SZ

SZ-Interview mit Landrat Dr. Peter Enders
Einschätzung zum zweiten Corona-Jahr

Landrat Dr. Peter Enders.

thor Altenkirchen. Wie schätzt der Landrat das abgelaufene Jahr ein? Die Siegener Zeitung hat bei Dr. Peter Enders nachgefragt:

Sehr geehrter Herr Landrat Dr. Enders, das Jahr 2020 war bereits ein außergewöhnliches. Hätten Sie jemals damit gerechnet, zwölf Monate später im Rückblick ein Déjà-vu zu erleben?
►Zu Jahresanfang, als wir viel früher mit den Impfungen starten konnten als zunächst erwartet, war ich durchaus optimistisch, weil ich dachte, dass die Impfkampagne mehr Menschen erreichen würde. Diese Ansicht musste ich im Lauf des Jahres relativieren: Impfstoffknappheit, zu geringe Impfbereitschaft, Schließung der Impfzentren sind Stichworte in diesem Zusammenhang. Da wurde einfach Zeit verloren.

thor Altenkirchen. Wie schätzt der Landrat das abgelaufene Jahr ein? Die Siegener Zeitung hat bei Dr. Peter Enders nachgefragt:

Sehr geehrter Herr Landrat Dr. Enders, das Jahr 2020 war bereits ein außergewöhnliches. Hätten Sie jemals damit gerechnet, zwölf Monate später im Rückblick ein Déjà-vu zu erleben?
►Zu Jahresanfang, als wir viel früher mit den Impfungen starten konnten als zunächst erwartet, war ich durchaus optimistisch, weil ich dachte, dass die Impfkampagne mehr Menschen erreichen würde. Diese Ansicht musste ich im Lauf des Jahres relativieren: Impfstoffknappheit, zu geringe Impfbereitschaft, Schließung der Impfzentren sind Stichworte in diesem Zusammenhang. Da wurde einfach Zeit verloren. Aber für uns alle ist es der erste Kampf gegen eine weltweite Pandemie, sodass man nicht urteilen sollte. Die Omikron-Variante wirft uns nun erneut ein Stück zurück, wahrscheinlich benötigen wir sogar noch eine Impfung mit angepasstem Impfstoff. Danach erwarte ich wie bei der Grippe eine jährliche Impfung.

Was war für Sie als Landrat und Mediziner bislang der größte Fehler bei der Bekämpfung der Pandemie?
►Ich habe das Stichwort schon genannt: Bund und Länder haben die Impfzentren geschlossen und auf die Hausarztpraxen vertraut. Ich selber habe die Impfzentrumsbürokratie auch als zu aufwendig erlebt. Die Hausärztinnen und Hausärzte haben ja auch zum allergrößten Teil Enormes in der Impfkampagne geleistet, das lässt sich mit Zahlen belegen. Aber sie hatten eben auch mit Widrigkeiten zu kämpfen wie der Beschränkung des Impfstoffes. Zudem hat zumindest in Rheinland-Pfalz ein Fünftel aller Praxen überhaupt nicht geimpft. Das schlägt sich auch nieder. In den letzten Wochen kam es daher zur Rolle rückwärts. Unter dem Strich: Die Impfkampagne könnte weiter sein.

Inwieweit haben Sie Sorge, dass angesichts der momentanen Situation das Vertrauen in staatliche Strukturen vielleicht sogar bis hinunter auf die Ebene der Ortsgemeinden leidet?
►Corona hat manche Negativ-Entwicklung befördert, leider auch die teilweise überkritische und ablehnende Haltung von einem geringen Teil der Bevölkerung gegenüber staatlichen Einheiten. Die kommunale Ebene und wir als ihre Vertreter werden dabei vielfach zum Prügelknaben für Brüssel, Berlin oder Mainz. Keine Frage: Der Ton gegenüber Politik und Verwaltung wird rauer, teilweise unsachlich. Anderseits gibt es aber eben auch viele, die einfach nur mitreden und mitgestalten wollen. Ihnen muss man vor Ort eine Möglichkeit zur Beteiligung geben.

