Kultur
04.11.2015 19:35
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Martin Sonneborn, Bundesvorsitzender und EU-Parlamentsabgeordneter der PARTEI, referierte am Dienstag im Apollo in einem Lichtbildervortrag über den Aufstieg der Satire-Partei. Foto: zel
Martin Sonneborn, Bundesvorsitzender und EU-Parlamentsabgeordneter der PARTEI, referierte am Dienstag im Apollo in einem Lichtbildervortrag über den Aufstieg der Satire-Partei. Foto: zel
Wenig Arbeit im Europaparlament

Inhalte überwinden mit Sonneborn

zel - „Wir sind eine Partei, weil wir eine Partei sind.“ – „Es kann links und rechts von der PARTEI nichts geben.“ – „Inhalte überwinden!“ – „Das Bier entscheidet.“ Alles ist richtig, was Martin Sonneborn an diesem Abend im Apollo-Theater in „Dings“ (es ist Siegen) sagt. Und alles ist genau so falsch wie das, was die etablierten Parteien versprechen und tun. Satire macht, dass wir das erkennen. Die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiativen (kurz: PARTEI) gibt es seit 2004; die Redaktion des Satiremagazins „Titanic“ hat sie gegründet, bei dem Sonneborn seit 1995 als Redakteur arbeitete und dessen Chefredakteur er von 2000 bis 2005 war. Heute ist er EU-Parlamentsabgeordneter – die Abschaffung der Drei-Prozent-Hürde machte es möglich. In Brüssel und Straßburg stimmt er abwechselnd mit „Ja“ oder „Nein“ (wobei das Muster etwa beim Thema TTIP auch durchbrochen werden kann – „TTIP ist nicht gut“) und ist mit 33 000 Euro monatlich finanziell recht gut ausgestattet – „eine absurde Summe Geldes“. Wie er wurde, was er ist, erklärte Sonneborn am Dienstagabend einem eher jungen Publikum in seinem multimedialen Vortrag zum Thema „Krawall und Satire“. Es war sehr lustig.

„Bla bla blablabla blabla“

Sonneborn zeigte und kommentierte Lichtbilder vom Entstehen und Wirken der PARTEI. Zum einen machten sich die Satiriker über Wahlplakate der Konkurrenzparteien her und erstellten „2.0-Versionen“. Das können sie einfach supergut bei der „Titanic“: sich an Vorgeschaffenem orientieren und es ummünzen, komisch bis böse bis unter aller Sau: Wenn Udo Voigt auf einem Motorrad sitzend auf einem NPD-Wahlplakat „Gas geben!“ verspricht und dieses Plakat vor dem Jüdischen Museum hängt, hängt Die PARTEI dieses drüber: ein gecrashtes Auto mit einem Konterfei von Jörg Haider: „Gas geben!“ Sonneborn zeigte zahlreiche dieser eigenen Plakate und „Wahlplakatergänzungsaufkleber“ aus den Anfängen, später hatte Die PARTEI – auch dank der Band Die Ärzte – auch Geld für Großformate, auf denen etwa vier PARTEI-Politikerinnen „Bla bla blablabla blabla“ versprechen. Drunter steht übrigens noch: „Wenn Sie uns wählen, lassen wir die 100 reichsten Deutschen umnieten.“ Die „Bild“ stellte ein paar Tage später „Die 500 reichsten Deutschen“ vor.

FDP-Wahlparty mit Sekt und Konfetti gecrasht

Der PARTEI-Vorsitzende berichtete von manchem Wahlerfolg, so in der Größenordnung von 0,9 Prozent („das beste Ergebnis seit dem Krieg“), von plötzlichen Sitzgewinnen in Parlamenten und Aktionen wie einem „zufälligen Treffen“ von 40 Leuten mit Fackeln am Brandenburger Tor, das „rechte“ Bilder produzierte, ganz, wie man es bei der Konkurrenz von der NPD mag. Die PARTEI beschäftigt immer wieder mal Polizei und Justiz, sie ist ein Stachel im Fleisch und dreht und wendet sich mit ihren Widerhaken lustvoll darin. Eine Wahlparty der FDP (1,9 Prozent!) zu crashen, Sektkorken knallen zu lassen und Konfetti zu werfen, ist keine üble Idee. Eine hübsche Bild-Text-Schere habe sich da aufgetan für die Fernsehsender: „Lange Gesichter bei der FDP“?

Filme auch aus der ZDF-„heute-show“

Weil Sonneborn auch lange Außenreporter für die ZDF-„heute-show“ war und die Rubrik „Spam“ bei „Spiegel Online“ verantwortet, zeigte er einige Filme, die er für diese Medien produziert hat, zum Beispiel über den monatlichen Umzug des EU-Parlaments von Brüssel nach Straßburg (Kostenfaktor pro Jahr: 180 Mill. Euro). Hier und dort macht der fraktionslose EU-Abgeordnete kaum seine Arbeit (was sollte die auch sein?), aber er fördert Innenansichten zutage, die den ganzen Zirkus und seine Artisten mit zum Teil kruden politischen Ansichten (kruder ist die Forderung der PARTEI, die Mauer wieder aufzubauen, auch nicht) entlarven, und damit ist auch schon viel gewonnen.

Publikum „muss morgen wieder früh auf die Felder“

Der „Herr Magister“ (für die Studenten im Saal) oder „Seine Exzellenz“ beantwortete gerne Fragen – mit weiteren Filmen und Bildern und Einlassungen – und entließ nach fast drei Stunden seine Zuhörer und -seher mit einiger Erkenntnis versehen in die Nacht. Sie müssten ja am nächsten Morgen wieder früh auf die Felder. Das der Satire weiß man bei Herrn Sonneborn MdEP, übrigens auch Mitglied der Delegation für die Beziehungen zur Koreanischen Halbinsel, auf jeden Fall weiterhin gut beackert.

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