Andrea Freiberg in Keppel

 Die Hand zuckt, man möchte den Stuhl wieder aufstellen, um die klassische Kommunikationssituation wieder herzustellen. Andrea Freiberg zeigt im barocken Konventsaal „Engeleien – Intervention im Barock“. Foto: gmz
  • Die Hand zuckt, man möchte den Stuhl wieder aufstellen, um die klassische Kommunikationssituation wieder herzustellen. Andrea Freiberg zeigt im barocken Konventsaal „Engeleien – Intervention im Barock“. Foto: gmz
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gmz - Die Hand zuckt unwillkürlich, um die Spitzendecke zurechtzurücken. Sie liegt ein wenig verkrumpelt auf dem runden Tisch im barocken Konventsaal von Stift Keppel. Um den Tisch stehen hohe Stühle, ordentlich angeordnet. In der anderen Ecke des Raumes, neben dem offenen Kamin, hat sich eine weitere, schwere Sitzgruppe niedergelassen, Stuhlsessel mit Armlehnen. Sie wenden dem Betrachter ihre hohen Rücken zu, sind so dicht aneinander gerückt, dass der Kreis um den Tisch geschlossen ist. Kein Durchkommen, kein „Eindringen“, keine Öffnung für Dazukommende. In ihrer Mitte fließen weiße Kornsäckchen über den Tisch und das Sofa auf den Boden: Opulenz oder Chaos? Am Dienstagwurde die Ausstellung eröffnet. Sie ist bis zum 29. Juni zu sehen.

Andrea Freiberg hat im Rahmen ihrer „Intervention im Barock“, wie sie die Ausstellung im Rahmen des Siegen-Wittgensteiner Kunstsommers im Keppler Konventsaal nennt, den barocken Raum mit der typischen Stuckdecke, den hohen Fenstern und dem großen, offenen Kamin, ein wenig „unterwandert“, hat „Reibungsflächen“ geschaffen zwischen dem Erscheinungsbild und dem Anspruch des Raumes sowie den Elementen, die sie hineingebracht hat. Sie hat die Stühle neu sortiert, die barock-bürgerliche Decke aus ihrer Ordnung gewischt, hat die Lehnsessel vor den Fenstern mit Frischhaltefolie überzogen, die ihre leichte Patina zum Glänzen bringt.

 Man fragt sich: Sind sie neu geliefert, noch nicht ausgepackt? Man stellt fest, dass die Folie das Licht von draußen auf die Lehnstühle auf die Stühle projiziert und sie aufleuchten lässt. Sie sind nicht benutzbar, wegen der Folie, aber gleichzeitig einladend. Sie wenden dem „draußen“ ihre hohen Rückenteile zu, holen aber mit der Folie den Glanz des Lichtes hinein. Sie sind in sich eingesponnen und warten auf Benutzung. Spannungen dieser Art, die den Betrachter nach der ursprünglichen Ordnung und Funktion fragen lassen, weil er feststellt, dass Andrea Freibergs Interventionen sie aufhebt und gleichzeitig bewusst macht, sind ein Spiel mit der Zeit, die konserviert ist in einem solchen Raum, die aber gleichzeitig unaufhörlich weiterschreitet. Sie finden sich auch in den Gemälden, die Andrea Freiberg an den Wänden angebracht hat. Es sind „Engeleien“, eine Serie von zwölf Bildern, die sie nach einem Schnappschuss in Danzig (ein als Engel verkleidetes Mädchen bei einer Hochzeit) gemalt hat. In immer neuen Farb- und Gemütsvarianten zeigt sie das Mädchen, das mit energischem Schritt sich dem Bild (und dem Blick) stellt und mit verschlossenem bis skeptischem Blick sein Engelskostüm trägt.

Völlig unengelhaft steht es etwas verloren da, sucht nach seiner Rolle, die von den Statisten der Szene flankiert wird, einer älteren Dame mit „Wellenrock“, Gesundheitssandalen und praktisch-uncooler Dreivierteljacke, einem Anzugträger, der ins Bild schreitet und uns gleich den Blick auf das Mädchen verwehren wird, und einem Geschenkträger, der ins Bild tänzelt. Warum ist das Mädchen als Engel ausstaffiert? Wie sieht es seine Rolle? Wie sehen die anderen seine Rolle? – Es muss sich orientieren, wir müssen uns orientieren in dieser (uns oft fremden) Welt des Barock, in die wir hier eindringen – oder an der wir teilhaben können.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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