Thomas Gatzemeier im Haus Seel

 Auch das der Ausstellung den Titel gebende Bild „Jüngster Friede“ im Hintergrund vermag die Beklemmung, die die Torsi samt Transportkisten erzeugen, nicht zu entschärfen. Foto: bö  Thomas Gatzemeier im Haus Seel. Foto: bö
  • Auch das der Ausstellung den Titel gebende Bild „Jüngster Friede“ im Hintergrund vermag die Beklemmung, die die Torsi samt Transportkisten erzeugen, nicht zu entschärfen. Foto: bö Thomas Gatzemeier im Haus Seel. Foto: bö
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bö - 17 Körper. Alle sind beschädigt, verletzt. Offensichtlich Opfer von Gewalt. Brandopfer vielleicht. Die Transportkisten, die an Särge erinnern, stehen daneben, verdichten die enge Szene noch mehr. Über die auf dem Boden davor liegende Platte huscht der erste Blick flüchtig hinweg. Dann bleibt er an den fast schon wieder verschwindenen Buchstaben hängen. 17 Namen. Namen von 17 Menschen die 1992 in Deutschland Opfer rechtsextremer Gewalt (Gatzemeier: „hirnloser Mob“) wurden. Türken, Punks, Behinderte. 17 ist die offizielle Zahl, in Wirklichkeit waren es wohl mehr. Eine Installation gegen das Vergessen, eine Installation die eine Geschichte erzählt, die bestätigt, was der Künstler Thomas Gatzemeier bei der Vorbesichtigung seiner Ausstellung „Jüngster Friede“ (Eröffnung am 29. September 2016, 19 Uhr; bis 13. November) zu seinen Arbeiten sagt: „Ich bin ein Geschichtenerzähler.“

Die Ausstellung des Kunstvereins Siegen setzt als Abschluss des Kunstsommers noch einmal ein dickes Ausrufezeichen, denn erstmals sind Gatzemeiers Werke mit politischem Hintergrund in einer Ausstellung zu sehen. Was überzeugt, ist ihre oft beängstigende Aktualität und eine Allgemeingültigkeit, die über die reine Darstellung eines Ereignisses hinausweist. Die Skulpturen, die Torsi – sie können auch für Flüchtlinge stehen, die vor der Gewalt fliehen und nicht willkommen geheißen werden. Die Figuren, die auch schon im Reichstag zu sehen waren, findet Gatzemeier, müssten eigentlich im öffentlichen Raum gezeigt werden. Hinter den Skulpturen hängt das titelgebende, großformatige Bild, „Jüngster Friede“, quasi korrespondierend an der Wand. Frauenakte schweben – Gatzemeier nennt das „in sinnlicher Melancholie“ – auf der Leinwand. Alles easy, möchte man sagen, aber sie scheinen, so ihr kritischer Gesichtsausdruck. dem „jüngsten Frieden“ nicht zu trauen. Ihre Nacktheit steht für Verletzlichkeit … Der in der DDR aufgewachsene Künstler, ein Stasi-Informationsbericht über ihn hängt am Schaufenster des Hauses Seel, setzt sich mit alten und neuen Nazis und der DDR-Diktatur auseinander. Auch in Romanen und Kurzgeschichten. Wer mehr erfahren will, sei auf auf die Homepage des Künstlers verwiesen.

Franz-Josef Weber, Geschäftsführer des Kunstvereins, erinnerte unter dem Motto „25 Jahre später“ daran, dass der 1954 im sächsischen Döbeln geborene Künstler 1991 („In Spirit of Rubens“) schon mal in Siegen ausgestellt hat. Die heute beginnende Ausstellung mit ihren oft düsteren Arbeiten, ergänzte Kunstvereins-Vorsitzender Albrecht Thomas, sei allerdings inhaltlich nicht so leicht zu verdauen. Dafür dürfte sie aber zum Nachdenken anregen und Diskussionen fördern. Kreiskulturreferent Wolfgang Suttner, der Kreis unterstützt das Projekt, nannte Thomas Gatzemeier einen bedeutenden Maler, der sich mit der Verstrickung der DDR-Malerfürsten im dortigen System auseinandergesetzt habe. Und auf Bildern mit der Obrigkeit des Arbeiter- und Bauernstaates, das allerdings verklausuliert.

Das älteste ausgestellte Bild stammt von 1980 und trägt ein Zitat Stalins als Titel: „Die Hitler kommen und gehen ….“ Unten links hockt ein Blechtrommler, der das Fell gegen den Opportunismus gerbt. Zu der Zeit, erinnert Gatzemeier, der in Karlsruhe und Leipzig lebt und arbeitet, sei Grass in der DDR nicht geschätzt worden, in jenem Teil Deutschlands, der von einer Diktatur in die nächste geriet. Auch dieses von düsterer Grundstimmung geprägte Bild ist ein Beleg für die vielfältigen technischen Fähigkeiten von Thomas Gatzemeier. Dazu noch ein Satz von ihm: „Dinge interessieren mich nur, bis ich sie begriffen habe, richtig kann.“ Er kann es.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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