Der Historiker Dieter Pfau erinnerte an die Geschichte jüdischer Familien.
Holocaust-Gedenktag
Kritische Erinnerungskultur unverzichtbar
Littfeld. Am Fred-Meier-Platz in Littfeld wurde der Opfer des Nazi-Regimes gedacht und zu Zicilcourage aufgerufen.
nja- "Die brutalen und grausamen Verbrechen einer rechtsradikalen Terrorzelle in Zwickau in unseren Tagen gehen auf dasselbe perverse Gedankengut zurück wie die Verschleppung und Ermordung von Fred Meier, seiner Familie und Millionen von Menschen in ganz Europa vor 70 Jahren", sagte Kreuztals Bürgermeister Walter Kiß am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Deutschland habe sich im Laufe der Nachkriegsjahre eine stabile Demokratie aufgebaut, in der Verfolgung von Minderheiten und Antisemitismus gesellschaftlich geächtet seien. Antisemitismus und Rechtsextremismus seien jedoch keine "Phänomene des Dritten Reiches und keineswegs mit dessen Untergang verschwunden". Und: Die schützende Decke der Zivilisation sei nicht so dick "wie sie sein sollte".
Historische Verantwortung
Menschenverachtenden Ideologien "müssen wir uns ganz entschieden und gemeinsam entgegenstellen", so der Bürgermeister. Am Fred-Meier-Platz in Littfeld, benannt nach dem dreijährigen jüdischen Jungen, der 1943 von den Nazis deportiert und anschließend umgebracht wurde, gedachten Stadt Kreuztal und die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Siegerland zum 29. Mal der Holocaust-Opfer. Auch in Kreuztal sei Unrecht geschehen "und wurden Verbrechen an unseren Mitbürgern begangen", so Kiß. Die Stadt erkenne ihre historische Verantwortung; die Geschichte der damals hier lebenden Juden "aufzuarbeiten und niederzuschreiben halte ich für eine besondere Verpflichtung ihnen, aber auch der Nachwelt gegenüber", meinte er mit Blick auf die soeben erschienene Publikation des Historikers Dieter Pfau.
Enteignung und Deportation
Dieser erzählte, wie sich jüdische Familien im nördlichen Siegerland eine Existenz aufgebaut hatten, im Vereinsleben integriert waren, und wie dann Ausgrenzung, Diskriminierung, Enteignung und Deportation erfolgten. "An der gnadenlos betriebenen nationalsozialistischen ,Judenpolitik?, die in den Massenmord mündet, sind die örtlichen Behörden, der Amtsbürgermeister in Ferndorf und der Bürgermeister in Littfeld von Amts wegen beteiligt. Die Geschichte der Juden im Amt Ferndorf endet mit den Deportationen und mit ihrer Ermordung in den Vernichtungslagern im Osten", so Pfau. Neben Fred Meier und seiner Mutter Minna sei vielleicht auch der Vater Siegfried in Auschwitz ermordet worden. Schon im Juli 1942 sei die 77-jährige Sarah Meier aus Littfeld erst nach Theresienstadt und dann nach Treblinka verschleppt und getötet worden. "Bereits am 28. April 1942 sind fünf weitere Juden aus Littfeld ins Ghetto Zamosc deportiert und wenig später ermordet worden: Raphael Meier, seine Frau Johanna und seine Schwägerin Eva Marx und Toni Meier mit ihrer Tochter Grete. Zum Gedenken an die neun Angehörigen der Familie Meier aus Littfeld und von Johanna Rosenhelm aus Krombach sind wir heute hier zusammengekommen." Dieter Pfau betonte: Auch 67 nach nach der Auschwitz-Befreiung sei eine kritische, lebendige Erinnerungskultur unverzichtbar.
Jugendliche forderten Zivilcourage
Mit Michaela Vidlakova weilte einmal mehr eine Zeitzeugin des Holocaust in Littfeld, die dem Tode damals nur knapp entkommen war. Nach dem Krieg sei Deutschland für sie das Land der Feinde und Verbrecher gewesen - heute lebten einige ihrer besten Freunde hier: "Ist das nicht ein Wunder?" Mit Sarah-Desiree Marx und Heba Almozil ergriffen ferner zwei Jugendliche, die den Littfelder Jugendtreff "Glonk" besuchen, das Wort. Millionen Menschen seien dem Naziregime zum Opfer gefallen: "Wie konnte das passieren? Wieso konnte über Jahre hinweg eine Diktatur bestehen, in der jegliche Menschenrechte verachtet wurden? Wieso wussten viele nichts davon, was hinter den Mauern von Konzentrationslagern passierte", fragten sie. Auch heute dürfe bei Unrecht nicht weggesehen, müsse gehandelt werden. Das Schlüsselwort laute: "Zivilcourage".




