„Der schnellste Portugiese“

Manuel Tuna von der TSG Helberhausen will Deutscher Meister im Ultramarathon werden. Foto: jb

Die Zahlen lesen sich wohl nicht nur für den gemeinen Hobby-Läufer bisweilen schier unglaublich: Als Ultramarathon zählt jede Laufstrecke, die länger als die Marathondistanz ist – jüngst absolvierte Tuna beim Marburger Lahntal-Lauf die 50-km-Strecke in beachtlichen 3:37:24 Stunden (die SZ berichtete). Im vergangenen Sommer bewältigte der Portugiese in Fröttstadt in Thüringen gar die Distanz von 100 Kilometern in 9:49 Stunden und wurde damit Gesamtdritter – und das bei brütender Sommerhitze! Wie aber wird man vom „normalen“ Marathonläufer zu einem derartigen Extremsportler? „Früher war ich noch gar nicht so der große Läufer“, erinnert sich Tuna im Gespräch mit der Siegener Zeitung an die Anfänge. „Ein paar mal in der Woche ging ich joggen, alles eher locker – und auch beim Fußball war ich immer einer der langsamsten. Dann fing ich bei der TSG mit dem Laufen an.“ In Helberhausen erkannten sie das Talent von Tuna offenbar schnell und weckten den Ehrgeiz bei ihrem Vereinskollegen. 

Im Jahr 2005 lief Tuna in Dortmund seinen ersten Marathon, zwei Jahre später folgte bei der 13. Deutschen Meisterschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung der erste 50-km-Lauf in Bottrop – „ohne große Vorbereitung“, wie Tuna anmerkt. Damals waren es Thomas Braukmann und Andreas Dräger, die Tuna in einer spontanen Aktion zum Mitlaufen animierten – sensationell sicherte sich das Trio den Mannschaftstitel, Braukmann gewann zudem die Einzelwertung. „Der Lauf war schon eine Tortur, aber trotz Krämpfen habe ich den Wettkampf bis zum Ende durchgezogen“, blickt Tuna nicht ohne Stolz zurück. Aus diesem Wettkampf indes zog Tuna allerdings seine ganz persönlichen Lehren: „Heute trainiere ich sehr intensiv auf die Wettkämpfe hin, dann gehe ich fünfmal in der Woche laufen, achte zudem sehr auf meine Ernährung“, zählt der TSG-Sportler auf, sagt aber auch: „Natürlich muss man für solche Läufe körperlich fit sein, ich denke aber, dass es zu 70 Prozent Kopfsache ist – es kommt viel auf die mentale Stärke und den Willen an.“

Für die Vereinbarkeit von Beruf und Sport indes hat Tuna eine ganz pragmatische Lösung parat: Wohnhaft in Hilchenbach, nutzt er die 15-km-Distanz zu seiner Arbeitsstelle in Geisweid, einem Unternehmen in der Herstellung von Edelstahlprodukten, ganz einfach als Laufstrecke. „Hin und wieder baue ich mal noch einen Schlenker beispielsweise über Eckmannshausen ein, um die Laufdistanz zu erweitern“, berichtet Tuna – und klingt dabei so, als sei dies das normalste auf der Welt. Der Rückweg von der Spätschicht gestalte sich aufgrund der Dunkelheit allerdings schon einmal etwas schwierig. „Deswegen laufe ich zumeist jeweils nur eine Strecke zur Arbeit: Zur Spätschicht nur den Hinweg, bei der frühen Schicht entsprechend nur den Nachhauseweg“, resümiert der Hilchenbacher.

Sein außergewöhnliches sportliches Pensum bestreitet Tuna allerdings stets mit einer gewissen Portion Selbstironie und ohne sich bei der ganzen Angelegenheit selbst zu ernst zu nehmen. „Freunde und Arbeitskollegen sagen natürlich immer wieder: ,Der ist doch total bekloppt’ und ganz Unrecht haben sie damit ja nicht“, lacht Tuna. Auch seine Frau Isabel schimpfe hin und wieder mit ihm – da die Gemahlin aber ebenso wie Tochter Melise ebenfalls in der TSG Helberhausen sportlich aktiv ist, unterstützt sie ihren Mann bei seinen sportlichen Vorhaben, wo sie nur kann.

Die Unterstützung der Familie wird auch zwingend notwendig sein, denn Tuna hat sich für die Zukunft ehrgeizige Ziele gesetzt: Am 17. April stehen in Bielstein in der Nähe von Kassel die Deutschen Ultra-Meisterschaften über 65 km an. „Dort möchte ich erstmals Deutscher Meister werden – und die Chancen dafür sehe ich sehr gut“, blickt Tuna optimistisch auf den Wettkampf, bei dem es neben der aberwitzig anmutenden Distanz auch 1750 Höhenmeter zu bewältigen gilt. Und damit nicht genug: Mittelfristig peilt Tuna den „TorTour de Ruhr“ an – mit 230 Kilometern einer der längsten Nonstop-Läufe Deutschlands. 

In Helberhausen jedenfalls sind sie mächtig stolz, einen solchen Ausnahmesportler in ihren Reihen zu wissen. „Wir haben viele gute Ausdauersportler bei der TSG, die große Erfolge vorweisen können“, sagt Andreas Roth. „Manuel hat sich durch seine langen Läufe aber sicher eine Art Sonderstatus erlaufen“, fügt der 1. Vorsitzende der TSG hinzu. Und Meinhard Menn, Sportlicher Leiter der TSG, betitelt Tuna stets als den „schnellsten Portugiesen Deutschlands.“ Das Klischee vom einsamen Läufer, der stundenlang alleine im Wald seine Runden dreht, trifft auf Manuel Tuna indes ganz und gar nicht zu. „Manuel hilft uns bei der Organisation unserer Veranstaltungen und feiert dann auch ganz gerne schon einmal mit“, berichtet Roth. Das Leben besteht eben nicht nur aus Sport und Training – selbst im Leben eines Ausnahmeathleten wie Manuel Tuna nicht.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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