Verbeugung vor Catharina Dörrien

 Farbenfroh und optisch nah am historischen Original, so präsentiert sich das Dillenburger Ensemble, das sich auf sechs Aufführungen des Musicals „Catharina Dörrien – Eine Leben zwischen Liebe und Krieg“ vorbereitet. Foto: Veranstalter/Thomas Kaulich  Musical-Macher in Dillenburg (v. l.): Ulrich Kögel, Ingrid Kretz, Dr. Ernst Engelbert und Armin Müller. Foto: ciu  Das Porträt von Catharina Helena Dörrien, gemalt von Friedrich Ludwig Hauk, 1761, ist im Besitz des Museums Wiesbaden. Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert
  • Farbenfroh und optisch nah am historischen Original, so präsentiert sich das Dillenburger Ensemble, das sich auf sechs Aufführungen des Musicals „Catharina Dörrien – Eine Leben zwischen Liebe und Krieg“ vorbereitet. Foto: Veranstalter/Thomas Kaulich Musical-Macher in Dillenburg (v. l.): Ulrich Kögel, Ingrid Kretz, Dr. Ernst Engelbert und Armin Müller. Foto: ciu Das Porträt von Catharina Helena Dörrien, gemalt von Friedrich Ludwig Hauk, 1761, ist im Besitz des Museums Wiesbaden. Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert
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ciu - „2009 habe ich der Dame einen Walzer spendiert, aber ich wusste nicht, wer sie war“, sagt der Komponist und Musikpädagoge Armin Müller. Neun Jahre nach den Aufführungen von „Feuer über Dillenburg“ (Text: Rolf Krenzer) gibt es in der Oranierstadt, wo die Botanikerin und Erzieherin in der Mitte des 18. Jahrhunderts wirkte, eine tiefe Verneigung vor Catharina Helena Dörrien: Die Autorin Ingrid Kretz (Manderbach) hat den Text für ein Musical verfasst, das dieses „Leben zwischen Liebe und Krieg“ nacherzählt, die Musik dazu kommt von Armin Müller und seinem gleichfalls an der Wilhelm-von-Oranien-Schule tätigen Kollegen Ulrich Kögel. Seit Februar laufen die Proben – unter der Regie von Dr. Ernst Engelbert, der vor 52 Jahren sein Abitur an dem traditionsreichen Gymnasium „baute“. Die jüngere Geschichte des „WvO“ ist durchaus auch eine Musical-Geschichte, weshalb Ingrid Kretz im Gespräch mit dem Dillenburger Bürgermeister Michael Lotz an die Musik-Experten des Gymnasiums verwiesen wurde. Dort zündete der Funke – weil Armin Müller in Ulrich Kögel einen ausgezeichneten Partner gefunden hat, weil es ohnehin ein breites musikalisches Angebot gibt und auch die nötige Erfahrung mit groß angelegten kooperativen Projekten.

Die 39 Szenen von „Catharina Dörrien“ werden von 18 Songs, Instrumentalstücken und Tänzen unterstrichen: mit Balladen, Anklängen an die Oper, Songs im „Dreigroschenoper“-Stil und solchen aus dem Genre Pop/Rock. Enorm ist die Zahl an Mitwirkenden: Fast 200 jüngere und ältere Menschen agieren Seite an Seite auf der Bühne bzw. in Orchester und Chor, dazu kommt ein großes Team in den Bereichen Bühnen- und Maskenbildnerei, Technik, Werbung und, und, und. Die sechs Aufführungen finden vom 9. bis 14. Oktober (jeweils 19 Uhr, nur bei der „Derniere“ um 18 Uhr) in der Nassau-Oranien-Halle Dillenburg statt, Tickets sind auch über die SZ-Konzertkassen zu haben (www.wvo-dill.de/musical-doerrien).

Es ist eine späte Würdigung, die Catharina Helena Dörrien erfährt. Ingrid Kretz, die mehrfach schon historische Themen in Romanform bearbeitet hat (ihr Buch „Die Erben von Snowhill Manor“ ist gerade in lettischer Sprache erschienen), hatte wohl den Namen der aus Hildesheim stammenden Gouvernante mehrfach bei ihren stadtgeschichtlichen Recherchen wahrgenommen, doch „dass das so eine bedeutende Frau war“, habe sie nicht geahnt. Die Jahreszahl 1717 – und damit die 300. Wiederkehr des Geburtstags der Dörrien – machte sie neugierig auf mehr. Und so stieß Ingrid Kretz, u. a. bei der Lektüre der aus dem Jahr 2000 stammenden Biographie „Zwar sind es weibliche Hände“ der Hildesheimer Kulturpädagogin Regina Viereck, auf eine faszinierende Pastorentochter, die 1748/49 auf Einladung ihrer Freundin Sophia, Ehefrau des Archivars Anton Ulrich von Erath, nach Dillenburg kommt, um deren Kinder zu erziehen. Das unternimmt Catharina Dörrien ohne Rücksicht auf die damaligen Konventionen: Sie bildet Jungen und Mädchen gleicherweise, verfasst kleine Theaterstücke und Bilderbücher.

