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Unangenehme Wahrheiten im Waldzustandsbericht
Dem Wald geht’s so dreckig wie nie

Einmal pro Jahr rücken Experten aus, um den Zustand der Bäume zu erfassen. Als dieses Foto 2017 im Wildenburger Land aufgenommen wurde, sah die Welt der Bäume noch deutlich besser aus als aktuell. Drei trockene Sommer haben verheerende Schäden hinterlassen (Archivbild).
  • Einmal pro Jahr rücken Experten aus, um den Zustand der Bäume zu erfassen. Als dieses Foto 2017 im Wildenburger Land aufgenommen wurde, sah die Welt der Bäume noch deutlich besser aus als aktuell. Drei trockene Sommer haben verheerende Schäden hinterlassen (Archivbild).
  • Foto: Daniel Montanus
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

damo Kreis Altenkirchen. Früher, in den 1980er-Jahren, hatte der Waldzustandsbericht noch einen sehr ehrlichen Namen: Da hieß er Waldschadensbericht. Aber wer sich das aktuelle Zahlenwerk aus dem Mainzer Umweltministerium anschaut, wird rasch zum Ergebnis kommen: Der alte Name trifft’s. 84 Prozent aller Bäume sind geschädigt – so viele wie nie zuvor seit Beginn der Datenerfassung. Und auch das Ausmaß der Schäden ist ernüchternd: 45 Prozent der Patienten fallen in die Kategorie „deutlich geschädigt“. Auch das ist ein trauriger Rekord.
Und die Liste der unbequemen Wahrheiten lässt sich problemlos verlängern: Nicht nur die Fichten sterben, sondern auch viele Laubbäume ächzen unter der unbarmherzigen Kombination aus Trockenheit, Hitze und Schädlingen.

damo Kreis Altenkirchen. Früher, in den 1980er-Jahren, hatte der Waldzustandsbericht noch einen sehr ehrlichen Namen: Da hieß er Waldschadensbericht. Aber wer sich das aktuelle Zahlenwerk aus dem Mainzer Umweltministerium anschaut, wird rasch zum Ergebnis kommen: Der alte Name trifft’s. 84 Prozent aller Bäume sind geschädigt – so viele wie nie zuvor seit Beginn der Datenerfassung. Und auch das Ausmaß der Schäden ist ernüchternd: 45 Prozent der Patienten fallen in die Kategorie „deutlich geschädigt“. Auch das ist ein trauriger Rekord.
Und die Liste der unbequemen Wahrheiten lässt sich problemlos verlängern: Nicht nur die Fichten sterben, sondern auch viele Laubbäume ächzen unter der unbarmherzigen Kombination aus Trockenheit, Hitze und Schädlingen. Die Buche, ein klassischer Baum der rheinland-pfälzischen Wälder, wirft bereits im Spätsommer die Blätter ab. Und selbst die Douglasie, die jahrelang als robustere Schwester der Fichte galt, kränkelt: In den 1980er-Jahren waren noch rund 80 Prozent der Douglasien kerngesund – heute sind es keine 15 Prozent mehr.

Totalschaden bei den Fichten

Und was im Landesschnitt gilt, trifft auch im AK-Land zu. Dort sieht es bei einigen Baumarten sogar noch finsterer aus, sagt Forstamtsleiter Michael Weber im Telefonat mit der SZ. „Bei Fichten liegen wir weit über dem Durchschnitt, da müssen wir von Totalschaden reden.“
Die Ursachen für den Kollaps der Wälder liegen für Weber auf der Hand: Die Bäume leiden unter Trockenheit und Hitze, und so haben die Schädlinge leichtes Spiel. Was der Borkenkäfer angerichtet hat, ist nicht mehr zu übersehen – aber dass man sich über die Douglasien-Gallmücke Gedanken machen muss, ist auch für Weber neu. „Von der hat man vor 20 Jahren noch nichts gewusst.“
Dass die Schädlinge so verheerend wirken, liegt zum einen daran, dass die Bäume geschwächt sind. Zum anderen spielen ihnen aber menschengemachte Faktoren ins Blatt: Viele Arten (z. B. der Eichenprozessionsspinner, der mittlerweile auch bei uns auf dem Vormarsch ist) profitieren von der Wärme. Und andere sind einfach als unerwünschte Begleiterscheinung der Globalisierung bei uns aufgetaucht. Beispiel dafür ist ein asiatischer Pilz namens Falsches Weißes Stängelbecherchen, auf dessen Konto das Eschensterben in Mitteleuropa geht.