Viele sprechen bereits von einer Spaltung der Gesellschaft. Sehen Sie diese Entwicklung bzw. Gefahr auch für den Kreis Altenkirchen?
►Ich möchte nicht von Spaltung sprechen. Ja, es gibt offensichtlich eine Minderheit, die – mit Blick auf Corona, aber auch in anderen Fragen – das, was vom Staat kommt, was der Staat macht und vorschreibt, ablehnt, zum Teil aus sehr unterschiedlichen Gründen, man muss da auch differenzieren. Die große Mehrheit, die gerade in der Pandemie die Einschränkungen mitträgt und auf vielfältige Weise zum Zusammenhalt der Gesellschaft beiträgt, hat aber nach meiner Beobachtung kein Verständnis für die Beachtung, die man einer teilweise radikalen Minderheit schenkt.

Welchen Beitrag können Politik und Verwaltung leisten, damit wieder eine Kultur des Dialogs und des sachlichen Meinungsaustauschs einkehrt?
►Man muss sich Zeit nehmen, zuzuhören, wirklich auszutauschen und die Sicht des oder der anderen nachzuvollziehen, zu akzeptieren. Das heißt vielleicht auch, dass wir neue Beteiligungsmöglichkeiten brauchen. Das ist ein Wesenskern einer pluralistischen Gesellschaft. Nur weil ein Thema schlagwortartig in den sogenannten sozialen Medien hochgepeitscht wird, müssen noch keine sachlichen Argumente im Spiel sein. Andererseits erhebt auch eine auf Expertenmeinungen gegründete Kreistags- oder Gemeinderatsentscheidung nicht den Anspruch auf Unfehlbarkeit und darf kritisch hinterfragt werden. Und ein zweiter Aspekt: Politik und ihre Entscheidungen, auch die von Verwaltungen, können und müssen (wieder) verständlicher sein: Die Menschen müssen nachvollziehen können, warum eine Entscheidung genauso getroffen wird, wie sie getroffen wird. Hier hapert es angesichts eines schwer zu lichtenden Gesetzesdschungels in Verbindung mit Bürokratismus und Vielzuständigkeiten in meinen Augen.

Nur weil ein Thema schlagwortartig in den sogenannten sozialen Medien hochgepeitscht wird, müssen noch keine sachlichen Argumente im Spiel sein.
Dr. Peter Enders
Landrat

Die Corona-Krise überlagert alles, auch im Kreis Altenkirchen: Welche Themen sind Ihrer Meinung nach wichtiger, wenn es um die Zukunftsfähigkeit der Region geht?
►Das sind die Themen, die uns über das Jahr, zuletzt auch in den Haushaltsberatungen, immer begleiten: Infrastruktur und Verkehrsanbindungen, ÖPNV und Schulen, Breitband, Digitalisierung, Gesundheitsversorgung, Neuordnung der Kommunalfinanzen. Vielfach sind dabei Land und Bund mit gefordert.

Bei allem Krisenmanagement: Was war Ihr persönliches Highlight 2021?
►Ich möchte drei Punkte nennen: Ich war und bin stolz auf alle, die bei Aufbau und Management des Impfzentrums in Wissen beteiligt waren. Das war eine tolle Leistung! Ich bin dankbar für jede Frau und jeden Mann, die sich im Lauf des Jahres haben impfen lassen. Und noch ein Dank, und zwar an alle, die mich beim Spendensammeln für den Bau einer Schule in Ruanda in Kooperation mit der Stiftung Fly & Help unterstützt haben. Bei allen Problemen, mit denen wir aktuell vor Ort kämpfen, dürfen wir nicht vergessen, dass Teile der Welt noch immer großen Nachholbedarf haben.

Der Blick in die Glaskugel: Welchen Rückblick wünschen Sie sich als Landrat Ende 2022?
►Der Rückblick 2022 sollte uns erinnern, wie die Corona-Pandemie Monat für Monat aufgrund der steigenden Impfquote ihren Schrecken verloren hat und wir alle dauerhaft wieder mehr Normalität (er)leben können.

Die Fragen stellte Thorsten Stahl

Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

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