Den Blick in die Zukunft wagen

 Sie sieht wie eine ganz normale Brille aus und kann – mit entsprechenden Gläsern – als solche getragen werden. Doch hinter der Jins-Meme-Brille steckt noch mehr. Foto: Fokos
  • Sie sieht wie eine ganz normale Brille aus und kann – mit entsprechenden Gläsern – als solche getragen werden. Doch hinter der Jins-Meme-Brille steckt noch mehr. Foto: Fokos
  • hochgeladen von Archiv-Artikel Siegener Zeitung

khe „Jugend“ – was bedeutet das eigentlich? Und was bedeutet es heute, jugendlich zu sein? Was macht das Leben junger Menschen aus und gibt es aus sozialwissenschaftlicher Perspektive Entwicklungen und Trends, die mit dem Thema „Jugend“ in Verbindung stehen? Wenn man über die Jugend spricht, so muss man auch über das Alter, bzw. das Altern an sich sprechen, dies wird im Interview mit dem Soziologen Christian Schuldt schnell deutlich. Denn die Jugend und das Alter liegen gar nicht so weit auseinander, wie man zunächst annehmen könnte. Doch dazu später mehr.

Christian Schuldt forscht am Zukunftsinstitut mit Büros in Frankfurt und Wien als Autor, Referent und Redakteur. Schuldt beleuchtet den Kultur- und Medienwandel und die neuen Gesetzmäßigkeiten einer digitalisierten Gesellschaft. Seine These: „Die Jugend gibt es nicht mehr“. Der Medienwandel ist laut Schuldt ein entscheidender Punkt, wenn es um das Thema „Jugend“ geht. Es gebe heute keine klaren Generationen mehr, die Gesellschaft befinde sich im Wandel – man spreche heute von einer „Netzwerkgesellschaft“. Feste Strukturen seien nicht mehr existent. Das Konzept „Jugend“ sei fluider geworden – die sogenannte Liquid Youth müsse aus einer neuen und komplexeren Perspektive heraus betrachtet werden.

Die gesamte Gesellschaft, so Schuldt, verändere sich. Jugendliche seien „Digital Natives“ – das bedeutet, dass sie mit den neuen Medien aufwachsen. Sie kennen diese von Beginn ihres Lebens an. Zudem seien heutige Jugendliche aber auch „Transformational Natives“. Junge Menschen lernten neue Umgänge und so gelinge ihnen vieles besser, denn junge Menschen bringen heute vollkommen neue und wichtige Kompetenzen mit. Die heutige Jugend lebe im Einklang mit den großen Wandlungsprozessen unserer Zeit. Denn bedingt durch das Internet findet heute zunehmend der Austausch in Sozialen Netzwerken statt.

„Die Jugend“ – das seien heute Menschen bis zum Alter von 60 Jahren und auch darüber hinaus. „Jugend ist ein gesamtgesellschaftliches Idealbild“, so Christian Schuldt. Er nennt hier als ein Beispiel Menschen über 60 Jahren, die beginnen, Extremsport zu treiben, also einen jugendlichen Lifestyle aufgreifen. Die neue Grenzenlosigkeit und die Vielfalt der Möglichkeiten würden jedoch oft als ein Problem von den jungen Menschen wahrgenommen. Die Jugendlichen befänden sich sozusagen in einer Schleife – es stelle sich hier die Frage: Wie wird man erwachsen? Und die Gesellschaft, so Schuldt weiter, müsse sich diese Frage stellen. Denn die Gesellschaft altere biologisch, aber die Menschen fühlten sich jünger und gäben sich zudem auch jünger. Anders als häufig angenommen, sei die Sehnsucht nach dem „gebunden sein“ bei jungen Menschen heute sehr groß. Existenzielle Krisen gehörten zum Leben dazu, Scheitern werde heute als Chance begriffen.

Mit der zunehmenden Digitalisierung der Gesellschaft setzt sich auch Prof. Dr. Ing. habil. Marcin Grzegorzek wissenschaftlich auseinander, der gemeinsam mit seinem Team am Forschungskolleg „Zukunft menschlich gestalten“ (Fokos) der Universität Siegen forscht. Dass wir immer älter werden, stellt die gesamte Forschung vor neue Herausforderungen. Im Rahmen des Forschungsprojektes „Cognitive Village“ setzt sich das Forscherteam mit der Frage auseinander, wie moderne Technik an die Bedürfnisse älterer Menschen angepasst werden kann. Der patentierte Sens-Floor ist beispielsweise ein intelligenter Boden, der Bewegungen und auch Stürze erkennen und elektrische Sensorsignale an einen Empfänger weitergeben kann. Ein Forschungsschritt, der zur Selbstständigkeit im Alter beitragen soll.

Und mehr noch: Technische, sensor-basierte Systeme können ältere Menschen in Zukunft auch außerhalb ihres Hauses begleiten und warnen, falls Gefahr droht.

Die Software, die Grzegorzek und sein Team entwickeln, soll aber auch für junge Menschen einen Mehrwert schaffen. So können durch sogenannte Wearables, wie der intelligenten Brille, die beim Sport produzierten Daten individuell ausgewertet werden. Verletzungen könnten zukünftig bereits angekündigt werden, bevor sie entstehen. Die Technik kann folglich einen großen Beitrag zur Prävention leisten.

Die sogenannte Jins-Meme-Brille, so Grzegorzek, sei eine intelligente Brille, die mit Hilfe von Sensoren Informationen als aussagekräftigen Input für die zu entwickelnde, adaptive Mustererkennungssoftware liefert, an der Grzegorzek und sein Team arbeiten. Die intelligente Brille verfügt über einen Beschleunigungsmesser und ein Gyroskop. Sie misst die Augenbewegungen ihres Trägers und kann zahlreiche Informationen über dessen Fitness und Gesundheitszustand geben, denn über die Verbindung mit einem Smartphone können die Daten ausgewertet werden. Mit dieser Brille kann man sozusagen auch in sich selbst hineinschauen.

Die Software ist beispielsweise auch im Einsatz mit einem E-Bike denkbar. Durch Informationen über schwierige Verkehrsverhältnisse könnten andere Verkehrsteilnehmer vor potenziellen Gefahren gewarnt werden. Doch all diese technischen Innovationen können nur funktionieren, wenn sie von Menschen akzeptiert und mitgestaltet werden. Deshalb arbeiten die Forscher interdisziplinär zusammen, um auch ethische und rechtliche Fragen zu diskutieren.

Auf die Frage nach seinem Rat an junge Menschen hinsichtlich des Umgangs mit den neuen Technologien, antwortet Grzegorzek, dass man „bewusst mitschwimmen“ solle.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.