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Treue Biertrinker in der Region
Erzquell, Bosch und Krombacher verkaufen mehr Flaschenbier

In der Erzquell-Brauerei in Niederschelderhütte läuft derzeit die Flaschenbier-Abfüllung auf Hochtouren – trotz bzw. wegen der Corona-Krise.
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  • In der Erzquell-Brauerei in Niederschelderhütte läuft derzeit die Flaschenbier-Abfüllung auf Hochtouren – trotz bzw. wegen der Corona-Krise.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

thor/vö Niederschelderhütte/Bad Laasphe/Krombach. In diesen eigentlich so schönen Frühlingsmonaten sind für manche Siegerländer Biertrinker nicht Covid-19 oder die Kurzarbeit die Gegner Nr. 1, sondern Google. Auf das Stichwort „Brauereien“ in die Suchmaske folgt der blanke Horror: „Brauereien kämpfen in der Krise“, „Corona bremst den Bierkonsum aus“, „Viele Brauereien vor dem Aus“, „Bierlager sind randvoll“ usw. etc. pp. Wer das intensiv liest, wird sich ernsthaft Sorgen machen, dass er beim Getränkehändler seines Vertrauens bald nur noch Apfelschorle, Cola und Saft bekommt.
Mehr Flaschenbier Und dann dies: Es ist Mittwoch, der Tag vor Christi Himmelfahrt (auch als Vatertag bekannt) – und in der Erzquell-Brauerei in Niederschelderhütte wird gestöhnt.

thor/vö Niederschelderhütte/Bad Laasphe/Krombach. In diesen eigentlich so schönen Frühlingsmonaten sind für manche Siegerländer Biertrinker nicht Covid-19 oder die Kurzarbeit die Gegner Nr. 1, sondern Google. Auf das Stichwort „Brauereien“ in die Suchmaske folgt der blanke Horror: „Brauereien kämpfen in der Krise“, „Corona bremst den Bierkonsum aus“, „Viele Brauereien vor dem Aus“, „Bierlager sind randvoll“ usw. etc. pp. Wer das intensiv liest, wird sich ernsthaft Sorgen machen, dass er beim Getränkehändler seines Vertrauens bald nur noch Apfelschorle, Cola und Saft bekommt.

Mehr Flaschenbier 

Und dann dies: Es ist Mittwoch, der Tag vor Christi Himmelfahrt (auch als Vatertag bekannt) – und in der Erzquell-Brauerei in Niederschelderhütte wird gestöhnt. Allerdings nicht wegen Langeweile oder fehlenden Umsatzes. Der Satz „Wir kommen mit dem Brauen kaum noch hinterher“ sorgt für fast ungläubiges Staunen. Wenig später dann die Gewissheit: Bei Christina Haas klingt im Telefongespräch nicht gerade pure Verzweiflung durch, als sie über die derzeitige Lage der Brauerei berichtet – im Gegenteil: Die Prokuristin und Tochter des geschäftsführenden Gesellschafters Dr. Axel Haas kann zweistellige Zuwachsraten verkünden, was das Flaschenbier angeht. Eine Erklärung für dieses „Phänomen“ hat sie auch gleich zur Hand: „Es ist eine unglaubliche Treue der Biertrinker im Siegerland.“

Lockdown bremste Brauerei aus

Dabei ist es nicht so, dass die „Siegtaler“ jetzt rosarote Etiketten auf die Flasche drucken, weil die Gesamtlage so wunderschön ist. Diesem Eindruck tritt auch Haas entgegen. Denn auch die Erzquell-Brauerei wurde durch den Lockdown Mitte März in einer Phase des Aufschwungs ausgebremst. Dabei haben die Brauer mit ihren beiden Standorten in Niederschelderhütte und Bielstein (zwar eine Einheit, aber rechtlich getrennte Unternehmen) zweifellos vom Trend zur Regionalität profitiert. Und wenn man dann noch von einem Abiturienten aus Niederdielfen einen eigenen Rap-Song als Hommage erhält, darf man sich ruhigen Gewissens auch mal selbst zuprosten.

Fassbiergeschäft weggebrochen

Dann aber schlugen im März die Einschränkungen mit voller Wucht zu: „Das Fassbiergeschäft ist komplett weggebrochen“, sagt Tina Haas, für die Brauerei im Siegerland habe dies zu einem Umsatzrückgang von 30 Prozent geführt. Für den Vertrieb wurde Kurzarbeit angemeldet, auch weil derzeit keine einzige Großveranstaltung zu betreuen ist. Überhaupt sind ihrer Einschätzung nach von der Krise eher regionale Betriebe betroffen, weil diese mit der Gastronomie vor Ort besonders verbunden seien. Eben weil es sehr viele enge und persönliche Kontakte gibt, sorgt man sich in der Brauerei um die Wirte genauso wie um die eigenen Mitarbeiter – auch das wird im Gespräch deutlich.
Umso mehr freut sich Haas darüber, dass Gaststätten und Kneipen wieder öffnen dürfen. „Es sind mehr offen, als wir erwartet haben. Und die Gastronomen sind recht optimistisch.“

