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Mit den Fichtenskeletten leben
Aufräumen ist nicht immer gut

Auf den ersten Blick mag die alte Strategie, tote Fichten zu fällen und aus dem Wald zu holen, einige Vorteile haben. Aber aufgeräumte Freiflächen – wie diese am Betzdorfer Struthof – bergen auch Risiken.
  • Auf den ersten Blick mag die alte Strategie, tote Fichten zu fällen und aus dem Wald zu holen, einige Vorteile haben. Aber aufgeräumte Freiflächen – wie diese am Betzdorfer Struthof – bergen auch Risiken.
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  • hochgeladen von Klaus-Jürgen Menn (Redakteur)

damo Kreis Altenkirchen.  „Es ist kein Wald mehr da, den man noch retten kann“: Frank Schneider, Technischer Produktionsleiter des Forstamts, redet nicht lange drumherum. Satte 1,2 Millionen Festmeter Fichtenholz sind mittlerweile aus den Wäldern des AK-Lands gekarrt worden, seit dort der Borkenkäfer das Regiment übernommen hat. 1,2 Millionen: Das entspricht 40 000 Lastwagen. Und das, was hierzulande noch an Fichten steht, lässt sich praktisch nicht mehr sinnvoll vermarkten. Kein Wunder also, dass Forstamtsleiter Michael Weber klipp und klar sagt: „Der Blick geht jetzt weg von der Schadensbewältigung. Er geht hin zum Aufbau neuer Wälder.

damo Kreis Altenkirchen.  „Es ist kein Wald mehr da, den man noch retten kann“: Frank Schneider, Technischer Produktionsleiter des Forstamts, redet nicht lange drumherum. Satte 1,2 Millionen Festmeter Fichtenholz sind mittlerweile aus den Wäldern des AK-Lands gekarrt worden, seit dort der Borkenkäfer das Regiment übernommen hat. 1,2 Millionen: Das entspricht 40 000 Lastwagen. Und das, was hierzulande noch an Fichten steht, lässt sich praktisch nicht mehr sinnvoll vermarkten. Kein Wunder also, dass Forstamtsleiter Michael Weber klipp und klar sagt: „Der Blick geht jetzt weg von der Schadensbewältigung. Er geht hin zum Aufbau neuer Wälder.“
Endlich, könnte man denken: Endlich sind die Zeiten vorbei, in denen die Waldbauern und Förster nichts anderes waren als die Totengräber ihres eigenen Walds. Endlich können sie ein neues Kapitel beginnen, und ein reizvolles noch dazu: Endlich dürfen sie den Wald der Zukunft gestalten. Aber: Auch das birgt durchaus Konflikpotenzial.

Althergebrachte Strategien hinterfragen

Denn das Forstamt plädiert dafür, nicht nur an den althergebrachten Strategien festzuhalten. „Natürlich ist es psychologisch leichter, den eingeschlagenen Weg immer weiter zu gehen“, sagt Schneider. Aber: „Wir sind der Meinung, dass wir öfters auch mal abbiegen sollten.“
Dazu muss man wissen: Über Jahrzehnte galt im Wald die Marschroute, Käferholz möglichst rasch aus dem Wald zu holen, um einen Flächenbrand zu vermeiden. Wenn der Käfer doch mal im größeren Stil gewütet hatte, wurde zumindest versucht, die abgestorbenen Fichten noch schnell zu Geld zu machen. Und anschließend wurden tausende kleine Pflanzen auf der brachliegende Fläche eingebuddelt, um neuen Wald wachsen zu lassen.
„Anfangs hatten wir die Illusion, auch diesmal so handeln zu können“, sagt Frank Schneider. Aber angesichts der Übermacht des Käfers müsse man längst konstatieren: Die alte Strategie greift nicht. Und mehr noch: Sie schafft neue Probleme.

