Vinyl - das schwarze Gold

 Rainer Stein ist der Inhaber von Rainers Plattenladen, dem letzten verbliebenen inhabergeführten Plattenladen in Siegen. „Vinyl war nie wirklich weg“, sagt Stein. In seinem Geschäft am Marburger Tor finden Liebhaber alte Schätzchen. Foto: fegu
  • Rainer Stein ist der Inhaber von Rainers Plattenladen, dem letzten verbliebenen inhabergeführten Plattenladen in Siegen. „Vinyl war nie wirklich weg“, sagt Stein. In seinem Geschäft am Marburger Tor finden Liebhaber alte Schätzchen. Foto: fegu
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fegu - Seit Jahren steigende Umsätze erzeugen Goldgräber-Stimmung in der Musik-Industrie und bieten neue Perspektiven für Bands: Einer der ältesten aller Tonträger ist zurück in vielen Wohnzimmern. In dieser Stadt und aus dieser Stadt heraus gibt es eine Reihe von Protagonisten mit ganz eigenen Zugängen zum Thema Vinyl. Es gibt den Plattenhändler, den Vinyl-Experten und -Enthusiasten, den Musiker und den DJ. Um sie kennenzulernen, stellen wir uns Siegen als 118-Gramm-Doppelvinyl mit den Seiten A bis D vor.

Wer seine Musik nicht im Internet streamen oder Tonträger bestellen möchte, der hat in Siegen nicht allzu viele Möglichkeiten. In den beiden großen Märkten der Media-Markt-Saturn-Gruppe gibt es seit einigen Jahren wieder sichtbare Plattenregale. Für alles andere bleibt nur „Rainers Plattenladen“ an der Straße Marburger Tor. Rainer heißt mit Nachnamen Stein, und das könnte passender nicht sein. Denn sein Laden hieß nicht nur bis vor Kurzem „Rolling Stone Records“, sondern ist mit Hunderten Eintrittskarten, Postern und sonstigen Devotionalien eine Art Rolling-Stones-Museum. Die Plattenkisten stehen in der Mitte der Fläche, von CD-Fächern gesäumt. Seit 15 Jahren führt Rainer Stein das Geschäft, schon deutlich länger gibt es hier Vinyl zu kaufen. „Vinyl war nie wirklich weg“, sagt der 60-Jährige. Selbst in den Jahren, in denen die CD alles dominierte, habe es ein Stammpublikum gegeben. Seit einigen Jahren kaufen aber wieder mehr junge Leute Schallplatten. Neuware gibt es hier nicht, weil sie im Einkauf für kleine Händler ein großes Risiko bedeute, so Stein. Das Sortiment besteht deshalb aus Second-Hand-Platten, vornehmlich mit Musik aus den 70er- und 80er-Jahren. Hier lassen sich Schätzchen finden und Sammlungen auffüllen. Zugleich bleibt bei nur einem Anbieter die Auswahl zwangsläufig eingeschränkt. Das war in Siegen einmal anders.

Gereon Klug ist in Siegen geboren, lebt in Hamburg und interessiert sich „übermäßig“ für dieses Thema. Der Autor und Musiker hat seine humoristisch-musikalische Leidenschaft im Umfeld von Kunst-Gebilden wie Studio Braun, Fraktus oder Deichkind (er textete den schrägen Hit „Leider geil“) ausgelebt. In Hamburg gründete er den legendären Plattenladen „Hans E. Platte“. Seit einigen Jahren spricht er im Podcast „Vinyl Stories“ über das Schallplattensammeln und die Psychologie hinter dem Plattenkauf. „Wenn dich in deiner Jugend dein Plattenhändler bei deinem ersten peinlichen Kauf entlarvt, dann hast du dadurch mehr für dein Leben mitgenommen, als du es anders könntest“, sagt Gereon Klug. Er selbst hatte in seiner Jugend in Siegen einen solchen Plattenhändler: Raimund Adams, der 1984 den „Kratzer“ eröffnete. „Er hat die Funktion übernommen, der Jugend den Weg zu weisen. Er war der erste, der Independent-Fächer eingerichtet hat, er hatte Punk, Soul, New Wave und abseitige Sachen. Er war Entertainer und Edutainer zugleich“, sagt Gereon Klug. Henning Belz, seit 30 Jahren Konzerveranstalter und Programmplaner im VEB, war hautnah dabei, als der „Kratzer“ am 31. Dezember 2012 verschwand. Raimund Adams war 2008 überraschend gestorben. Es gab Versuche, den Laden weiter zu betreiben. Sie blieben ohne Fortune. Damit verschwand der „Kratzer“ wie schon einige Jahre zuvor der Laden „Die Rille“, der den Preiskampf mit den großen Ketten verlor, und andere kleinere Händler. „Der Kratzer hat sehr viele Leute musikalisch sozialisiert“, sagt Henning Belz. Und er war letztlich auch Ausgangspunkt für eine Subkultur aus der Punk/Hardcore-Musik, die in Siegen stark ausgeprägt ist. „Wenn es etwas Vereinigendes gab, dann war das Hardcore“, sagt Gereon Klug.

Christian Schneider hat in den 1990er-Jahren begonnen, Musik zu machen. Zwischenzeitlich nahm die Karriere der deutschsprachigen Indierock-Band Grafzahl Fahrt auf. Es gab Labelverträge, Touren und Support-Gigs für bekannte deutsche Bands wie Kettcar. Aber eben auch einige falsche Entscheidungen, wie Christian Schneider heute ohne Groll sagt. Eine Entscheidung sei aber uneingeschränkt richtig gewesen: die Musik immer auf Vinyl zu veröffentlichen. Die ersten Alben erschienen als limitierte Auflagen mit handgezeichneten Covern oder im Jutebeutel, lange bevor der zur urbanen Mode wurde. „Dadurch haben wir uns einen Ruf erworben, der uns heute immer noch hilft. Wir treffen auf unseren Konzerten alte Vinylsammler, die deshalb bei uns hängen geblieben sind.“

Das „Dee 2“ ist ein überregional bekannter Club mit Schwerpunkt auf elektronischer Musik an der Hauptstraße in Kaan-Marienborn. Vinyl hat einst die Disco- und Clubkultur erst möglich gemacht. Doch auch der DJ ist heute digital, ein Laptop reicht theoretisch, um eine Party zu schmeißen. Aber es ist gerade bei elektronischer Musik eben nicht dasselbe wie handgemischte Sounds. Björn Schachte ist Drum-’n’-Bass-DJ und derjenige, der an diesem Ort die Vinylkultur immer hoch gehalten hat. „Ich lege seit 25 Jahren nur Platten auf. Als alle digital geworden sind, wurde der Plattenspieler für mich extra wieder aufgestellt“, sagt er. Und registriert erfreut, dass Nachwuchs-DJs wieder vermehrt die alte Technik mit der Plattennadel lernen.

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Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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