09.07.2015 19:00
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Ein liebestolles Stück

Shakespeare in Neonfarben im Park

ne - Fast 40 Stücke werden dem berühmten Autor aus Stratford-upon-Avon zugeschrieben, die meisten davon gehören zu den meistgespielten Bühnenstücken der Welt, und zwar seit über vierhundert Jahren. Das studentisch geprägte Siegener Theaterensemble tollMut um Regisseur David Penndorf hat sich nun der oft verfilmten Komödie „Der Widerspenstigen Zähmung“ („The Taming Of The Shrew“, ca. 1593 entstanden und wohl ein Jahr später uraufgeführt) angenommen und zu einer frech-frivolen Wortspielschlacht um Kabale und Liebe geformt.

Katharina erlaubt sich eine eigene Meinung, einen eigenen Willen

Gespickt mit originellen Regieeinfällen und in leuchtend bunten Neonfarbenkostümierungen lebt das Spiel vom verbalen Schlagabtausch zwischen Petruchio, dem angeblichen italienischen Fürsten – mit Emphase verkörpert von David Heidemann – , und Katharina Minola, der ältesten Tochter des (in Penndorfs Inszenierung gestorbenen) Adligen Baptista Minola und dessen Gattin, die überzeugend überdreht gespielt wird von Valerie Linke. Katharina muss zuerst geheiratet werden, lautet der elterliche Beschluss, bevor die junge und viel umgänglichere Bianca an einen ihrer zahlreichen Verehrer vergeben werden darf, das ist das Problem. Denn Katharina, die von Julia Franzkoch schön dampframmenzickig und handfest energisch dargestellt wird, ist kein untergebenes, huschiges und kleinlautes Weibchen, wie es mancher Männertraum nicht nur des 16. Jahrhunderts gerne hätte, sondern erlaubt sich sogar eine eigene Meinung zur Welt, hat einen eigenen, selbstbewussten Willen.

„Liebe ist Krieg, und in dem ist ja bekanntlich alles erlaubt“

Den zu brechen gilt es für den an der großen Mitgift interessierten Petruchio, mit List, Fesselungen und gelegentlichen Schlägen: Sie muss eben zu ihrem Glück, zur Heirat gezwungen werden. (Zitat aus der Vorankündigung: „Denn Liebe ist Krieg, und in dem ist ja bekanntlich alles erlaubt.“) Unterstützt wird Petruchio dabei von Lucentio (Tim Lechthaler, der auch die Regieassistenz übernommen hat), Gremio (Samara Hauke, auch in der Rolle der Witwe) und Hortensio (Timo Ziomkowski, der auch in die Rolle des Vincentio schlüpft), drei umtriebige Freier der Bianca Minola (eine Rolle, die von Katharina Heinrich verkörpert wird und auch bei Shakespeare ein bisschen blass bleibt). Anna Gustmann mimt den Tranio, den Diener von Lucentio, und beide tauschen im Verlauf der Binnenhandlung die Rollen, um das Ränkespiel der Brautwerbung noch ein wenig turbulenter zu gestalten, als es ohnehin schon ist.

Anspielungen auf „Fifty Shades Of Grey“ verstärken Stereotype

Die bei Shakespeare angelegte Rahmenhandlung, in der der besoffene Kesselflicker Sly von Adligen zu einem bösen Spiel um gesellschaftlichen Status missbraucht wird und am Ende in einem Epilog wieder als ausgestoßener, gedemütigter armer Hund heim zur Gattin torkeln darf, sodass ihm die ganze turbulent erlebte Zähmung der widerspenstigen Katharina wie ein schöner, mannhafter Traum erscheinen könnte, wird in dieser bonbonbunten Inszenierung weggelassen, womit sie sich eine Möglichkeit vergibt, die frauenfeindliche Burleske als ironisch-kritische Auseinandersetzung mit festzementierten Geschlechterrollenklischees zu interpretieren. Stattdessen werden entsprechende Stereotype mit Anspielungen auf den belletristisch wie cineastisch kommerziell sehr erfolgreichen Softporno „Fifty Shades Of Grey“ eher verstärkt, auch wenn Julia Franzkoch und David Heidemann die entsprechenden Passagen mit ostentativem Unernst vortragen und ausagieren, als handele es sich dabei um ein einvernehmliches sexualisiertes Rollenspiel, um ihre Umgebung vorzuführen.

Weitere Aufführungen am Freitag, Montag und Dienstag um 19 Uhr

Interpretatorische Feinheiten kommen in der knalligen, überschäumenden und nicht mit Zoten und Kalauern geizenden Komödie kaum vor – es bleibt bei einem liebestollen, überzeichnenden Unterhaltungsstück, vielleicht ganz im Sinne des geschäftstüchtigen Shakespeare, der damit ein Stück geschrieben hat, das schon damals sehr populär wurde, beim Publikum gut ankam, das sich um 1600 über Geschlechterrollen und die gesellschaftliche Mündigkeit der Frau noch keinen Kopf gemacht hat. Das große Siegener Publikum der Premiere am Mittwoch applaudierte der Aufführung, für deren sehenswerte Kostüme, Requisiten und Ausstattung Laura von der Heyde, Jule Sammartino und Johannes Bade verantwortlich zeichnen, lange und enthusiastisch. Und in weiteren Aufführungen am Freitag, Montag und Dienstag, immer um 19 Uhr, gibt es weitere Gelegenheiten, sich von einem aufregenden Shakespeare-Stück in neonneuem Gewand unterhalten zu lassen.

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