Schwejk (Boris Wagner) gerät in Bedrängnis. Foto: aww
"Der brave Soldat Schwejk" im Hüttenhaus
Mitten im "Gruselkabinett"
Herdorf. Landestheater Dinkelsbühl überrascht mit einer ungewöhnlichen Inszenierung des "Schwejk". Sinnlosigkeit des Kriegs deutlich gemacht.
aww - Was sollen wir nun hierzu sagen? - Interessant gemacht? Anders als gedacht? Ein wenig abgedreht vielleicht? Etwas überdreht zuweilen? Irgendwie trifft das alles ein bisschen zu auf Stanislav Mosas Komödie nach Jaroslav Haseks berühmtem Roman "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk". Das Landestheater Dinkelsbühl brachte das Stück unter der Regie von Frank Piotraschke und auf Einladung des Kulturrings Herdorf am Mittwochabend auf die Bühne des gut besuchten Hüttenhauses und dürfte dabei den Erwartungen des einen oder anderen in Sachen Theater eher traditionell orientierten Zuschauers gewisslich nicht entsprochen haben. Was ja nicht von Übel sein muss. Eingangs wurde das Publikum über gewisse Besonderheiten des Abends in Kenntnis gesetzt, etwa darüber, dass das Theaterstück näher am Roman sei als die Verfilmungen mit Rühmann oder Muliar, dass mit Mitteln gearbeitet werde, wie sie früher das fahrende Volk - "die Bühne ein Zirkuszelt" - verwendet habe. Große braune Holzkisten dienten als "Platzhalter" für alles Mögliche. Das regte die Phantasie an, es wurde nichts vermisst.
Tempo stark gedrosselt
Stark geschminkte Augen - allein Schwejk kam "natürlich" daher - und eine uniforme Basisbekleidung unterstrichen den Charakter des Morbiden, der den Figuren, von der naiv-bauernschlauen Hauptfigur einmal abgesehen, anhaftete. Schwejk (nett böhmakelnd, überzeugend und auf den Punkt gespielt von Boris Wagner), der gerne einmal so tut, als könne er nicht bis drei zählen, obwohl er es natürlich sehr wohl kann, der sogar behördlich bestätigt ein notorischer Idiot ist, der er natürlich keinesfalls ist, schien inmitten des "Gruselkabinetts" an weiteren Figuren vom zügellos saufenden Feldgeistlichen über die untreue, augenscheinlich nymphoman veranlagte Ehegattin des Herrn Wendler bis zum "Latrinengeneral" der einzige "Normale" zu sein. Für eben jenes "Gruselkabinett" brauchte es ein überzeugendes Restensemble mit Marina Kopp, Julia Eckers, Andreas Peteratzinger, Thorsten Engels und Bernd Berleb, die allesamt in diverse Rollen schlüpften. Schauspielerisch gab es nicht auszusetzen (für die gelungene Zeitlupen-Kampfszene wollte sogar fast einmal Szenenapplaus aufkommen), solange man mit darstellerischer Übertreibung, nicht nur aber vor allem in den wortlosen, musikalisch untermalten, expressiven Zwischenszenen leben konnte. Nach anfänglich recht starkem Betrieb, wurde das Tempo im weiteren Verlauf des Stückes ein wenig gedrosselt, was einerseits recht angenehm war, andererseits die eine oder andere Länge deutlicher werden ließ.
Stoff zum Nachdenken
Freilich war es schön anzusehen, wie sich der kleine Mann Schwejk den Obrigkeiten zum Trotz, seien sie nun staatlicher, kirchlicher oder militärischer Natur, immer wieder durch missliche Lagen hindurch laviert, wie er immer aufs Neue letztlich am längeren Hebel sitzt, wenn auch nur dadurch, dass er etwa einen Vorgesetzten durch seine penetrante Nervigkeit völlig entnervt und zu Resignation und Aufgabe zwingt. Zu sehen war eine Komödie, die zuweilen leise schmunzeln ließ, die aber auch viel Stoff zum Nachdenken bot. Nicht nur am Ende, im Schützengraben, als Kanonenfeuer und Kugelhagel dröhnten und Brutalität und Sinnlosigkeit des Krieges überdeutlich wurden.




