"Schwarzwaldklinik" in der WG-Küche: Rosie (Anne Reuter), Benny (Knut Vanmarcke), Dieter (Dirk Voßberg) und Tanja (Nicole Seeger) operieren in der 80er-Jahre-Revue "99 Luftballons" ein Grillhähnchen zu Tode. Himmelschreiend komisch! Foto: zel
Familie Malente
Jenseits von Eden
Siegen. Mit der liebevoll-ironischen 80er-Jahre-Revue "99 Luftballons" ging es schnurstracks zurück in ein ebenso cooles wie absurdes Jahrzehnt.
zel - Das Monchichi sitzt am Küchenfenster, der blaue Umweltengel klebt am Kühlschrank. Die rote Sonne von Barbados scheint gleißend hell auf zitronengelbe Bundfaltenhosen und weinrote Blousonjacken. "Ich geb Gas, ich will Spaß" - das galt in den 80ern und das gilt am Dienstagabend im voll besetzten Apollo-Theater Siegen, wo die Familie Malente - es war noch Karneval - ihre 80er-Jahre-Revue "99 Luftballons" gibt. Vico und Peter Malente (im wahren Leben Dirk Voßberg und Knut Vanmarcke) präsentieren, nach Ausflügen in die 50er-, 60er- und 70er-Jahre (gern und oft in Wilnsdorf gespielt), ihren neuesten Streich: eine musikalisch-komödiantische Fahrt in ein Jahrzehnt, das in der Rückschau so cool wie spießig, so wild wie absurd war.
Das "Tropical" als Drogeriemarkt?
Die Rahmenhandlung: Tanja (Nicole Seeger) und Dieter (Voßberg) treffen sich heute in der leer stehenden Diskothek "Tropical" am Marktplatz wieder. Sie Immobilienmaklerin, er auf der Suche nach einem neuen Standort für einen Drogeriemarkt. Mir nichts, dir nichts kommen die Erinnerungen an die Jugend in einer WG vor 30 Jahren hoch - und schon geht die schnelle Fahrt zurück in die Zeit unmöglicher Frisuren (Stu-Stu-Stu-Studio Line war einfach unverzichtbar), unmöglicher Klamotten (Apfelgrün und Pastell gingen damals Hand in Hand), unmöglicher Songs (aber dazu später) und unmöglicher Fernsehsendungen ("Dallas" oder "Denver Clan" - eine Gewissensfrage). Wer heute zurückblickt, kann sich nur wundern und sich liebevoll erinnern an die eigenen Geschmacksverirrungen, die noch keine waren. Stichwort: Aerobic-Outfit.
Wer telefoniert denn hier immer so viel? - E.T.
Das Bühnenbild zeigt im Hintergrund Pac Man und eine Showtreppe, rechts die WG-Küche, in der Rosie (Anne Reuter), Tanja, Dieter und Benny (Vanmarcke) ihr junges Leben ohne viel Geld, aber mit großen Träumen (Interrail!) zusammen angehen wollen. Zurück nach Wilnsdorf ins begüterte, behütete Elternhaus will Dieter jedenfalls nicht, auch wenn die Telefonrechnung immens hoch ist - E.T. ist schuld! In immer wieder neuen tollen Kostümen kommen die vier auf die Bühne, vom Popper zum Öko zum Punk war es damals nur ein Katzensprung. Neben den vier Protagonisten aus der WG erscheinen die Schauspieler und Sänger in Sketchen (Prinz Charles sucht bei Rudi Carrell sein "Herzblatt" Diana, Elizabeth oder Camilla, die Ärzte aus der "Schwarzwaldklinik" operieren ein Grillhähnchen zu Tode...) und immer wieder als Popstars von einst.
Modern Talking und David Hasselhoff - oh je
Deutsche und englische Schlager und Hits am laufenden Band (zur Musik vom laufenden Band) präsentiert die Familie Malente so, dass die Texte halbwegs auf die Lebenssituation der vier jungen Leute passt - oder auch mal gar nicht, wenn Viktor Worms die "Hitparade" übernimmt. Zwei absolute Highlights: Voßberg als kleiner Al Bano und Vanmarcke als überlebensgroße Romina Power mit ihrem "Felicitá" oder die beiden als Modern Talking - au, au, au! Vanmarcke selbst muss öfter lachen, was seine Interpretationen von "I've Been Looking For Freedom" (die Mauer ist gefallen, der Besuch aus dem Osten ist da!) und der "Polonaise Blankenese" noch lustiger macht. Dirk Voßberg singt und spielt hinreißend den Versicherungsvertreter Herrn König ("Denn wer sich Allianz versichert..."), Anne Reuter quietscht als Madonnas "Material Girl", und Nicole Seeger gibt - in perfekt abgeschauter Mimik und Aussprache - die Gitte ("Ich will alles") ebenso wie die bügelnde Mama ("Dann heirat' doch dein Büro"). Und vieles, vieles mehr.
Tragbare Telefone haben sich leider durchgesetzt
Die Show ist liebevoll ironisch, ohne ätzend zu sein, das macht sie zum Spaß für ältere Abonnenten wie für solche Theatergänger, die einst selbst Netzhemd trugen und den weinenden Pierrot im Zimmer sitzen hatten. Als Dieter und Tanja sich mit ihren Handys im Heute wiederfinden (tragbare Telefone haben sich leider doch durchgesetzt) und beschließen, dass das "Tropical" kein Drogeriemarkt werden darf, bricht der Jubel los. Eine um die andere Zugabe muss die "künstliche Kunstfamilie" geben, das "Bruttosozialprodukt" vom Anfang beschließt am Ende die Zeitreise, die das Publikum nach "Jenseits von Eden" gebracht hat. War das schön!