Dankbar für die Treue

Aber: Getragen wird die Brauerei in dieser gleichwohl schwierigen Lage vom Geschäft mit dem Flaschenbier, der direkte Draht zum Endkunden in 0,5- bzw. 0,33-l-Form. Wie hoch das zweistellige Plus genau ist, will Tina Haas nicht verraten, sie wolle sich einfach nur bei den Kunden im Siegerland für die Treue bedanken. Zwischen den Zeilen ist aber herauszuhören, dass im Siegtal die Geschäfte besser laufen als im Obergbergischen. Das Erfolgsrezept? „Ich denke, dass den Leuten sehr bewusst ist, dass wir bei dem, was wir tun, sehr authentisch sind“, sagt Tina Haas.
Das Thema „Regionalität“ bleibe für die Brauerei dabei ein zentrales Thema: „Wir sind völlig darauf angewiesen, dass bewusst eingekauft wird“, so die Prokuristin. Sorge bereitet ihr in diesem Zusammenhang die künftige Preisentwicklung. Gut möglich, dass es in Zukunft auf dem Biermarkt wieder zu einem aggressiven Preisdumping komme, weil – ähnlich wie in der Modebranche – in vielen Unternehmen die Lager einfach randvoll seien.

Leergut fehlt

Davon kann in Niederschelderhütte wahrlich nicht die Rede sein, das zeigt allein der Blick auf den Hof und in die Halle. Die grünen Kistentürme haben genauso viele Lücken wie ein Borkenkäfer-Wald. „Wir leben derzeit von der Hand in den Mund“, schildert Haas das Problem des fehlenden Leerguts. „Die Kästen stehen alle bei den Leuten im Keller.“ Besonders betroffen seien die 0,5-Gebinde. Und nein, es sei überhaupt nicht nötig, sich beim Bier ähnliche Vorräte wie beim Toilettenpapier anzulegen.
Was bleibt, ist bei allen Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten ein kämpferisch-optimistischer Ausblick. Tina Haas: „Dieses Jahr wird uns hart treffen. Wir bekommen das aber gestemmt.“

Ein Drittel der gewohnten Umsätze

Die Corona-Krise habe für die Brauerei Bosch zwei Seiten, macht Geschäftsführer Hans-Christian Bosch im Gespräch deutlich: Zum einen sei der Umsatz mit Fassbier wegen der Schließung der Gastronomie und der Absage von Veranstaltungen abrupt weggebrochen, zum anderen klettere der Umsatz mit Flaschenbier „deutlich spürbar“. Positiv sei zunächst einmal, dass die Gastronomie wieder öffnen dürfe, auch wenn derzeit nur rund ein Drittel der gewohnten Umsätze erreicht werde: „Die kritische Phase ist längst nicht vorbei, aber wir werden alles tun, damit unsere Wirte überleben.“ Seine Brauerei verstehe sich ganz bewusst als Partner der Gastronomie – nicht nur als Lieferant.

Bewusste Entscheidung für regionale Produkte

Was die Produkte in Flaschen angehe, könne man nur zu dem Schluss kommen, dass sich die Leute offenbar als Ersatz für den ausgefallenen Urlaub oder in Zeiten von Kurzarbeit einen kleinen Luxus in Form eines Handwerksbieres aus der Region gönnten: „Wir freuen uns über die großartige Unterstützung der Menschen, die sich bewusst für unsere Produkte entscheiden.“ Diese Treue führe dazu, dass die Mitarbeiter bei Bosch nach wie vor komplett arbeiten könnten und keine Kurzarbeit angemeldet werden müsse.

Langsam werden die Flaschen knapp

Einen Appel schickt Hans-Christian Bosch abschließend noch hinterher: „Bitte schaut mal zu Hause im Keller oder der Garage und bringt das Leergut in den Getränkemarkt. Es wird langsam knapp.“ Man wolle nicht in die Situation kommen, produzieren zu wollen, es wegen fehlender Flaschen aber nicht zu können.

Gastronomie-Geschäft ausgefallen

Generell sei es so, dass die Absätze über die Gastronomie aufgrund der bundesweiten Schließungen in den vergangenen Wochen so gut wie komplett ausgefallen seien. Das gleiche trifft auf den Export zu, erläutert Peter Lemm, Leiter Unternehmenskommunikation bei der Krombacher Brauerei. „Und auch die Absage von Volks- und Schützenfesten trifft uns sehr hart.“ Das Geschäft über den Handel laufe bisher weitestgehend stabil. Besonders herausfordernd sei aktuell die äußerst schwierige Planung für die nächsten Wochen, ergänzt Peter Lemm.

Unterstützung ist sicher

Vieles hänge davon ab, wie lange und intensiv das Virus die Gesellschaft noch beschäftigen werde. Auch bleibe abzuwarten, in welchem Umfang das Geschäft in der Gastronomie jetzt wieder anlaufen werde. Allerdings: „In jedem Fall haben wir hier mit unseren Partnern in der Gastronomie in den vergangenen Wochen intensive und produktive Gespräche geführt und individuelle Maßnahmen gefunden, um sie zu unterstützen.“

Autor:

SZ Redaktion aus Siegen

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