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Wölfe bekommen in immer mehr Bundesländern Nachwuchs
Das große Comeback

Nachdem in den vergangenen Jahren durchziehende Wölfe gesichtet worden sind, gibt es in der Leuscheider Heide im Kreis Altenkirchen und im Oberbergischen bereits feste Rudel mit Nachwuchs.
  • Nachdem in den vergangenen Jahren durchziehende Wölfe gesichtet worden sind, gibt es in der Leuscheider Heide im Kreis Altenkirchen und im Oberbergischen bereits feste Rudel mit Nachwuchs.
  • Foto: sz-Archiv
  • hochgeladen von Marc Thomas

goeb Altenkirchen. Wer einmal ausgerottet war oder fast ausgerottet und dann zurückkommt, der tut das selten zaghaft. Wiederbesiedlungsquoten von 30 Prozent jährlich sind typisch für Tiere, die man eigentlich schon abgeschrieben hatte und sich dann doch wieder erholen. Wir erleben das gerade beim Steinbock, dessen Bestand in den Alpen jetzt die magische Zahl 50 000 geknackt hat.

Sein Bestand war bis auf drei Dutzend Köpfe auf dem Gran Paradiso in den 1820er Jahren zusammengeschossen worden. Die Unterschutzstellung und neuerdings der Klimawandel begünstigen die stolze Wildziegenart: Das Gras auf den Hängen wächst heute nämlich früher und üppiger.

Beim europäischen Wolf liegen die Dinge etwas anders.

goeb Altenkirchen. Wer einmal ausgerottet war oder fast ausgerottet und dann zurückkommt, der tut das selten zaghaft. Wiederbesiedlungsquoten von 30 Prozent jährlich sind typisch für Tiere, die man eigentlich schon abgeschrieben hatte und sich dann doch wieder erholen. Wir erleben das gerade beim Steinbock, dessen Bestand in den Alpen jetzt die magische Zahl 50 000 geknackt hat.

Sein Bestand war bis auf drei Dutzend Köpfe auf dem Gran Paradiso in den 1820er Jahren zusammengeschossen worden. Die Unterschutzstellung und neuerdings der Klimawandel begünstigen die stolze Wildziegenart: Das Gras auf den Hängen wächst heute nämlich früher und üppiger.

Beim europäischen Wolf liegen die Dinge etwas anders. Auch er wurde durch Jagd erbarmungslos verfolgt und verschwand zumindest aus dem Westen Deutschlands. Durch den Bau des Eisernen Vorhangs schafften es die polnischen und tschechischen Wanderwölfe nicht mehr, auf uralten Pfaden nach Westen zu gelangen. Erst mit dem Fall der Grenzbefestigungen war der Weg für sie wieder frei.

130 belegte Rudel verteilen sich über zwölf Bundesländer

Sein graues Haupt erhob der erste Isegrim im Frühjahr 2000 auf einem Truppenübungsplatz in Sachsen. Seither werden allmählich überall Wölfe gesichtet. Die Gegenden, wo sie noch nicht sind, werden immer weniger. Die 130 belegten Rudel verteilen sich über zwölf Bundesländer. Mehr Wölfe bedeuten mehr Probleme: In der vergangenen Woche stimmten sich in Rostock auf der Umweltministerkonferenz die Politiker u. a. darüber ab, wie weiter zu verfahren sei mit dem Raubtier, das vom Gesetz her europaweiten Schutz genießt.

Politiker wie der heimische Bundestagsabgeordnete Erwin Rüddel (CDU) verpassen keine Gelegenheit, mal mehr, mal weniger scharf für eine „Entnahme“ von Tieren im wachsenden Bestand zu plädieren. Kein Wunder, ihm sitzen die Weidetierhalter im Nacken, vor allem die Schafhalter in den Kreisen Altenkirchen und Neuwied.

Dort war die eine oder andere Weide am nächsten Morgen nicht ausschließlich grün gefärbt. In Leutesdorf im Kreis Neuwied wurde im März 2018 eine trächtige Damwildkuh von einer Wolfsfähe gerissen. Wölfe stehen unter scharfer Beobachtung. Rissproben gehen sofort zur DNA-Untersuchung an die Wildtiergenetiker des Senckenberginstituts in Frankfurt.

Erster Wolf nach 123 Jahren erschossen

2016 hatte man in Leutesdorf bereits einen Wolf gesichtet. Und zu trauriger Berühmtheit kam schon im Jahr 2012 jener Wolf im Westerwald (Hartenfels), den ein Jäger für einen wildernden Hund gehalten und geschossen hatte. Die Wellen schlugen seinerzeit hoch: Der erste Wolf nach 123 Jahren in Rheinland-Pfalz starb an einer Kugel aus einem Büchslauf.

