SZ

Hochwasserschutz in Altenkirchen
Das Ahrtal kann überall sein

Um Katastrophen wie die im Ahrtal zu vermeiden, müssen sich Kommunen frühzeitig wappnen, mahnt Joachim Schuh, der für die VG Altenkirchen-Flammersfeld ein Hochwasserschutzkonzept ausgearbeitet hat. Denn wenn der Himmel seine Schleusen öffnet, bleibt keine Zeit zu reagieren.
2Bilder
  • Um Katastrophen wie die im Ahrtal zu vermeiden, müssen sich Kommunen frühzeitig wappnen, mahnt Joachim Schuh, der für die VG Altenkirchen-Flammersfeld ein Hochwasserschutzkonzept ausgearbeitet hat. Denn wenn der Himmel seine Schleusen öffnet, bleibt keine Zeit zu reagieren.
  • Foto: dpa
  • hochgeladen von Dominik Jung

damo Kreis Altenkirchen. Von Altenahr nach Betzdorf sind es Luftlinie nicht einmal 70 Kilometer − aber am 14. Juli 2021 haben Welten zwischen den Orten gelegen. Das Ahrtal wurde von einer Flut heimgesucht, die vorher kaum vorstellbar erschien. Und im Siegtal? Hat es geregnet, mehr aber auch nicht. Dutzende Male haben Politiker und Helfer aus dem AK-Land anschließend betont, wie haarscharf das AK-Land an der Katastrophe vorbeigeschrammt ist. Hätten sich die Wolken über dem Siegtal leergeregnet, wären womöglich Betzdorf und Kirchen zu Synonymen der Katastrophe geworden. 
''Der Klimawandel ist der Motor''
Auch Joachim Schuh spricht den Satz mit dem Wörtchen "haarscharf" aus.

damo Kreis Altenkirchen. Von Altenahr nach Betzdorf sind es Luftlinie nicht einmal 70 Kilometer − aber am 14. Juli 2021 haben Welten zwischen den Orten gelegen. Das Ahrtal wurde von einer Flut heimgesucht, die vorher kaum vorstellbar erschien. Und im Siegtal? Hat es geregnet, mehr aber auch nicht. Dutzende Male haben Politiker und Helfer aus dem AK-Land anschließend betont, wie haarscharf das AK-Land an der Katastrophe vorbeigeschrammt ist. Hätten sich die Wolken über dem Siegtal leergeregnet, wären womöglich Betzdorf und Kirchen zu Synonymen der Katastrophe geworden. 

''Der Klimawandel ist der Motor''

Auch Joachim Schuh spricht den Satz mit dem Wörtchen "haarscharf" aus. Und er weiß genau, wovon er redet: Als Werkleiter hat er federführend am Hochwasserschutzkonzept der Verbandsgemeinde Altenkirchen-Flammersfeld mitgearbeitet. Seitdem weiß er, dass selbst von kleinsten Bächen größte Gefahren ausgehen können. Gerade deshalb alarmiert es, wenn er sagt: "Die Gefährdungslage an Sieg und Nister ist ähnlich einzuschätzen wie an der Ahr."

Dabei geht die Gefahr nicht von einem klassischen Hochwasser aus, verdeutlicht Schuh jetzt bei der Kreis-Dienstbesprechung der Ortsbürgermeister in Altenkirchen: Wenn klassischer Landregen und Schneeschmelze zusammenkommen, steigen die Pegelstände vergleichsweise gemächlich. Zudem sei eine solche Wetterlage vorhersehbar. Also bleibe Zeit zum Reagieren. Ganz anders sieht's aber bei Starkregenereignissen aus.

Und die werden sich häufen und an Intensität zunehmen − davon ist Schuh überzeugt. "Der Klimawandel ist der Motor", meint er: Zunehmend warme Luft könne immer größere Wassermassen aufnehmen. "Wir reden über ganz neue Wetterereignisse", warnt Schuh: Die alten statistischen Berechnungen könnten längst nicht mehr das abbilden, was heute zu befürchten sei. 

Verlässliche Prognosen seien praktisch unmöglich

Das größte Problem aber sei: "Das kleinräumige Auftreten macht solche Starkregenereignisse tückisch." Manchmal entscheiden zehn Kilometer über Wohl oder Wehe, verdeutlicht Schuh am Beispiel des Fronleichnamstags 2018: In Kirchen wurde die Klotzbachstraße von den Wassermassen regelrecht pulverisiert, in Brachbach musste man nicht einmal den Regenschirm aufspannen. Und diese extreme Regionalität mache verlässliche Prognosen praktisch unmöglich: "Starkregen ist örtlich und zeitlich nicht vorhersagbar", stellt Schuh klar. Folglich seien die Vorwarnzeiten extrem kurz.

