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Kunst kennt keine Behinderung

Kreative unterwegs

Burbach. Im Kinderzuhause, in dem schwerst mehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche leben, treffen sich Menschen mit und ohne Behinderung, um gemeinsam Kunst zu machen.

pebe - Was ist Kunst? Auf diese alte Rätselfrage gibt es tausend und eine Antworten. Die sind aber selten so märchenhaft wie die Geschichten Scheherazades. Meist sind sie ebenso klug wie leblos, und die Kunst verkümmert vom lebendigen Erleben zum blutleeren Begriff. Aber die "Anämie" lässt sich vermeiden, das zeigt das Kinderzuhause / Haus Burgweg in Burbach. Die Einrichtung zur Kurzzeitpflege und zum dauerhaften Wohnen und Leben schwerst mehrfachbehinderter Kinder und Jugendlicher nimmt mit ihrem außergewöhnlichen Projekt "andersART" am "Kunstsommer 2011" teil - und sorgt dabei ganz nebenbei auch für eine "Frischzellenkur" in Sachen Kunstbegriff.

Kunst der Begegnung

"AndersART war gar nicht geplant", erinnert sich Mechthild Jung. Geplant gewesen sei eigentlich nur die Freude, die die schwerstbehinderten Kinder und Jugendlichen erleben können, wenn sie sich auf die Entdeckungsreise zu Materialien, Farben und einfachem Handwerkszeug machen, erklärt die Kinderpflegerin. "Ich liebe es einfach, mit den Kindern zu malen und zu kleistern", lächelt sie. Und da kam ihr der vor einem Jahr ins Leben gerufene "offene Nachmittag" im Haus Burgweg mit der Kirchengemeinde Burbach gerade recht. Junge und Ältere, Behinderte und Nichtbehinderte treffen sich dienstags für zwei Stunden, um kreativ zu sein. "Die Idee war, Besucher hierher zu holen, weil wir mit den Kindern nicht einfach raus können", erklärt sie.

Mit dem Dino fing es an

"Miteinander" und "kreativ" - zwei genuin menschlichen Verhaltensweisen wird hier ein großer Entfaltungsraum gegeben. Mit Erfolg, wie die Besucherzahlen zeigen: "Von Anfang an kamen Besucher und haben mitgemacht", erinnert sich Claudia Kipping, die pädagogische Leiterin der Einrichtung, "und seither haben wir immer zwischen 15 und 20 Leuten, die mitmachen, ganz viele Jugendliche sind dabei." Die Federführung bei den offenen Nachmittagen hat übrigens der Heilerziehungspfleger Christoph Wohlfahrt. Das erste Ergebnis des kreativen "Labors" im Burgweg war ein Dino. Nicht einfach irgendein langweiliger Bronto-, Tyranno- oder anderer Saurier. Der etwas kantige Burgweg-Dino ist auf Draht, und das ist wörtlich zu verstehen. Denn über ein einfaches Drahtgestell wurde eine ordentliche Schicht aus Zeitung und Kleister gelegt. Die behinderten Kinder konnten Zeitungen reißen, auf das Gestell kleistern, später wurde der Dino bemalt und mit Bootslack wetterfest gemacht. Die Kinder erlebten Material, Formungsprozesse und ihre eigenen Gefühle beim Arbeiten. Damit aber waren sie schon mitten in genau der Auseinandersetzung, die viele Künstler suchen, wenn sie dem Material, mit dem sie arbeiten, sein Wissen und Wesen zu entlocken versuchen.

Teilnahme am Kunstsommer

"Diese Matscherei war einfach toll", erinnert sich Mechthild Jung lachend und weniger theoretisch. Und als der Dino dann mit offenem Maul im sonnigen Innenhof die Welt anstaunte, fand Mechthild Jung in der SZ den Aufruf zur Teilnahme am Kunstsommer. Sie traute sich, und "seitdem sind wir hier im Kunstfieber", schmunzelt Claudia Kipping. Die Arbeiten, die im Kinderzuhause vom 20. August bis zum 3. September gezeigt werden, bleiben bewusst unthematisch. Anleitung sei nötig, sagt Mechthild Jung, aber was sich daraus ergibt, ist ein tiefer Einblick in die Wahrnehmungswelt der jungen Burbacher Künstler. Da gibt es serielle Arbeiten, in denen einfache Reißtechniken sorgsam umgesetzt werden. Sie wirken wie eine Trophäensammlung detailverliebter Mikroskopblicke. Es gibt "freie" Arbeiten, in denen Material und Farbe in einen Dialog treten, Körperteilabdrücke, die eine fast befremdliche Intimität eröffnen, weitere Draht-Makulatur-Skulpturen sowie Papier- und Pappobjekte.

Kunst als praktischer Ausdruck von Gefühlen und Erfahrungen

Ohne Zweifel besteht hier eine tiefe Beziehung zur informellen Kunst und zu "art brut". "Informell" ist der Tanz zwischen Form und Material, "brut" die Kunst, weil sie (noch) an einer Wahrnehmungsgrenze angesiedelt ist. Nach und nach füllt sich also beim Betrachten der Kunstbegriff wieder mit Leben: mit Handlung und Selbstausdruck. "Die Kinder sind sehr zufrieden beim Arbeiten und fühlen sich wohl. Sie zeigen auf ihre Weise ihre Wahrnehmung beim Umgang mit den unterschiedlichen Materialien", berichtet Mechthild Jung. Nicht nur das: Gerade ihre Freude geben sie ganz und gar an die Besucher weiter, die mit ihnen zusammen arbeiten. Auch das ist ein Aspekt künstlerischen Arbeitens, und ein wichtiger dazu. "Viele sagen, es gehe ihnen nach der Arbeit mit ,unseren? Kindern viel besser", sagt Claudia Kipping. Sie weiß, dass auch diese schwerstbehinderten jungen Menschen "ein kreatives, faszinierendes Leben" haben. Und Mechthild Jung bringt es auf den Punkt: "Kunst kennt keine Behinderung", sagt sie überzeugt. Recht hat sie.



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