kopf

Mit gesatteltem Pferd

Matthias Deutschmann enthielt sich nicht

Siegen. Politisches Kabarett mit dem gebürtigen Betzdorfer Deutschmann im Lÿz. Intelligente Unterhaltung und Stoff zum Nachdenken.

bö - Bei Matthias Deutschmann kann der Zuhörer oft etwas lernen. Mit nach Hause nehmen, hieß das früher, als sich das Kabarett in erster Linie als moralische Institution sah und die Erregung bei den Großkopferten in Politik, Wirtschaft oder der Kirche oft groß war, wenn unbequeme Wahrheiten ausgesprochen wurden. Inzwischen wirken Kabarettisten oft wie die Hofnarren unserer Zeit. Wenn Deutschmann Thilo Sarrazin zitiert, dann amüsieren wir uns über die Aussage des ums Aussterben der Deutschen fürchtenden Autors und - das war's dann auch schon. Auch deshalb wohl erklärt der Mann mit dem Cello den Begriff Kabarett folgendermaßen: "Wir sind alle der gleichen Meinung, aber ich habe es auswendig gelernt." Der Satz von Sarrazin? Den teilt der Mann auf der Schauplatz-Bühne im Lÿz, der nicht nur auswendig lernt, sondern sich auch Einiges einfallen lässt, uns am Samstagabend natürlich mit: "Die Indianer in Nordamerika haben im 18. Jahrhundert eine völlig verkehrte Einwanderungspolitik betrieben." Aha! Irgendwann kommt auch noch ein Statement unserer Kanzlerin zur Sprache: "Verwechseln Sie unsere Enthaltung nicht mit Neutralität." Aha, aha!

Von Luther und dem Papst

Die Zeiten, als die Überbringer schlechter Nachrichten um ihr Leben fürchten mussten, sind Geschichte, aber trotzdem bleibt die von Deutschmann mitgebrachte kaukasische Reiterweisheit hängen (praktisch zum Mit-nach-Hause-Nehmen): "Wer die Wahrheit verkünden will, der sollte sein Pferd gesattelt lassen!" "Ich hab's im Siegerland so oft seriös versucht", erklärt Matthias Deutschmann, als er sich unter anderem mit Charlotte Roches literarischen Ergüssen und Martin Luthers verbalen Derbheiten auseinandersetzt und kräftig anal-ysiert. Nein, unseriös ist einer "der" politischen Kabarettisten Deutschlands sicher nicht, vielmehr findet er die richtigen Worte zu den richtigen Themen. Was Luther wohl zu Ackermann gesagt hätte, werden wir nie erfahren, aber wenn man seine hier nicht zitierfähige Aussage Luthers über den Papst im Hinterkopf hat... Mit dem lockeren Warm-up hat Matthias Deutschmann, der als gebürtiger Betzdorfer in Freiburg lebt und die Siegerländer Befindlichkeiten kennt, das Publikum schnell gepackt. Die Leistung zwischen der Bühne und den rund 250 aufmerksamen Besuchern steht über mehr als zwei Stunden störungsfrei. Und wenn bei den biografischen Einsprengseln ein Zwischenruf aus dem Zuschauersaal kommt, dann wird improvisiert.

Ende der Postmoderne

Natürlich kommt Matthias Deutschmann nicht an der Tagesaktualität, die Christian Wulff heißt, nicht vorbei, aber er bleibt nicht an ihr kleben. Er beschäftigt sich mit allen bisherigen Bundespräsidenten, dem Besuch des Papstes in Freiburg ("Der Benedetto war los!") und den Griechen ("Die sollen sparen und gleichzeitig die Wirtschaft ankurbeln, das ist Kapitalismus im Endstadium"). Natürlich kommt er am Verfassungsschutz nicht vorbei, erklärt warum die griechische Hölle die beste ist und wie Schlingensief die Postmoderne in Bayreuth beendet hat. Der Bahnhof Stuttgart braucht seiner Meinung nach die Siegerländer nicht zu interessieren: "Wenn sie nach Bratislava wollen, fahren Sie nicht über Stuttgart, sondern fliegen über Katzwinkel." Danke für den Tipp. Und für einen spannenden Abend, der die kleinen grauen Zellen nicht unterforderte, aber zudem viel Spaß gemacht hat. Nicht zuletzt, weil Deutschmann bewies, dass seine in Betzdorf begonnene musikalische Ausbildung hörbar Früchte getragen hat. Gesanglich und auf dem Cello. Das Spektrum reicht vom Spiritual über Klassisches bis zur "West Side Story" und "Smoke On The Water". Wiederhören und -sehen erwünscht. Mit gesatteltem Pferd natürlich.



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