Ein Stand im Suq al-Hamidiye, einem der größten Märkte von Damaskus, in der Altstadt gelegen. Auch von hier berichtet der gebürtige Attendorner Simon Kremer in seiner Multimedia-Reportage "Die gleichzeitige Stadt", für die er für den CNN Journalist Award nominiert ist. Foto: Kremer
Simon Kremer und "Die gleichzeitige Stadt"
Dann doch kein Kriegsreporter
Attendorn/Hamburg. Der junge Journalist, gebürtig aus Attendorn, ist für seine Multimedia-Reportage aus der Altstadt von Damaskus für den CNN Journalist Award nominiert.
zel - Die Welt schaut (auch) nach Syrien. Die politischen Umbrüche bringen jeden Tag neue Nachrichten aus dem Nahen Osten. Doch schon vor der aktuellen Revolution befand sich die Hauptstadt Damaskus im Wandel. Simon Kremer hat ihn vor rund anderthalb Jahren selbst erfahren, als er für ein Dreivierteljahr dort lebte und - mehr oder weniger, wie er zugibt - Arabisch studierte. Der gebürtige Attendorner hat in dieser Zeit zusammen mit seinem Freund Marc Röhlig eine interaktive Karte der Altstadt von Damaskus entwickelt und auf der von den beiden gegründeten Website soukmagazine.de veröffentlicht. Die Karte macht den gesellschaftlichen Wandel Syriens im Mikrokosmos Altstadt begreifbar: Wer mit der Maus über die Symbole fährt und klickt, kann ihn sehen, hören, lesen, je nachdem, welches Medium sich dahinter verbirgt. Für diese interaktive Karte ist Simon Kremer für den CNN Journalist Award für Nachwuchsjournalisten in der Kategorie Online nominiert. Der Preis für deutschsprachigen Auslandsjournalismus wird am 9. Mai vergeben.
Das Handwerk richtig lernen
Kremer ist gerade nach Hamburg gezogen. Dort macht er seit Februar ein Volontariat beim NDR - natürlich nicht nur bei Fernsehen und Radio, sondern auch Online. Er wolle sein Handwerk richtig lernen, sagt er, wiewohl die Liste seiner Auftraggeber bereits eine illustre Schar renommierter Medien aufweist. Begonnen hat seine Leidenschaft für den Journalismus in einer Lokalredaktion im Sauerland, wo Kremer nach einem Schülerpraktikum freier Mitarbeiter wurde. Aufgewachsen ist Simon Kremer (Jahrgang 1985) in Lennestadt-Saalhausen, sein Abi machte er 2005 am Maria-Königin-Gymnasium in Altenhundem. Dass er Journalist werden wollte, war klar, trotzdem studierte er Germanistik, Gemeinschaftskunde, Ethik und Philosophie auf Lehramt. Nach dem Grundstudium in Marburg habe er sich "ein bisschen vergrößern" wollen und ging nach Dresden, wo er das Studium im Dezember 2010 abschloss.
Ein Schauspiel an forderster Front
Schon während des Studiums absolvierte Kremer eine volontariatsähnliche Ausbildung, gefördert durch die Konrad-Adenauer-Stiftung. Simon war "angefixt" von dem Gedanken, Kriegsreporter zu werden, und nutzte die Chance, für ein Praktikum zu APTN, dem Fernsehdienst von AP, nach Israel zu gehen. Westjordanland und Gazaoffensive - der junge Journalist war im wahrsten Sinne an vorderster Front. Die Realität sah ganz anders aus als der Traum vom Kriegsreporter-Dasein: Das Geschäft mit den Nachrichten kam ihm vor "wie ein Schauspiel: Man prügelt sich mit den Kameraleuten bei einem Bombenanschlag um die besten Plätze". Auslandsberichterstattung ja - aber mit mehr Hintergrund, diese Devise gilt für Kremer bis heute: "Es geht auch anders."
Preisgekrönte eigene Website: soukmagazine.de
Zusammen mit Marc Röhlig bewarb Simon Kremer sich um ein Stipendium des Auswärtigen Amts für Syrien und bekam es auch. Da war er schon scheinfrei und "wollte vor dem Examen noch mal den Kopf freikriegen". Kurz vor der Abreise im Herbst 2009 hatten die beiden die Website soukmagazine.de ins Leben gerufen. "Das Gesellschaftsmagazin über den Orient" bietet eine Plattform für Journalismus, der die Geschichten hinter den Schlagzeilen erzählt - aus Israel, aus Ägypten, aus Afghanistan. "Leben", "Glauben", "Streiten" sind die Kategorien, in denen allerlei Porträts, Reportagen, Erlebnisberichte (etwa die aufreibenden Erfahrungen aus dem Hamam) aus dem Orient im Angebot sind. Die Website hat inzwischen den dritten Platz beim Axel-Springer-Preis für junge Journalisten und den Grimme Online Award 2010 gewonnen. Marc und Simon lebten also mitten in der Altstadt, statt eines ursprünglich geplanten Blogs entwickelten sie im Herbst 2009 "Die gleichzeitige Stadt", die interaktive Karte der Altstadt von Damaskus, denn dort sei der Wandel Syriens - in verdichteter Form - spürbar gewesen. Die WG war ihre Redaktion, die beiden haben vor Ort recherchiert (das heißt auch viel Kaffeetrinken mit potenziellen Gesprächspartnern), gefilmt, aufgenommen und die Karte programmiert. Sie steht auf der eigenen Website.
Den Schwertmacher hören und sehen
Er möchte Geschichten in dem jeweiligen Medium erzählten, in der sie am besten erzählt werden können, sagt Simon Kremer. "Den letzten Schwertmacher in Damaskus - den möchte ich hören und sehen!" Also entstand eine Audioslideshow. Im Café Noufara drehte das Team ein Video über den letzten Geschichtenerzähler von Damaskus. Abu Georges Kneipe wird mit Worten lebhaft beschrieben, unterstützt von einer Fotostrecke. Gefragt nach dem Online-Angebot arrivierter Medien in Deutschland, hält sich Kremer freundlich-diskret zurück. Nachdem soukmagazine.de den Grimme-Preis gewonnen hatte, habe die Deutsche Welle ein Multimedia-Special angefragt. Es gebe einige Medien, die interaktive Sachen machten, aber "rudimentär". Er verweist auf die anderen Websites, die mit ihm für den CNN Award in der Kategorie Online nominiert sind: Es sind ein weiterer Beitrag auf soukmagazine.de und ein Beitrag des Online-Sportmagazins 11freunde.de. Die renommierten Medien fehlen. "Das sagt doch eigentlich alles."