Joachim Schuh hat federführend am Hochwasserschutzkonzept der VG Altenkirchen-Flammersfeld mitgewirkt. Seitdem weiß er, welche Gefahren bei einem Extremwetter auch im AK-Land drohen.
  • Joachim Schuh hat federführend am Hochwasserschutzkonzept der VG Altenkirchen-Flammersfeld mitgewirkt. Seitdem weiß er, welche Gefahren bei einem Extremwetter auch im AK-Land drohen.
  • Foto: damo
  • hochgeladen von Dominik Jung

Das wiederum lasse nur einen Schluss zu: Die Vorsorge kann nicht mehr getroffen werden, wenn der Himmel seine Schleusen öffnet − das muss vorher erledigt werden. Ein wirkungsvolles Instrument seien Hochwasser- und Starkregenschutzkonzepte, wie sie mittlerweile auch in einigen Verbandsgemeinden des Oberkreises ausgearbeitet werden. Und genau das tut auch Not, wenn man Schuh Glauben schenken will, denn auch die Bäche und Flüsse im AK-Land haben die Kraft, unglaubliche Verwüstungen zu schaffen.

Wohin fließt das Wasser ab?

Diese Einschätzung fußt keineswegs auf Schuhs Bauchgefühl, denn die Gefahrenlage lässt sich berechnen, erklärt er. Maßgeblich seien vor allem zwei Faktoren: die Menge an Regen, die fällt, und die Größe des Entwässerungsgebiets. Was die Regenmenge angeht, spricht man ab 50 Milliliter von Starkregen. Auf einen Meter Bodenfläche fallen dann 50 Liter − auf einen Quadratkilometer sind es schon 50.000 Kubikmeter. Und durch welches Tal diese Wassermassen fließen werden, lässt sich präzise vorhersagen.

Entscheidend für die Ablaufrichtung des Wassers sind die Wasserscheiden. Wenn sich eine Gewitterzelle im Landkreis Bayreuth abregnet, ist es Zufall, welcher Regentropfen am Ende in der Nordsee und welcher im Schwarzen Meer landet. Aber die Scheitelpunkte der Höhenkämme sind eben die Ausnahme: Für den Großteil der Fläche gibt die Topografie eindeutig vor, wohin das Wasser fließt.

Nasse Füße bekommt man nicht nur im Tal

Was heißt das für Sieg und Nister? Nichts Gutes, denn ihre Entwässerungsgebiete sind keineswegs kleiner als die der Ahr und ihrer Nebenflüsse, verdeutlicht Schuh. Auch kritische Engstellen oder Brücken, die vom Treibgut in Staudämme verwandelt werden, gibt's im AK-Land reichlich, ergänzt der Werkleiter. Und wer glaubt, dass er nur unten im Tal nasse Füße bekommen kann, wähnt sich laut Schuh in falscher Sicherheit: Selbst Mulden, durch die an 364 Tagen im Jahr kein Wasser fließt, können bei Extremwetterlagen für überflutete Keller sorgen.

Daher ist Schuhs Botschaft klar: Die Gemeinden seien gut beraten, frühzeitig Vorsorge zu treffen, also kritische Punkte zu erkennen und auszumerzen (z.B. Bäche entrohren, Retentionsflächen schaffen, Bauleitplanung anpassen). All das können professionell erstellte und vom Land geförderte Hochwasserschutzkonzepte leisten, motiviert Schuh sein Publikum. Und das ist nicht zufällig gewählt: Die Ortsbürgermeister seien wichtige Multiplikatoren, betont Landrat Dr. Peter Enders. Und der erste Schritt sei die Sensibilisierung der Bevölkerung.

Um Katastrophen wie die im Ahrtal zu vermeiden, müssen sich Kommunen frühzeitig wappnen, mahnt Joachim Schuh, der für die VG Altenkirchen-Flammersfeld ein Hochwasserschutzkonzept ausgearbeitet hat. Denn wenn der Himmel seine Schleusen öffnet, bleibt keine Zeit zu reagieren.
Joachim Schuh hat federführend am Hochwasserschutzkonzept der VG Altenkirchen-Flammersfeld mitgewirkt. Seitdem weiß er, welche Gefahren bei einem Extremwetter auch im AK-Land drohen.
Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

8 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Anzeigen in der Siegener Zeitung
Anzeigen einfach online aufgeben

Egal ob privat oder gewerblich: Mit der Online-Anzeigenannahme der Siegener Zeitung können Kunden ihre Anzeige schnell und unkompliziert über das Internet aufgeben. Die Online-Anzeigenaufgabe bietet ein breites Spektrum an Gestaltungsmöglichkeiten und verschiedene Buchungsoptionen. Viele Kategorien und Muster für AnzeigenWählen Sie die gewünschte Kategorie und ein Anzeigenmuster, gestalten Sie Ihre eigene Anzeige und buchen Sie in der gewünschten Rubrik. Als registrierter Benutzer können Sie...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.