Hier machen sie gerade in Afrika Station: Rebecca Carrington, Colin Brown und Joe, das Cello. Was es von dort zu hören gibt? "The Lion Sleeps Tonight" natürlich. What else? Foto: Kreuztal Kultur/A. Kiß
Duo "Carrington Brown"
Hemmungslos und virtuos
Kreuztal. Zusammen mit Cello Joe lieferten die beiden Engländer "Musical Comedy" at its best. Zu erleben war eine Reise um die Welt der Musik.
zel - Joe ist eine multiple Persönlichkeit. Äußerlich ist er ein Cello aus dem 18. Jahrhundert. In ihm drin stecken aber ein Dudelsack, eine Bossa-Nova-Gitarre und eine ziemlich große Blues-Fiddle. Nicht zu vergessen: Er ist auch eine Sitar! Bollywood lässt grüßen. Joe muss ein ziemlich fröhliches Cello sein, denn er darf all seine Facetten ausleben, wenn Rebecca Carrington auf ihm spielt. "Mit Schirm, Charme und Cellone" geht sie in ihren Konzerten auf Reisen, einmal um die ganze Welt, einmal durch die ganze Welt der Musik, von Dvorák bis Derry, von Schottland bis Seeed, "Vivaldipanema" sozusagen. Konzert? Ein Auftritt von Rebecca Carrington ist viel mehr als das. Seit 2007 ist sie mit ihrem Bühnen- und Lebenspartner Colin Brown als Duo "Carrington Brown" unterwegs, aber eigentlich sind sie ja drei: Zusammen mit Joe liefern sie köstliche "Musical Comedy", die neben der Cello-Musik in jeder nur denkbaren Variation Gesang und viel Witz bietet - so auch am Freitagabend in der Stadthalle Kreuztal, wo "just the three of us" mal wieder umfassend bejubelt wurden.
Das Cello ist kein Klotz am Bein - im Gegenteil
Sie leben mittlerweile in Berlin (als schwarzes und weißes Alien in Deutschland, wie sie zur Melodie von Stings "Englishman in New York" sangen), aber jede Faser an Rebecca Carrington ist noch immer very british. Sie vergisst nicht ihren Gin und ihren überbordenden Humor, wenn sie mit für deutsche Ohren reizvollem Akzent von ihren Stationen als professionelle Cellistin erzählt (Straßenmusik, Hochzeitsstreichquartett und renommierte Orchester) und von ihren Reisen in alle Welt, wo sie der Folk Music des jeweiligen Landes auf der Spur war. Anders als "Der Kontrabass" in Patrick Süskinds Monolog eines Orchestermusikers ist Joe, das Cello, ihr dabei kein Klotz am Bein, sondern ein Türöffner zur Seele der Menschen, weil sie mit ihm so frei, so lustvoll umgeht, dass es eine helle Freude ist. Gleichzeitig singt sie dazu klassisch oder komisch, ganz nach Belieben. Ihr Vater war lange Jahre Mitglied der King's Singers. Vielleicht deshalb...
"Du spieltest Cello", das musste einfach sein
Jetzt sind sie aber drei auf der Bühne, denn Colin Brown bleibt - ganz anders als Seal bei Heidi Klum - keineswegs im Hintergrund. Der Mann mit der tiiiiefen Bass-Stimme, der bereits als Background-Sänger mit Robbie Williams auf Tour war, ist sich für nichts zu schade, um Rebecca und Joe auf die komische Art zu unterstützen, und wenn er dafür den Schottenrock lüpfen muss. In immer wieder neuen Kostümen geht er mit auf Weltreise, macht den Jamaika-Mann ebenso wie den gefiederten brasilianischen Schüttelei-Shaker (ach nein, es war ja eine Dose Kaugummi, Extra, ohne Zucker). Er ist die Beatbox, zu der Rebecca Carrington - wo nimmt sie diese Töne bloß her? - mit Lippen und Stimme die imaginäre Trompete bläst, er ist der Gesangspartner, wenn die beiden ganz ernsthaft und wunderschön das englische Volkslied "Waly Waly" interpretieren. Und dann ist er wieder ein Udo-Lindenberg-Imitator bei dem unvermeidlichen Lied "Du spieltest Cello". Er ist natürlich auch ein charmanter Plauderer und großer Animator. Das Publikum lässt sich nicht zweimal bitten, bei "The Wild Rover" mitzusingen und punktgenau zu klatschen.
Spaß an Sprachwitz und Indern, Russen, Texanern...
Was fehlt nun noch, um die drei Chamäleons da auf der Bühne zu beschreiben? Aha! Rebeccas Sprachwitz und der Spaß, mit Akzenten aller Art ihren Schabernack zu treiben. Sei es der zuckende, kopfwackelnde Inder, sei es der laaangsam sprechende Texaner, seien es die amerikanischen Quietsch-Mädchen ("Oh my god!"), sei es die russische Oper (einfach Englisch rückwärts sprechen, bingo!) oder seien es die fremdsprachenresistenten Franzosen: Rebecca schaut genau, hört genau und kann alles, nie böse, immer augenzwinkernd, in ihr Programm integrieren. An das deutsche Wort "Fahrtwind" hat sie sich noch nicht gewöhnt, "Fahrt" hört sie einfach immer mit ihren englischen Ohren...
Sooo viele Persönlichkeiten, sooo viele Lieder
Die der "Konzert"-Besucher in Kreuztal schlackern nach zwei Stunden. Viel, wild, hemmungslos und virtuos war es, drei Persönlichkeiten auf der Bühne waren gefühlte 286103, die 96453 Lieder spielten und sangen. Was will man mehr? Mehr will man nicht.




