Kultur
11.11.2017 13:00
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 Takako Saito hat „You And Me. Retrospektive und Ausblicke“ im Museum für Gegenwartskunst Siegen selbst eingerichtet. Die japanische Fluxus-Künstlerin fächert ihren ganzen Kunst-Kosmos auf und lädt die Besucher zum Mitspielen ein. Foto: zel

Takako Saito hat „You And Me. Retrospektive und Ausblicke“ im Museum für Gegenwartskunst Siegen selbst eingerichtet. Die japanische Fluxus-Künstlerin fächert ihren ganzen Kunst-Kosmos auf und lädt die Besucher zum Mitspielen ein. Foto: zel

Wiederentdeckung im Museum für Gegenwartskunst

Takako Saito: Retrospektive

zel - Spielen Sie Schach? Was, wenn Bauer und Konsorten alle gleich aussähen und nur über ihr Gewicht oder ihren Geruch zu identifizieren wären? Was, wenn Ihr Schachbrett eine Spirale wäre – oder ein Hut – oder ein Ohr? Es braucht neue, andere Strategien, das Strategiespiel zu spielen, wenn Takako Saito ihre Finger im Spiel hat. Die Fluxus-Künstlerin erfindet, bastelt und baut seit 1963 Schachspiele – bis heute sind es über 100 verschiedene. Zahlreiche hat sie aus Düsseldorf mit nach Siegen gebracht, denn hier wird am Sonntag, 12. November 2017, ihre erste große Retrospektive (und Ausblicke!) eröffnet: „You And Me“ heißt sie und setzt ganz auf Kommunikation, Kooperation und Interaktion zwischen Künstlerin, Kunstwerk und Besucher. Du und ich: Wir spielen!

Wiederentdeckung von Saito ist geglückt

Die Einladung kommt im Museum für Gegenwartskunst nicht ganz unvermittelt. Schon in der Ausstellung „Performative Installation“ (2003/2004) durften Besucher Hand anlegen, und natürlich auch in der Themenausstellung „Faites vos jeux! Kunst und Spiel seit Dada“ (2006). Hier waren Arbeiten von Takako Saito erstmals in Siegen zu sehen – und jetzt fächert die 1929 in Japan geborene und seit 1978 in Düsseldorf lebende Künstlerin ihren ganzen Kunst-Kosmos für das Publikum auf. Museumsleiterin Dr. Eva Schmidt ist zusammen mit dem Kölner Kunsthistoriker und Kurator Dr. Johannes Stahl eine Wiederentdeckung geglückt, die zu entdecken sich lohnt, die verblüfft und beglückt. Wer nach dem Museumsbesuch einen Anschlusstermin hat, wird ihn verpassen – es ist sooo viel zu sehen: rund 200 Arbeiten von den 1960ern bis heute.

DIY liegt im Trend

Warum jetzt? Weil die 60er-Jahre und Fluxus gerade wieder wiederentdeckt werden, wie Dr. Eva Schmidt sagt, und hier – in dieser männlich geprägten Bewegung, die aus Kunst und Leben eine Einheit machen wollte – vor allem die Künstlerinnen (wie etwa Mary Bauermeister, Yoko Ono). Und weil das DIY, das „Do It Yourself“, gerade so in ist. Mach’s doch selbst – jeder ist ein Künstler? Es mag Versuch und Irrtum in Takako Saitos Kunst stecken, aber sie weiß das zu verbergen. Sie ist eine geschickte Erschafferin von Skulpturen, Collagen, Objektkästen, von Büchern und Kleidern: Da ist nicht nur Idee, da ist auch Handwerk – und jedes Gewerk scheint sie meisterhaft zu beherrschen.

Die Künstlerin plante die Schau selbst

Takako Saito lebte in den 60er-Jahren in New York, wo sie mit George Macunias bekannt war, sie war ein Knoten im internationalen Fluxus-Netzwerk, dessen Mitglieder auf schöpferisches Tun mit einfachsten, alltäglichen Materialien setzten, auf Aktionen und Performances, als Gegengewicht zum etablierten Kunstmarkt. Alles, was Fluxus ausmachen kann, kann man in Takako Saitos Ausstellung „You And Me“ studieren – ausprobieren darf man nicht alles, denn es sind ja immer noch Kunstwerke, aber ein großer Raum lädt zum (Schach-)Spielen und Anfassen ein. Die Künstlerin selbst hat die Ausstellung geplant, die Kunstwerke akribisch-sorgfältig verpackt und in zwei Lkw-Ladungen verschickt. Manche Leihgabe aus Privatbesitz oder aus Museen in Nantes und Marseille gesellt sich dazu.

Eine Ausstellung für alle Sinne

Takako Saito, eine studierte Kinderpsychologin, trägt bei der Vorbesichtigung der Ausstellung noch ihr Performance-Kleid, das sie fürs Fernsehen angezogen hat. Es besteht aus vielen Taschen, in denen sie Seidenpapier-Kügelchen, mit Silben beschriftet, bereithält, die bei einer Performance an die Mitwirkenden verteilt werden. Wenn jeder seine Silbe laut liest oder gestaltet, wird ein fantastischer Chor daraus. Nicht umsonst taucht das Ohr immer wieder auf, Musik und Geräusche sind wichtig (man denke an John Cage), und so zieht Takako Saito an einer Schnur und lässt aus einem Tuch unter der Decke unzählige weiße, unterschiedlich große Pappwürfel auf den Boden herabfallen, eine Kaskade, die beim Aufprall klingt. Sie freut sich daran, wie auch an den Objekten, in denen sie kleine Spieluhren verbaut hat und die noch immer gerne zum Klingen bringt. Aber wie schön ist auch die stille Musik! Für ihre „Silent-Music“-Arbeiten hat Saito Löwenzahn-Schirmchen in Holzrahmen arrangiert, ja komponiert. Wenn man die in die Luft würfe und pustete und jagte, das wäre ein Tanz!

„Kein Material ist zu arm, um es zu verwenden“

An Verkaufsständen (natürlich selbst gebaut und bestückt) bietet Takako Saito mancherlei an, sie lädt ein zum Gestalten eigener Arbeiten, die sowohl die Künstlerin als auch der zum Künstler gewordene Besucher signieren muss – vielleicht ist das Tun schon das Kunstwerk, nicht das Ergebnis. Hier kommen Fundstücke aus der Natur zum Einsatz, Zwiebelschalen, Fenchelsamen. Zapfen und andere Naturmaterialien kann man in anderen Arbeiten auf Metalltafeln beliebig arrangieren, weil sie an der Rückseite Magnete haben – wie auch Porträt-Täfelchen, wie auch alltägliche Gegenstände, aus denen man Selbstporträts gestalten und mit der Polaroidkamera festhalten kann. Auch Holzreste bekommen ein Gesicht, aus allem lässt sich etwas anderes machen. „Kein Material ist zu arm, um es zu verwenden“, erklärt Kurator Johannes Stahl, der Sisyphos-gleich an einem Werkverzeichnis Takako Saitos arbeitet.

Ausstellung läuft bis zum 18. Februar 2018

Saito hat geheimnisvolle Lack-Porträts geschaffen, sie hat Pergamente gebügelt, Holzköpfe als Murmelbahnen gestaltet und vieles, vieles mehr. Das große Puzzle ihres Lebenswerkes ist überwältigend, sinnlich (im Wortsinn: für alle Sinne!) und ein großer Schatz, den man in Siegen bis zum 18. Februar 2018 entdecken kann. Die famose Idee, mit Likörfläschchen Schach zu spielen, kann man ja zu Hause mal ausprobieren. Do it yourself!

Regine Wenzel

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