozent schon bald zu erreichen. In der Vergangenheit gab es Menschen, die in unserer anderen Werkstatt ihre Praktika gemacht haben, die sich aber dort nicht richtig aufgehoben fühlten. Nun halten wir Arbeitsplätze für diese Klientel vor. Das sind in erster Linie Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen - im weitesten Sinne also Psychosen.

SZ: Die Beschäftigten sind dementsprechend Menschen, die ein hohes Maß an Betreuung und Unterstützung benötigen.
Jörg-Michael Bald: Ja, das geschieht mit der Hilfe der individuellen Förderplanung. Jeder wird nach seinen Möglichkeiten gefördert. Wir verändern uns derzeit in eine neue Konzeption, mehr hin zur berufsfeld- und berufsbildorientierten Ausbildung. In unseren Werkstätten waren ja bislang die klassischen Bereiche die Metal- und Holzverarbeitung, die Montage sowie der Kreativbereich. Im ersten Jahr ging es bis dato darum, die Interessen herauszufinden und im zweiten Jahr um die Fähigkeiten. Künftig soll die Orientierung an allgemein gültigen Berufsbildern gelten. Wir warten im Moment auf die Freigabe von der Regionaldirektion. Aber wir sind gerade natürlich erst am Anfang und wir suchen dafür auch Kooperationspartner. Wir freuen uns über diese Entwicklung. Damit kann die Chance für Menschen mit psychischen Erkrankungen auf den Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt steigen.

SZ: Was bedeutet die neue Einrichtung für die ursprüngliche AWo-Werkstatt?
Jörg-Michael Bald: Wir haben natürlich eine große Umstrukturierung vor uns, weil es auch Personalveränderungen gegeben hat, da einige Beschäftigte ebenfalls in den WTS gewechselt sind. Es bedeutet sehr viel Arbeit, neue Gruppen zu bilden. Aber das macht auch Spaß, weil jetzt mehr Platz da ist. Wir hatten meist ja eine Überbelegung von bis zu 50 Prozent. Nun können wir uns neue Konzeptionen überlegen, dafür hatten wir bisher nicht genug Platz. Es ist für alle eine super Entwicklung.

SZ: Nehmen Sie unsere Leser doch einmal mit auf einen kleinen Rundgang durch die neue Werkstatt.
Jörg-Michael Bald: Das Grundstück ist ideal mit einer tollen Lage, das Gebäude ist super umgesetzt. Wir haben einen Massivbau mit der Verwaltung, mit Sozialräumen und der Kantine. Die Werkstatt ist in einem Hallenbau mit Regalsystemen, durch die kleinere Einheiten entstehen. Außerdem bieten die Regale einen Lärmschutz. Die Menschen loben die hellen und freundlichen Räume. Mit den Regalsystem sind wir auch flexibel, was die Belegung angeht. Wir rechnen ja schon mit einer Überbelegung, die ist aber durchaus normal. Eines ist auch noch ganz wichtig: Die neue Werkstatt ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln besser erreichbar. Das ist gut für die Eigenständigkeit der Menschen.

SZ: Welche Arbeiten verrichten denn die Beschäftigten des WTS?
Jörg-Michael Bald: Es sind in erster Linie kleinere Bearbeitungen für viele Kunden aus der Region, dazu gehören beinahe alle namhaften Unternehmen aus Wittgenstein. Größer geworden ist der Bereich der maschinellen Metallverarbeitung. Wir haben gebrauchte CNC-Maschinen zum Fräsen und zum Drehen. Erste Aufträge sind bereits gekommen und wir stehen aktuell in Kontakt mit Unternehmen aus Wittgenstein und dem nahen Hessen. Es geht darum, kleinere oder mittelgroße Serien von kleineren Bearbeitungen zu produzieren. Das sind Dinge, für die die Unternehmen nicht die Maschinen umbauen wollen. Ich kann mir vorstellen, dass dies irgendwann sogar einmündet in die Montage von Baugruppen. Unsere Partner sind begeistert von der Flexibilität und von der Zuverlässigkeit des WTS.

SZ: Und was bedeutet die Arbeit in der Werkstatt für die Beschäftigten?
Jörg-Michael Bald: Sie bietet natürlich einen strukturierten Tagesablauf und ein Gefühl der Sicherheit des Arbeitsplatzes. Viele trauen sich nach und nach an Arbeiten heran, die ihnen vorher Schwierigkeiten bereiteten. Möglich wird dies dank einer individuellen Förderung der persönlichen Fähigkeiten. Und das sind letztlich ja auch sozialversicherungspflichtige Stellen - das ist in anderen Angeboten so gar nicht vorhanden.



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