Fotos des Rubenspreisträgers und mehr

 Mehrfach ironisch: Das Foto mit der „Boygroup“ und dem amerikanischen „Traumschlitten“ zeigt Sigmar Polke und Weggefährten. Foto: Estate Sigmar Polke
  • Mehrfach ironisch: Das Foto mit der „Boygroup“ und dem amerikanischen „Traumschlitten“ zeigt Sigmar Polke und Weggefährten. Foto: Estate Sigmar Polke
  • hochgeladen von Archiv-Artikel Siegener Zeitung

gmz - Man könnte die Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst Siegen als ein Who’s Who der Künstlerszene der 1970er sehen, der Szene, die sich, rund um Sigmar Polke und seinen Kreis, zwischen Düsseldorf, Willich und Zürich bewegte und Kunst als ein Mittel politischer Auseinandersetzung verstand. Doch die Schau „Sigmar Polke und die 1970er-Jahre: Netzwerke, Experimente, Identitäten“  ist viel mehr.

Ausgehend von dem Erwerb von 85 Polke-Fotos für die Sammlung Lambrecht-Schadeberg der Rubenspreisträger der Stadt Siegen sind Museumsleiterin Dr. Eva Schmidt und Volontärin Friederike Korfmacher als Ko-Kuratorin der Frage nachgegangen, wie man das, was in den Fotos des Rubenspreisträgers von 2007 angelegt ist, weiterspinnen und den (künstlerischen) Kontext zeigen könne, der zu den Personen und Ereignissen gehört, die in den Fotos festgehalten sind.

Wobei sich mit der Beschreibung als „Polke-Fotos“ schon die erste Frage ergibt, wie Dr. Eva Schmidt bei der Pressevorbesichtigung erläuterte: Kooperation war für den 2010 verstorbenen Maler und Fotografen extrem wichtig. So drückte er beispielsweise seine Kamera oft irgendjemandem in die Hand, mit der Aufforderung, doch ihn und seine Freunde oder das Geschehen aufzunehmen. Seine Autorenschaft sei dann, so Schmidt, vor allem in der Dunkelkammer anzusiedeln, sind die allermeisten Aufnahmen doch bearbeitet, mit Unschärfe unfokussiert, mit Linien künstlich dem Blick entrückt oder mit Mehrfachbelichtungen geschichtet. Das „Spiel mit der Wahrnehmung“ kennt man ja auch aus den Gemälden.

Ohne seine Kamera war Polke also in den 1970ern kaum unterwegs, half sie ihm doch, egal, wer sie auslöste, so Dr. Eva Schmidt, seinen Blick zu fokussieren und sich gleichzeitig als Beobachter hinter sie zurückzuziehen und sich zu entziehen. Sigmar Polke war der Beobachter des Geschehens, das er künstlerisch begleitete und damit verwandelte. So war er offenbar höchst fasziniert, so Friederike Korfmacher, von dem politischen Engagement seiner damaligen Lebengefährtin Katharina Steffen, die im künstlerisch und politisch „subversiven und wilden“ Zürich (Schmidt) lebte. Aus ihrem Besitz stammen ursprünglich auch die Aufnahmen, die von der Sammlung Lambrecht-Schadeberg erworben werden konnten.

Für die Schau wurden die 85 Aufnahmen, die in den Jahren zwischen 1973 und 1978 entstanden sind, thematisch geordnet, nach Reisen, Aufenthaltsorten und Experimenten und Kollegen- und Werkphasen, ergänzt um weitere Arbeiten Polkes und um die von Weggefährten und Kollegen, so dass insgesamt rund 350 Werke, Fotos und Gemälde, zu sehen sind.

Die weiteren Arbeiten sind ausgewählt nach den „Anlässen“, die die Fotos in der Sammlung Lambrecht-Schadeberg zeigen. So ergeben sich Netzwerke und Verbindungen, die die Schau in Siegen thematisiert. Der Rückblick war auch für ehemalige Weggefährten Polkes so wichtig, dass Katharina Sieverding, die auch zu Polkes Kreis gehörte, eigene Fotos für das „Netzwerk“ der Siegener Schau herausgesucht und zur Verfügung gestellt hat.

Auffällig ist auch, wie ironisch und selbstironisch die Aufnahmen wirken, wie sie mit der Pose und der Selbstinszenierung spielen, den Bohémien mit Schlangenlederjackett geben, aber gleichzeitig ernsthaft nach weniger abgegriffenen Lebensformen suchen. Polke beispielsweise posiert in einer Aufnahme als Pirat, mit einem Buch als Piratenhut, einem Glas als Spitzbart, einem Küchenmesser zwischen den Zähnen, einem „verwegenen“ Tuch um die Schultern, die in einem Jackett stecken … Skurriles und auch Albernes gehören, so erläutert Dr. Eva Schmidt, zur Art des Arbeitens: Nicht als Selbstzweck, sondern weil das Ungewöhnliche den Blick für die Wahrnehmung des „Normalen“ schärft.

Da nimmt es nicht wunder, dass die Künstler um Polke auch mit den in den 1970ern so hippen bewusstseinserweiternden Mitteln experimentierten. Eine Fotoserie dokumentiert, wie Stills aus einem Film, wie Polke und seine Freunde diese Erfahrung erlebten. Polkes beobachtender Blick, seine Verarbeitung seiner Erfahrungen, fordern den Betrachter in dieser „dokumentarisch“ präsentierten Ausstellung, die aber Einblicke in Prozesse und Entwicklungen gibt, heraus, selbst Blicke zu wagen … Man muss sich, so Schmidt, Polkes Blick ausliefern.

„Sigmar Polke und die 1970er-Jahre“.
Bis 10. März 2019, Museum für Gegenwartskunst,
Unteres Schloss 1, Siegen, dienstags bis
sonntags 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr.
Zur Ausstellung gibt es ein ausführliches
Begleitprogramm.

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