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Zukunftsforscher Miegel:

Wohlstand anders definieren

Olpe. "Die großen Trends von Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland und Europa" lautete der wenig griffige Titel des Referats, das am Donnerstagabend im Rahmen der jährlichen Unternehmertagung in der Olper Stadthalle zu hören war. Doch das, was Prof. Dr. Meinhard Miegel auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft der Unternehmerverbände des Kreises Olpe vortrug, war alles andere als sperrig.

win - Nach der Begrüßungsrede durch den Vorsitzenden des Arbeitgeberverbands, Felix G. Hensel (wir berichten noch), führte Miegel zunächst aus, worin sich die beiden Arten von Zukunftsforschern unterscheiden: die einen, die lineare Entwicklungen voraussagen, die anderen, die Brüche in der Geschichte deuten und Entwicklungen prognostizieren. Während die "Linearen" von einer Fortsetzung des Wirtschaftswachstums ausgingen, gehöre er zur zweiten Art, die wesentlich unpopulärer seien. Laut Miegel ist das Ende des steigenden Wachstums bereits überschritten. Die immensen Staatsschulden seien eine der Folgen, die nun bewältigt werden müssten.

Chaotischen Wandel prognostiziert

"In den nächsten 30 Jahren wird sich, ja, muss sich mehr ändern als in den 100 Jahren zuvor", so Miegel. Und er erwarte, dass dieser Wandel chaotisch, ungesteuert, vor sich gehen werde. "Wir werden von der Expansion zur Kontraktion kommen, vom Wachstum zur Schrumpfung." Wenn in naher Zukunft Brüche in der Entwicklung kämen, etwa durch das Durchschlagen der demografischen Entwicklung, "stehen wir vor einem Vakuum an Wissen, Können, Erfahrung - es sei denn, wird starten jetzt schon mit der Entwicklung von Instrumenten, es zu beherrschen."

Anhand eindrucksvoller Zahlen zeigte Miegel auf, wie rasant sowohl Bevölkerungs- als auch Wirtschaftswachstum in die Höhe geschnellt seien. "Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert des Roll-back, manche sagen, des Sterbens." Wer sehe, dass die Weltbevölkerung von 2,9 Milliarden im Jahr 1950 auf nun fast 7 Milliarden angewachsen sei und bis 2050 auf 9 Milliarden steigen werde, der wisse, dass dieser Trend sich nicht fortsetzen könne. Ein Rückgang bis zum Ende des 21. Jahrhundert sei sicher, manche gingen gar von einer Schrumpfung auf 1 Milliarde aus. "Sobald diese Schrumpfung eintritt, passen die Grundmuster unseres Denkens nicht mehr, die auf Wachstum fixiert sind."

"Von der Menge zur Güte"

Angesichts der bevorstehenden Kontraktion bei Weltbevölkerung wie Wirtschaftswachstum werde es notwendig, zurückzukehren zu Zeiten wie vor der Industrialisierung, in der die Natur nicht ver-, sondern gebraucht worden sei. Dadurch werde sowohl die Ressourcenknappheit wie auch die Entsorgungsproblematik umgangen. Hinzu komme, das enorm viel Geld aufgewendet werden müsse, um die vollzogenen Umweltzerstörungen, etwa an den Weltmeeren, zu reparieren. "Auch beim Wohlstand wird es von der Expansion zur Kontraktion kommen. Es ist eine Chance, auch künftig menschenwürdiges Leben zu ermöglichen." Rohstoffe wie Nahrungsmittel würden teurer, daher "werden sich Wachstum und Wohlstand entkoppeln". Wohlstand müsse neu definiert werden, "wir müssen verschüttete Dimensionen freilegen wie Kunst, Freunde, Lesen". Nicht Wachstum, sondern Bildung werde der Schlüssel zum neuen Wohlstand sein. "Das kann eine ungleich befriedigendere Epoche sein. Wir müssen vom ,Mehr ist besser? hin zum ,Weniger ist mehr?", von der Menge zur Güte." Donnernder Applaus ließ erkennen, dass Miegels Worte bei der Mehrzahl der Anwesenden als Motivation verstanden wurden.



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