Aufhalten konnte das die Wolfexpansion aber nicht. Zwar ist die Wolfsfähe vom Stegskopf (Daaden) wieder verschwunden, im Grenzbereich des Unterkreises Altenkirchen, in der Leuscheider Heide, gibt es jetzt aber ein Rudel, das seine Jungen großzieht. Und schaut man über die Landesgrenze nach NRW, sieht man eine ähnliche Tendenz: Das nächste Wolfsgebiet ist ganz nah: das Oberbergische Land. Auch dort zogen erwachsene Wölfe ihre Jungen groß. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch im waldreichen Kreis Siegen-Wittgenstein Wölfe heranwachsen. Sichtungen von Durchzüglern gab es bereits.

Nach Überzeugung des heimischen Wolfsexperten Dr. Frank Wörner (Gebhardshain) wird sich die Ausbreitung des Wolfs fortsetzen. „Der Wolf steht europaweit unter strengem Schutz. Diesen Status kann man nicht einfach aushebeln.“

Bejagung von Landwirtschaft und Jägerschaft gefordert

Die Bejagung werde hauptsächlich seitens der Landwirtschaft und der Jägerschaft gefordert und finde in der Politik ihren Widerhall. Wörner hält nichts davon: „Für die Schafhalter ist es egal, ob ein Wolf da ist oder ob es viele sind. Die Herden müssen so oder so geschützt werden.“

Hiesige Schafhalter, die die Siegener Zeitung kürzlich zu dem Thema befragte, winkten ab. Die meisten Schafhalter in der Region hätten nur wenige Tiere. Die Haltung von Schutzhunden sei illusorisch. Wirksamen Schutz durch Zäune gebe es nicht. Der Wolf sei dafür viel zu intelligent, hieß es. Das bereite ihnen große Sorgen.

In Hachenburg hatte Anfang März ein Wolf in zwei aufeinanderfolgenden Nächten insgesamt sechs Schafe getötet. Wörner zufolge biete nur die nächtliche Stallunterbringung der Tiere bei kleinen Herden wirksamen Schutz. „Leider sind davon noch viele entfernt. Für den Wolf ist das eine Einladung zum Abendessen.“

Rechtssicherheit für den Umgang mit dem Rückkehrer Für etwa 1000 Rudel Wölfe wäre Platz in Deutschland, das hat das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) kürzlich errechnet. Wolfsexperte Eckhard Fuhr aus Bonn erklärte unlängst auf einem vielbeachteten Vortrag in Altenkirchen, warum die Reviere bei uns etwa zehnmal kleiner sind als etwa in den Weiten Kanadas. Seine Antwort: „Nirgendwo sonst ist der Tisch so reich gedeckt.“ Bedingt durch die Landwirtschaft, habe sich in Deutschland „ein unfassbar hoher Bestand an Rehen, Hirschen und Schwarzwild“ entwickeln können. Das birgt für die jetzt zu Ende gegangene Umweltministerkonferenz in Rostock ein hohes Streitpotenzial. Die Umweltminister der Länder wollen einen Praxisleitfaden zum Umgang mit Wölfen vorlegen, der die verhärteten Fronten ein wenig weicher gestaltet. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) fordert in einem Papier alle Beteiligten auf, einen modernen Wolfsschutz umzusetzen. Der Praxisleitfaden soll nun Rechtssicherheit im Umgang mit Wölfen bringen. Knackpunkt der Verhandlungen: Wie definiert und identifiziert man sog. „schadenverursachende Tiere“? Während die Naturschutzverbände genaue Einzelfallentscheidungen fordern („keine Abschüsse auf gut Glück“) und gleichzeitig umfassende Herdenschutzmaßnahmen (Hunde, Zäune etc.) vorschlagen, favorisieren einige Landwirtschaftsverbände großzügigere Wolfsabschüsse. Der Verbandsnaturschutz zitiert jüngste Urteile des Europäischen Gerichtshofs, der darin mehrfach deutlich gemacht habe, dass Abschüsse kein sinnvolles und zulässiges Mittel als Herdenschutzmaßnahme darstellten. Gegen Deutschland liegen laut Nabu drei EU-Klageverfahren zum Umgang mit Wölfen vor.

KOMMENTAR:

Mit dem Wolf leben lernen
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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