Unzählige Kahlflächen

Denn mittlerweile gibt es auch im AK-Land unzählige Kahlflächen, auf denen weit und breit kein Baum mehr steht. Auf den ersten Blick mag das besser aussehen als die Waldstücke, in denen rotbraune Fichtenskelette dicht an dicht in den Himmel ragen. „Die aufgeräumten Flächen entsprechen sicher eher dem inneren Drang, nach der Katastrophe wieder alles in Ordnung zu bringen“, meint Weber. „Und bestimmt herrscht auch der Gedanke vor, dass das Aufräumen das Pflanzen erleichtert.“ Aber: Die Kahlflächen bergen gewaltige Risiken, stellen Weber und Schneider im SZ-Gespräch klar:
Nährstoffverlust: Wenn die toten Fichten an Ort und Stelle verrotten dürfen, werden Nährstoffe freigesetzt – werden die Bäume aber samt und sonders aus dem Wald gekarrt, verliert der Boden diese Nährstoffe.
Erosionsgefahr: „Wenn Flächen besenrein gemacht werden, wird’s bei jedem starken Regen gefährlich, gerade in Hanglagen“, sagt Schneider.
Kritisches Kleinklima: Selbst wenn nur noch Fichtengerippe auf den Flächen stehen, schützt das nach Aussage von Weber und Schneider den Waldboden vor extremer Hitze und Frost. „Auf einer Freifläche gibt’s keinen Quadratmeter Schatten. Da kann es im Sommer am Boden schnell mal 50, 60 Grad warm werden“, erklärt Schneider. Und Weber ergänzt: „Da stößt dann selbst die widerstandsfähigste Pflanze an ihre Grenzen.“

Wiederbewaldung wird richtig teuer

Folgekosten: Neben den ökologischen Problemen wird die Wiederbewaldung der Kahlschlagsflächen auch ganz schön teuer. Erst einmal geht eine Menge Geld für die Jungpflanzen drauf (sofern es diese überhaupt in ausreichender Menge gibt), dann folgen Jahrzehnte der kostspieligen Kulturpflege (falls sich genug Personal findet, dass diese Arbeit übernehmen kann).
All das führt dazu, dass das Forstamt mittlerweile sehr kritisch prüft, ob es wirklich geboten ist, alle toten Fichten zu fällen und abzutransportieren. „Für jede einzelne Fläche müssen wir abwägen“, sagt Weber. Mal mag der althergebrachte Weg mit dem Dreiklang aus Fällen, Abräumen und Pflanzen der richtige Weg sei. Aber oft genug sehen Weber und Schneider gute Gründe, von den toten Fichten einfach mal die Finger zu lassen.
Denn auch dort wird neuer Wald entstehen, sagen die beiden Förster unisono. Wo ohnehin Vielfalt herrscht, zum Beispiel am Giebel- oder am Höhwald, könne die Naturverjüngung ausreichen: „Die Natur hat schon selbst gut vorgesorgt. In vielen Beständen, wo die Fichten abgestorben sind, ist schon erstaunlich viel nachgewachsen“, meint Weber. Und wo die Fichte sehr dominant war, könne es ausreichen, unter den toten Fichten einige Pflanzungen als Initialzündung vorzunehmen.
Und dann? Braucht es Geduld. Denn klar ist: Wo tote Fichten sich selbst überlassen werden, wird in den nächsten zwei, drei Jahrzehnten kein Waldarbeiter tätig werden. „Nichts ist gefährlicher als Totholz“, sagt Weber, und so dürfe und werde das Forstamt keine Arbeitskräfte in einen verrottenden Wald schicken. Nur dringend nötige Verkehrssicherungsmaßnahmen (also Fällarbeiten neben Wanderwegen) werden dann erledigt – ansonsten bleiben solche Flächen gut und gerne 25 bis 30 Jahre sich selbst überlassen.
Der Gedanke, dass im eigenen Revier No-Go-Areas entstehen, mag manchen Förster gruseln – und doch sehen Weber und Schneider keine Alternative. Denn auch vielen Flächen, die jetzt geräumt werden, drohe ein ähnliches Los, sagt der Forstamtsleiter: „Es ist eine Illusion, dass jemand da sein wird, der regelmäßig in die paar tausend Hektar abgeräumte Fläche reinlaufen kann.“ Auch er redet nicht drumherum.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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