Der Traum vom Denkmal

 Der Bad Laaspher Freundeskreis für christlich-jüdische Zusammenarbeit feierte sein 25-jähriges Bestehen mit einer Ausstellung zum Thema „Den Opfern der NS-Diktatur ein Gesicht geben“, die noch bis zum 9. November zu sehen ist. Foto: Holger Weber
  • Der Bad Laaspher Freundeskreis für christlich-jüdische Zusammenarbeit feierte sein 25-jähriges Bestehen mit einer Ausstellung zum Thema „Den Opfern der NS-Diktatur ein Gesicht geben“, die noch bis zum 9. November zu sehen ist. Foto: Holger Weber
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howe - „Kein Grund für ein Jubelfest, sondern ein Datum, an dem es sich lohnt, innezuhalten“ – so beschrieb Rainer Becker, Vorsitzender des Bad Laaspher Freundeskreises für christlich-jüdische Zusammenarbeit, das 25-jährige Jubiläum des Vereins. Und in der Tat war die Feierstunde im Haus des Gastes, der neben zahlreichen Mitgliedern und Besuchern auch die Bundestagsabgeordneten Willi Brase und Volkmar Klein sowie Landrat Andreas Müller beiwohnten, ein Moment, sich an jene schlimme Zeit zu erinnern, in der in Bad Laasphe jüdische Menschen von den Nationalsozialisten verfolgt, anschließend deportiert und in Zamosc oder Theresienstadt ermordet wurden.

Berührend und sehr persönlich sprach Gründungsmitglied Otto Düsberg zu den rund 80 Gästen. Er erinnerte sich an das Jahr 1939, als er, ein dreijähriger Junge, im elterlichen Bauernhof aufwuchs. Als Landwirte bekam die Familie Düsberg oft Besuch von den jüdischen Viehhändlern. „Mein Vater ignorierte das Gebot, nicht bei Juden zu kaufen“, schilderte Otto Düsberg. Max Gunzenhäuser sei öfters im Haus gewesen – eine auffallende Erscheinung mit Vollbart, Hut und schwerem Mantel. Die Verkaufsverhandlungen mit den Juden seien für die Kinder „hochinteressant und spannend“ gewesen, erinnerte sich Otto Düsberg an seine frühe Kindheit. Diesmal sei das Verkaufsgespräch anders verlaufen. Max Gunzenhäuser habe unbedingt ein Rind verkaufen wollen, um seinen Kindern die Flucht vor den Nazis zu ermöglichen. Sein Vater habe sich aber kein Fleisch mehr leisten können, der Verkauf platzte. Da habe Max Gunzenhäuser gerufen: „August, ich werde meinen Fuß nie mehr über deine Schwelle setzen.“

Später sei der Viehhändler noch einmal ins Haus gekommen, diesmal habe er offen darum gebeten, ihm bitte zu helfen. Man habe geflüstert. Am Ende habe sein Vater das Rind gekauft, erinnerte sich Otto Düsberg. Und Max Gunzenhäuser habe das Haus mit den Worten „August, du bist ein guter Mensch“ verlassen. Er selbst, so erinnerte sich Otto Düsberg, habe einen Lappen genommen und die Türklinke abgewischt. Seine Eltern hätten ihn gefragt, was er da tue und er habe geantwortet, das sei doch ein Jude gewesen. „Statt Belobigung erntete ich den Tadel meiner Eltern.“ Man merkte am Montagabend Otto Düsberg an, dass er heute noch unter dieser damaligen Gesellschaft leidet.

Die hat ihm, den kleinen dreijährigen Jungen, den Nationalsozialismus vorgelebt, ihm den braunen Schultergürtel und das Taschenmesser geschenkt. „Ich hätte mitgemacht, wäre ich an jenem Tag nicht drei, sondern 18 Jahre alt gewesen“, erzählte Otto Düsberg. Viele Jahre später, 1988, zur 50. Wiederkehr des dunkelsten Tages in der Laaspher, in der deutschen Geschichte, sei das für ihn wie eine Erlösung gewesen, zu sehen, dass Max Gunzenhäusers Sohn Josef in Laasphe das Wort ergriffen habe. „Plötzlich stand sein Vater vor mir.“ Er habe ein befreiendes Gefühl gehabt, zu wissen, dass sein Vater mit dem Kauf des Rindes die Flucht der Kinder ermöglicht habe.

Eine Sache, schilderte Otto Düsberg, sei für ihn noch unerledigt: Alle Schichten der Laaspher Bevölkerung seien an der Zerstörung der Synagoge beteiligt gewesen – man müsse das als „Ursünde“ der Stadt bezeichnen. Dieses Zentrum muss als Denkmal wiederhergestellt werden, forderte Otto Düsberg. „Ich träume davon, das nächste Grußwort in der wieder hergestellten Synagoge in der Mauerstraße zu sprechen, so Gott will“, schloss er.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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