Pop-Oratorium „Luther“ begeistert

Die Mächtigen seiner Welt wollen Luther mundtot machen. Foto: ciu Umschwärmt, weil er Macht und Geld hat: der junge Kaiser Karl (Paul Falk). Foto: ciu Frank Winkels als Martin Luther. Im Hintergrund: der große Regionalchor. Foto: ciu
  • Die Mächtigen seiner Welt wollen Luther mundtot machen. Foto: ciu Umschwärmt, weil er Macht und Geld hat: der junge Kaiser Karl (Paul Falk). Foto: ciu Frank Winkels als Martin Luther. Im Hintergrund: der große Regionalchor. Foto: ciu
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ciu - Da steht er nun. Mitten in einer versuchlichen Welt, in der das Geld regiert, in der intrigante Kräfte ihre Spielchen treiben und wo ein Entscheider herrscht, der die Puppen tanzen lässt, willkürlich, „just for fun“. Die Positionen der Macht geraten ins Wanken, denn Martin Luther, Theologe in Wittenberg, hat beim Bibelstudium erkannt, dass es nicht das Geld im Spendenkasten ist, das die Seele in den Himmel bringt, sondern der Glaube an Jesus Christus, von dem das Wort Gottes, auf dessen Gnade der Mensch vertrauen darf, berichtet. Diese Ausschließlichkeit führt den so fein etablierten Ablasshandel ad absurdum, zumal mit der Erfindung des Buchdrucks Luthers Schriften vielfach multipliziert und damit auch kommuniziert werden. Kirche und Politik fordern: „Weg mit dem Mönch!“ Und Luther? Bleibt bei dem, was er erkannt hat, beruft sich auf sein Gewissen, vertraut darauf, dass die Wahrheit („ein scharfes Schwert“) letztlich obsiegt, befreit. Auch ihn.

Diesen Konflikt – zwischen weltlicher Macht(-erhaltung) und persönlicher Glaubensgewissheit – umkreist das Pop-Oratorium „Luther“ (Text: Michael Kunze, Musik: Dieter Falk), das schon seit geraumer Zeit mit einem Profi-Ensemble und riesigem, jeweils vor Ort neu zusammengestellten Laienchor erfolgreich durch Deutschland zieht. Im Rahmen des Kreiskirchentags Siegen gab es gleich zwei ausverkaufte Aufführungen im Großen Saal der Siegerlandhalle und dazu eine öffentliche Generalprobe mit immerhin rund 1000 Gästen. Die ließen sich am Samstagabend begeistern von einer effektvoll gemachten Inszenierung (Regie: Andreas Gergen, Choreographie: Doris Malis), von mitreißenden Melodien (ein echter Hit ist zum Beispiel „Gottes Kinder“, ein wunderschön folkiger Song ist „Mut“, und das „Die Wahrheit ist ein scharfes Schwert“ bleibt schon übers erste Hören lange im Ohr) und einer Botschaft, die auch 500 Jahre nach Luthers Thesenanschlag gilt: dass Gott selbst der größte Ermutiger ist, auch zu einem Leben mit einer klaren Haltung.

Dass Martin Luther in diesem Stück ein Mann ist, der mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen steht, zeigt sich auch in der Darstellung: Frank Winkels trägt festes Schuhwerk, Cargo-Hose und Kapuzen-Sweatshirt, alles in Schwarz, und wirkt in einem flippigen, beturnschuhten Ensemble als ruhiger, starker Pol. Ihn wirft so leicht nichts um, obwohl auch er mit inneren Kämpfen klarkommen muss. Das Auftreten Luthers wirkt wie ein Ausrufezeichen, es bannt die Aufmerksamkeit – ganz stark zum Beispiel im Song „Hier steh ich. Amen“, bei dem Frank Winkels auf Tuchfühlung geht mit dem großen, über 500-köpfigen Chor, der auch rechts und links der Bühne mit enormem Engagement mitwirkt (angeleitet von Susanne Utsch und Christof Mann; musikalische Gesamtleitung: Heribert Feckler).

Der Hauptdarsteller ist musicalerfahren. Gleiches gilt, und das ist zu sehen und zu hören, für das gesamte Ensemble: Silke Braas (die u. a. als Frau aus dem Volk überzeugt), Stefan Poslovski (etwa als glitzernd-diabolischer Ablasshändler), Leon van Leeuwenberg (der als Kurfürst Friedrich dem „Ketzer“ Luther den Rückzug auf die Wartburg ermöglicht), Bonita Niessen (mit enormer Stimmgewalt etwa im großen Finale) und Andreas Kammerzelt (z. B. als Paulus oder Herold mit seinem tiefen Bass eine Wucht) sowie Stefan Stara, Tina Podstawa, Kathleen Bauer, Michaela Schober und Benedikt Ivo/Andreas Wolfram. Giulio Riccitelli spielt das Kind Martin Luther.

Besondere Erwähnung verdient Paul Falk. Der Sohn des Komponisten Dieter Falk (der als gebürtiger Geisweider natürlich seine helle Freude an den Aufführungen in der Siegerlandhalle hatte, die er noch aus Zeiten der Offenen Abende kennt) gibt den Kaiser Karl als aalglatten Jungspund, der seinen Ladys via Smartphone den Laufpass gibt und sich beim Regieren möglichst einer Entscheidung enthält. Die Melodien zu zwei Songs stammen aus der Feder des 20-Jährigen.

Musikalisch schlägt „Luther“ auch Brücken in die reformatorischen Zeiten selbst, etwa mit dem Choral „Ein’ feste Burg ist unser Gott“. Eine sichere Bank in der Begleitung von Chor und Ensemble sind das Junge Orchester NRW sowie die spielfreudige Band mit Hanjo Gäbler (Orgel), Benjamin Koch (Drums), Christian Fehre (Percussion), Christoph Terbuyken (Bass), Klaus Bittner (Gitarre), Timo Böcking (Piano/Keyboards) und Solo-Trompeter Jan Schneider. Veranstaltet hat „Luther“ in Siegen die Ev. Kirche von Westfalen, der Ev. Kirchenkreis Siegen und die Stiftung Creative Kirche. Das Publikum dankte absolut begeistert (am Ende jeder der drei Aufführungen gab es Standing Ovations), ließ sich mitnehmen auf eine sehr gegenwärtige Reise in die Vergangenheit und stimmte immer wieder gerne in Refrains und Chorusse ein. So bot „Luther“ am Ende dann ein echtes Gemeinschaftserlebnis, das in Kopf und Herz bleiben wird.

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