„Wir sind Opfer und Retter zugleich“

All das trifft die Wälder mit einer Wucht, die Weber in seiner langjährigen Laufbahn so noch nicht erlebt hat: „Das ist wie ein Faustschlag ins Gesicht.“ Diesen Wirkungstreffen muss der Forst aber wegstecken, sagt Weber, denn: „Wir sind Opfer und Retter zugleich.“
Die Opferrolle ist klar, die Retterrolle erklärt Weber mit dem Stichwort CO2-Senken. Weil gesunde Wälder enorme Mengen des Klimakillers aufnehmen können, spielen sie beim Kampf gegen den Klimawandel eine wichtige Rolle.
Zudem werden Wälder auch aus ökologischer Sicht als Holzlieferanten benötigt, betont der Forstamtschef: „Wenn wir irgendwann gezwungen sind, Holz aus anderen Teilen der Erde zu importieren, verschärfen wir das ökologische Problem weiter.“ Und zwar nicht nur wegen des CO2-Footprints beim Transport, sondern auch, weil in vielen anderen Regionen Holz unter deutlich problematischeren Bedingungen produziert werde als in Mitteleuropa. „Wir müssen das Problem global betrachten und dürfen unsere Probleme nicht exportieren.“

Auftrag: klimastabile Wälder aufbauen

Der Auftrag ist also klar: Hierzulande müssen neue, klimastabile Wälder aufgebaut werden. „Deshalb dürfen wir die Hände jetzt nicht in den Schoß legen“, sagt Weber, räumt aber zugleich das Dilemma dabei ein: „Wir können nicht verlässlich sagen, wie sich die Situation in den nächsten 50 Jahren verändern wird.“ Und anders als bei einem Landwirt, der schon im nächsten Frühjahr auf einen Fehlschlag reagieren kann, denkt und arbeitet die Forstwirtschaft in Jahrzehnten.
Also heißt das Mittel der Wahl: Vielfalt. Denn nur so lassen sich Risiken minimieren, sagt Weber. Und: „Wir müssen mit der Natur arbeiten.“ Soll heißen, dass da, wo es möglich ist, auf Naturverjüngung vertraut werden soll. „Wir setzen zunächst auf das, was bei uns heimisch ist, zum Beispiel auf Eiche.“ Und Weber geht auch davon aus, dass Bäume lernen können: „Junge Buchen werden sich in einem bestimmten Maß an neue Umweltbedingungen anpassen können.“

„Wir können das Problem nicht wegpflanzen“

Dazu kommen, wohlgemerkt „in sehr maßvollem Rahmen“, Arten, die in der Vergangenheit nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben, zum Beispiel die Roteiche oder die Edelkastanie. Und teils auch echte Exoten: „Der Kollege Bernd Schäfer hat in Kirchen ja zum Beispiel den Mammutbaum angepflanzt.“ Solche Pflanzungen versteht Weber als Experiment: „Wir müssen einfach austesten.“
Aber klar ist auch: „Wir können das Problem nicht wegpflanzen. Und auch, wenn die Fördergelder enorm wichtig sind, werden wir keine Lösung kaufen können. Wir leben in einer Klimazone, die sich überdurchschnittlich stark verändert, und da liegt das Problem. Und das kann die Forstverwaltung alleine nicht lösen.“

Kommentar: Die Natur schreit nach Verzicht Die Titelfotos vom Stern und Spiegel sind hängen geblieben, obwohl es lange her ist: Es waren Fotomontagen apokalyptischer Szenen, mit denen wir in den 80er-Jahren vor saurem Regen und Waldsterben gewarnt worden sind. Damals ist es uns gelungen, den Schalter umzulegen, die Wälder haben sich erholt. Und heute? Sind die Fotomontagen von früher längst von der Realität vor unserer Haustür überholt worden. Zerstörter Wald auf breiter Fläche, und es sind nicht mehr nur die anfälligen Fichten, die unter der Kombination von Dürre und Schädlingen kollabieren. Wenn selbst die Buche, die seit der letzten Eiszeit in unseren Breiten leben konnte, an ihre Grenzen stößt, sollten alle Warnlampen angehen. Damals haben wir schnell und richtig reagiert: Katalysatoren in den Autos und Filter in den Industrieanlagen haben den Schwefeldioxid- und Stickoxid-Ausstoß reduziert. Und ein paar Jahre später haben wir den nächsten drohenden Kollaps abwenden können: Mit dem Verbot von FCKW ist das Ozonloch zumindest kleiner geworden. Das sind zwei Erfolge, die wir uns auf die Fahnen schreiben dürfen. Warum aber krepieren jetzt die Wälder um uns herum? Waren wir damals cleverer als heute? Kaum. Der Unterschied dürfte vielmehr darin bestehen, dass aktuell viel weitreichendere Veränderungen nötig wären. Die bisherigen Errungenschaften waren zu einem sozialverträglichen Preis zu haben. Haarspray gibt’s nach wie vor, ob nun mit oder ohne FCKW in der Dose. Und der Katalysator hat unsere Autos weniger giftig gemacht, ohne dass wir auch nur auf eine einzige Fahrt verzichten mussten. Im Kampf gegen den Klimawandel aber wird es nicht genügen, ein paar Stellschrauben zu drehen. Immer lauter werden die Warnungen, dass grüne Technologien allein nicht ausreichen werden, um die CO2- und Methan-Emissionen so weit abzusenken, dass der Klimawandel gestoppt wird. Dazu ist der Kontrast zwischen unserem Lebensentwurf auf der einen Seite und den Erfordernissen des Klimaschutzes auf der anderen einfach viel zu groß: Wir wollen immer mehr, die Natur schreit nach immer weniger. Wir werden also alle umdenken müssen – oder uns damit arrangieren, dass irgendwann nicht mehr nur die Wälder sterben.
Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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