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02.10.2017 17:45
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 Dr. Dietmar Preißler (r.) nahm sich nach seiner Rede Zeit für ein Gespräch mit seinem Publikum. Foto: Michael Roth

Dr. Dietmar Preißler (r.) nahm sich nach seiner Rede Zeit für ein Gespräch mit seinem Publikum. Foto: Michael Roth

Siegener feiern den Tag der Deutschen Einheit

Das Grundgesetz lebt 

mir - Sag einer, die Einheitsfeiern seien dröge oder gar überflüssig. Ganz im Gegenteil. Jedenfalls präsentierte die Stadt Siegen am Dienstagmorgen zur Feierstunde im vollbesetzten historischen Ratssaal einen Redner mit profundem Detailwissen: Dr. Dietmar Preißler, Historiker und Sammlungsdirektor im Haus der Geschichte in Bonn.

Preißler fühlt sich nach eigenen Angaben dem Grundsatz von „public history“ verpflichtet, entsprechend nahm er sein Publikum mit auf eine Reise ins Jahr 1948 und die ersten zaghaften Schritte hin zu einem Grundgesetz. Grundsätzlich steht er dem 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, positiv gegenüber: „Ein Land braucht Erinnerungsorte.“

Seiner Ansicht nach gehöre auch das frühere IG-Farben-Haus in Frankfurt (heute Teil der Uni) dazu. Dort hätten die Militärgouverneure der drei Westmächte den Verfassungsauftrag erteilt. Oder das Berghotel Rittersturz bei Koblenz, dort saßen im Sommer 1948 die Ministerpräsidenten beisammen, um erstmals die Vokabel vom „Parlamentarischen Rat“ zu benennen. Oder das Politiker-Treffen in einem Jagdschloss beim Niederwald-Denkmal. Preißler: „Im Gegensatz zu anderslautenden Aussagen sage ich, Adenauer war nicht dabei.“ Eine weitere wichtige Station im Sommer 1948: Prien in Bayern, dort bastelte ein Kreis von Verfassungsexperten am genauen Wortlaut des späteren Grundgesetzes.

Aber: Alle genannten Orte spielen im öffentlichen Bewusstsein keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Das Hotel bei Koblenz etwa gibt es nicht mehr, es musste wegen eines drohenden Bergsturzes abgerissen werden. Eine schlichte Gedenkstätte erinnert an den historischen Ort.

Ja, Preißler offenbarte noch ein pikantes Detail: „Beinahe hätte es das Grundgesetz gar nicht gegeben. Die Besatzungsmächte störten sich an dem Namen, sie wollten eine Verfassung erarbeitet sehen. In der Tat, es war als Provisorium für den Übergang gedacht. Max Brauer, der damalige Bürgermeister von Hamburg, hat den Alliierten das Grundgesetz als ,Basic’ erklärt, damit waren sie einverstanden. Heute zeigen alle Umfragen, die große Mehrheit der Deutschen ist für dieses Grundgesetz.“

Auf den ersten Blick eine seltsame Frage: Wie tierisch ist das Grundgesetz? Der Parlamentarische Rat tagte im Museum König, „und existiert die Aussage, die Giraffen schauten von oben zu“, so Prießler: „Das stimmt nicht, alle Tiere waren zugehängt, wir haben die Fotos genau analysiert. Bis auf ein Skelett eines Elefanten, das war dabei. Und auf der Galerie ein paar Flugtiere.“ Eigentlich sei das Museum aber nur der Ort für die Eröffnungsfeier gewesen, die eigentliche Arbeit am Grundgesetz habe in der pädagogischen Akademie stattgefunden, wo später der Bundesrat seinen Sitz hatte.

Interessant, es existieren Tonaufnahmen von den Beratungen. Preißler spielte sie vor. Beispielsweise eine Debatte mit zwei Kommunisten, die unter allen Umständen das Zustandekommen des Grundgesetzes verhindern wollten. Am Ende floss doch noch die Tinte. Oder doch nicht? Preißler: „Adenauers Unterschrift unter das Grundgesetz war inszeniert. Auf dem historischen Foto taucht er den Füller in ein vor ihm stehendes Tintenfass, das er aus Köln mitgebracht hatte. Da war aber keine Tinte drin, die befand sich in den Kolben der bereitliegenden zwölf Füllfederhalter, mit denen die 94 Unterschriften geleistet wurden.“ Was wäre das ein Gekleckse geworden, wenn jeder Tinte aus dem Tintenfass genommen hätte.

Wo wird das Original des Grundgesetzes aufbewahrt? In einem Tresor der Verwaltung des Bundestags in Berlin. Öffentlich präsentiert wird es äußerst selten, beispielsweise bei der Vereidigung des Bundespräsidenten. Eine Zweitversion gibt es nicht, Preißler jedenfalls sieht im Besatzungsstatut von 1949 einen „Zwilling“, mit dem Dokument hätten die drei Westmächte den Verfassungsauftrag formuliert. Dass das Grundgesetz unter Verschluss gehalten wird, findet der Bonner Historiker nicht so gut: „In den USA sind solche historisch wichtigen Dokumente öffentlich zugänglich. Warum ist das bei uns nicht der Fall?“

Klar Stellung zum Tag der Deutschen und der Einheit bezog Bürgermeister Steffen Mues. Auch nach 27 Jahren sei das Grundgesetz aktuell, die freiheitlich demokratische Grundordnung sei unantastbar. Zugleich betonte er die Würde des Menschen als grundlegendes Element des Grundgesetzes. Mues: „Zusammen sind wir Deutschland.“ Scharf verurteilte er die rechtsradikalen Pöbeleien im Wahlkampf, „das war beinahe volksverhetzend“.

 Umrahmt von Fahnen präsentierte sich am Dienstag die Nikolaikirche. Foto: Michael Roth

Umrahmt von Fahnen präsentierte sich am Dienstag die Nikolaikirche. Foto: Michael Roth

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