Ihre große Leidenschaft allerdings gilt der Botanik. Sie liebt es, durch die Natur der „fürstlich oranien-nassauischen Lande“ zu streifen, um die „wildwachsenden Gewächse“, wie es im Titel ihres 1794 in Leipzig erschienenen Verzeichnisses heißt, in detaillierter Beschreibung zu erfassen. In über 1400 Aquarellen hat sie die Pflanzen ihrer Lebenswelt dargestellt, nahezu alle dieser Arbeiten sind verschollen – bis auf rund 40 Blätter, die im Besitz des Museums Wiesbaden (das Dörriens Schaffen mit dem der Naturforscherin Maria Sibylla Merian vergleicht) sind. In ihrer Zeit galt sie als „berühmtes Frauenzimmer“, erfuhr prominente Würdigung in Berlin, wo sie 1776 Ehrenmitglied der Gesellschaft Naturforschender Freunde wurde, und in Florenz, als Ehrenmitglied der Botanischen Gesellschaft.

Am 8. Juni 1795 verstarb Catharina Dörrien, ledig geblieben, in Dillenburg. Zusätzlich zur historisch verbürgten Dramaturgie des Lebens der lehrenden und lernenden Pionierin gibt das Musical eine gute Prise Emotion dazu. Ingrid Kretz lässt die Dörrien lieben (als lutherisch geprägte Frau den calvinistischen Oberpfarrer Morff) oder auch nicht (so hat „Ausscheller“ Wilhelm bei ihr keine Chance, findet aber sein Glück am Ende doch!), sie stellt den positiv besetzten Hauptfiguren den infamen Ratsherrn Becker gegenüber, einen Schwerenöter, wie er im Buche steht, und gibt der Trauer um das bei einem Kutschunfall verunglückte Kind der Eraths Stimme und Gesicht: Wenn das Lied „Komm zurück“ im Stück erklingt, gesungen von der elfjährigen Amelie Weiss und begleitet von Gitarrist Raphael Monno, dann geht das unter die Haut.

Stück für Stück baut sich augenblicklich das große Ganze auf. Um auch die Spannung bei den Mitwirkenden zu halten, so Armin Müller, achteten die Verantwortlichen darauf, dass sich im Probenverlauf immer wieder etwas Neues ergebe. Nach und nach wachsen die einzelnen Bestandteile zusammen. Noch wird mit Klavierbegleitung und Playbacks gearbeitet, noch geht es vor allem um das Handwerkliche (Textverständlichkeit, Art des Darstellens, Timing …), noch gab es nur im Ausnahmefall eine Probe im historischen Kostüm (aber was das mit den Beteiligten machte, war enorm!), noch ist das Rätsel um die Erscheinung im Licht der Laterna Magica nicht gelöst, noch laufen die aufwendig hergestellten Videoprojektionen (etwa vom Kutschunfall, hier war das Dillenburger Gestüt sehr hilfreich) nicht parallel zum Probengeschehen. Es bleibt also spannend, das Ensemble kann sich auf immer wieder neue Wow-Effekte freuen.

„Ich bitte um Ruhe! Die Szene beginnt.“ Dr. Ernst Engelbert klatscht in die Hände, schaut sich an, was passiert. Geprobt wird die „Abschiedsszene“. Catharina muss sich von der Hildesheimer Freundin trennen, zu belastend sind die Gerüchte um ihren verstorbenen Bruder Melchior (er erscheint als Geist!), und irgendjemanden heiraten nur um des Versorgtseins willen, das ist ihre Sache nicht: „Ich brauche ein Gegenüber, kein Darunter“, sagt sie – und geht. Fast alle Rollen sind doppelt besetzt. So sind viele beteiligt, was hilfreich ist gerade bei der für ein Laien-Ensemble doch recht hohen Zahl an Aufführungen. Mit Dr. Engelbert haben die Dillenburger einen erfahrenen Regie-Arbeiter ins Boot geholt. Der Marburger zeichnete z. B. verantwortlich für die großen Freilicht-Aufführungen des Musicals „Merci – Der Graf und die Hugenotten“ von Hanno Herzler (Text) und Siegfried Fietz (Musik) auf Burg Greifenstein und beim Hessentag in Wetzlar. Dass er sich für das Dörrien-Projekt entschieden habe, sei aus zwei Gründen erfolgt, so Engelbert. Zum einen habe ihn das Buch überzeugt, zum anderen sei Dillenburg für ihn „so was wie ein Stück Heimat“. Nun trägt er mit dazu bei, einer der bedeutendsten Personen der Stadt ein Denkmal zu setzen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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