Insel im Großstadtmeer

 Rosarot ist die Welt des kleinen Mädchens, das sich gemeinsam mit dem Vater in einer der 514 Wohnungen des Schöneberger Pallasseums eingerichtet hat. Eine mögliche Art zu leben – wie Manuel Inacker in seinem Film „Pallasseum – Unsichtbare Stadt“ zeigt. Foto: Falco Seliger/Filmuniversität Babelsberg, 2016  Manuel Inacker Foto: Falco Seliger/Filmuniversität Babelsberg, 2016
  • Rosarot ist die Welt des kleinen Mädchens, das sich gemeinsam mit dem Vater in einer der 514 Wohnungen des Schöneberger Pallasseums eingerichtet hat. Eine mögliche Art zu leben – wie Manuel Inacker in seinem Film „Pallasseum – Unsichtbare Stadt“ zeigt. Foto: Falco Seliger/Filmuniversität Babelsberg, 2016 Manuel Inacker Foto: Falco Seliger/Filmuniversität Babelsberg, 2016
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ciu - Die Dimension des Ortes wird erst nach und nach greifbar. Denn der Blick auf das riesige Gebäude ist eingeschränkt. Ein schmaler Streifen nur scannt die Fassade, blickt offen und zugleich diskret auch dahinter, versucht zu ergründen, was diese gewaltige Insel im Großstadtmeer ausmacht. Für Manuel Inacker ist das Pallasseum, der riesige Wohnblock, der 1972 nach einem Entwurf des Architekten Jürgen Sawade in Berlin entstand, eine Entdeckung. Gerade zum Studium in der Hauptstadt gelandet, stieß er eher zufällig beim Spazierengehen auf diesen, wie er sagt, „gewaltigen Ort im eher beschaulichen Schöneberg“. Und stellte ihn später, um die Aufgabe, einen Dokumentarfilm zu drehen, zu erfüllen, ins Zentrum dieser Arbeit an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Er hat, um den Komplex zu fassen, ein formalästhetisches Experiment unternommen, nämlich: in einem extrem breiten Format die Architektur des in Höhe, Breite und Tiefe kaum zu fassenden Gebäudes zu beschreiben und dazu auch zu skizzieren, was das Haus mit seinen 514 nahezu gleich geschnittenen Wohnungen lebendig macht.

Letzteres sei nicht einfach gewesen, erzählt der in Ferndorf aufgewachsene Manuel Inacker. Denn die Menschen dort hätten zunächst durchweg ablehnend auf sein Ansinnen reagiert, ihre Türen für ein Filmteam zu öffnen. Zu tief sitze bei ihnen das Misstrauen gegenüber Medien jedweder Art, galt doch das „Wohnen am Kleist-Park“ als ein gescheitertes Projekt. Dem „Sozialpalast“ drohte Ende der 90er-Jahre der Abriss. Ein 1998 installiertes Quartiersmanagement brachte die Wende: mit einer gründlichen Sanierung und Renovierung und mit der Beteiligung der Mieter an der Gestaltung ihres Umfelds, zu dem auch die Findung einer neuen Begrifflichkeit zählte. Der Vorschlag eines türkischen Mädchens zündete, das Pallasseum war geboren. Was also tun, wenn niemand mitspielen möchte in einem Film, der Protagonisten braucht? „Wir haben eine radikale Entscheidung getroffen und haben uns in der Woche des Drehs – fünf Tage hatten wir angesetzt – in Zweierteams durch alle Wohnungen geklingelt. Bei fünf Familien, oder Residenten, wurden wir dann eingeladen.“ Und so dokumentiert Inackers Film nun sehr eindrücklich, wie unterschiedlich sich Menschen in einer vordergründig gleichförmigen Umgebung eingerichtet haben. Nüchtern, kühl strukturiert oder leicht chaotisch, allein oder mit Frau und Kind, getröstet durch Erinnerungsstücke oder mit der unbeholfenen Coolness eines aufstrebenden Rappers. Immer dreht sich die Kamera auf einer Höhe um dieselbe Achse, sie schweift nicht ab und verwehrt sich auch deshalb jedwedem Voyeurismus. Allein dem Hausmeister („der zieht durchs Pallasseum bei Tag und Nacht – wie ein Wanderer“) folgt sie auf dem Fuße. Sonst fände sie nicht auf den Grund dieses kolossalen Gebäudes, sähe nicht die Zwischenräume, nicht das, was den Organismus technisch am Leben hält.

Das Auswahlgremium sowohl an der Filmuniversität Babelsberg, die jährlich zehn Beiträge für die Berlinale vorschlagen kann, als auch die Entscheider in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ der Internationalen Filmfestspiele Berlin, hat Manuel Inackers Arbeit überzeugt: Sein knapp halbstündiger Film „Pallasseum – Unsichtbare Stadt“ wird im Rahmen des Festivals seine Premiere feiern (am Samstag, 13. Februar, 19 Uhr, im CinemaxX 3 am Potsdamer Platz). Eingeladen sind natürlich die Pallasseum-Bewohner, die sich auf das Projekt eingelassen haben. Danach möchte Inacker noch einmal zurück in dieses faszinierende Haus, um mit einer Variante seines Projekts dort – im von Sawade umbauten Hochbunker – eine weitere Dimension installativ ins Spiel zu bringen. Die Tür für dieses Experiment hat er sich mit seinem so behutsam vorgehenden Film selbst geöffnet!

Inzwischen ist der Filmstudent bereits weitergezogen, hat für eine neue Aufgabe, den fiktionalen Zweitjahresfilm, recherchiert und ist wieder auf einen inspirierenden Ort gestoßen: für „eine Art Roadmovie in der Niederlausitz“.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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