Aus heimischer Küche in eigene Produktionsstätte
Brauer seit dem ersten Bier

Florian Vogt in seiner urigen Wirkungsstätte, eine ehemalige Lagerhalle der elterlichen Kfz-Werkstatt. Hier produziert der 26-Jährige seit 2018 Heldenbräu. Vorher experimentierte er jahrelang in der Küche seines Elternhauses.
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  • Florian Vogt in seiner urigen Wirkungsstätte, eine ehemalige Lagerhalle der elterlichen Kfz-Werkstatt. Hier produziert der 26-Jährige seit 2018 Heldenbräu. Vorher experimentierte er jahrelang in der Küche seines Elternhauses.
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yve Helden. Nicht viele Jugendliche stehen gerne in der Küche. Florian Vogt schon. Zumindest früher und nicht immer zur Freude seiner Mutter. Ihr Sohn brauchte damals viel Platz. Zog der unnachahmliche Geruch durchs Haus, wurde gebraut. Jahrelang steht der junge Heldener am heimischen Herd, experimentiert, verwirft und erfindet neu. Heute ist er 26 Jahre alt und braut, „seit ich Bier trinken darf“. Den provisorischen Arbeitsflächen im Elternhaus ist er mittlerweile entwachsen.

20 Liter Bier produzierte er seinerzeit, heute sind es etwa 900 pro Brautag. „Die Arbeitsschritte sind immer gleich, ganz egal, wie viele Liter ich herstelle“, erzählt mir Florian Vogt, der erste Bierhersteller, den ich für die Serie über Mikrobrauereien besuche. Er steht vor einer rustikalen Theke, dahinter wird auf einer Leinwand der Sauerländer Wald von der Sonne bestrahlt. Ringsherum stehen Fässer, in der Mitte Sitzgelegenheiten gefertigt aus alten Fachwerkbalken und auf Tischen jede Menge Utensilien für den Brauprozess.

Früherer Milchtank ist Herzstück

Wir befinden uns in einer Halle, bis 2018 Lagerraum der elterlichen Kfz-Werkstatt. Daran erinnert nichts mehr. Das Herzstück ist eine Tür weiter. Hier stehen drei große Edelstahlbehälter. „Das war früher ein Milchtank“, zeigt der 26-Jährige auf einen Bottich. „Ein Landwirt hat ihn ausrangiert, für mich ist er genau das Richtige.“ Hier in der Produktionsstätte entsteht Heldenbräu. Um Würze und zuckrige Lösung herzustellen braucht es einen Brautag. Der beginnt für Florian Vogt früh. Er startet gegen 5 Uhr und schaltet erst am Abend die Lichter aus. „Es dauert, bis hunderte von Litern kochen.“

Der Superhelden-Umhang darf auf dem Emblem vom Repetaler Heldenbräu natürlich nicht fehlen.
  • Der Superhelden-Umhang darf auf dem Emblem vom Repetaler Heldenbräu natürlich nicht fehlen.
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Die stürmische Hauptgärung, der Zeitabschnitt zu Beginn der Gärung, wenn die Hefen am aktivsten sind und die Kohlensäure entsteht, nimmt fünf Tage bis eine Woche in Anspruch. „Die Hefe macht dann also die Arbeit.“ Bevor das Heldenbräu aber trinkreif ist, muss es noch fünf bis sechs Wochen in Lagertanks ruhen. Allzu gerne würde ich jetzt vom heldenhaften Getränk kosten. Ich habe den falschen Zeitpunkt erwischt. „Alle Vorräte sind aufgebraucht“, teilt mir der junge Mann aus dem Repetal mit. Ich lasse mir den Geschmack also erklären. „Hauptsächlich stelle ich Helles und Dunkles her“, so der 26-Jährige. „Saisonabhängig auch Frühlings- oder Winterbock.“ Das Helle sei individuell aufgrund der leichten Zitrusnote, das Dunkle weniger herb, Geschmacksknospen reagierten auf Röstaromen und einen Hauch von Kaffee. Beide Sorten sind mit 5 bis 6 Prozent kräftig. „Pilsbiere schmecken ähnlich, da gibt es meist nur kleine Unterschiede“, findet Florian Vogt. „Dabei kann man doch so viele unterschiedliche Geschmäcker erzeugen.“ Für das Foto holt der 26-Jährige eine Dekoflasche vom Fensterbrett und füllt den Inhalt in ein Glas. Die Flüssigkeit ist nicht klar, die Krone wächst zur stattlichen Größe heran. Naturtrübe Biere seien charakteristisch für Klein-Brauereien. „Das ist viel gesünder, warum sollte ich gesunde Inhalte wie Nähr- und Ballastoffe herausfiltern?“

Biere auch in Speisen gut

Vogts Biere machen sich daher auch in Speisen gut. In Soßen oder im mit Treber gebackenenen Burger. In einer Küche steht der 26-Jährige nicht mehr, das überlässt er seinem Bruder Christian. Mit gerade einmal 23 Jahren eröffnet er im Sommer das Restaurant „Helden Herzhaft“ in unmittelbarer Nachbarschaft zur Brauerei. „Für das Lokal produziere ich hauptsächlich“, sagt Florian Vogt. Und Heldenbräu ist gefragt. „Da gab es schon Engpässe.“ Corona-bedingt ruht der Betrieb seines Bruders – zumindest an der Theke und an den Tischen. Neben Hellem und Dunklem erzeugt der 26-Jährige neuerdings auch Bierlikör nach Geheimrezept. „Der ist immer im Restaurant erhältlich.“

Helden boomt, findet der örtliche Karnevalsverein und widmete 2019 sein Sessions-Motto auch dem eigenen Dorf-Bier.
  • Helden boomt, findet der örtliche Karnevalsverein und widmete 2019 sein Sessions-Motto auch dem eigenen Dorf-Bier.
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Aber wie kommen Freunde von Spezialbieren eigentlich in den Genuss von Heldenbräu? Hier ist Aufmerksamkeit gefragt. Etwa alle sechs bis acht Wochen kündigt Vogt via Facebook und Instagram neue Gebinde an. Dann heißt es, schnell bestellen und abholen nach Terminvereinvereinbarung. „Der Andrang auf halbe Liter im Sechser-Pack und auf Fässchen ist stets groß.“

Nicht zuletzt aufgrund der Fangemeinde, die sich im gesamten Ort gebildet hat. Ob örtlicher Karneval-, Fußball-, Musik- oder Schützenverein – „das Dorf steht hinter mir“. Und natürlich seine Familie und Freunde, die zu den treuesten Heldenbräu-Verkostern zählen.

Pandemie für Umbau genutzt

Was derzeit fehle, so der 26-Jährige, sei die Geselligkeit, die sich in der urigen Braustube in Windeseile einstelle. Sie ist nicht nur Vereinslokal des Tambourcorps, sondern auch gemütliche Herberge für Gäste, die sich von Florian Vogt die Liebe zum Brauen erklären lassen möchten, in der Hand dabei frisches Heldenbräu.

Florian Vogt experimentierte jahrelang in der Küche seines Elternhauses.
  • Florian Vogt experimentierte jahrelang in der Küche seines Elternhauses.
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„Ich nutze jetzt die Zeit der Pandemie für einen Umbau der Produktionsraums.“ Der Brauvorgang soll sich effektiver gestalten.

Vergrößern will sich der Heldener nicht. Das ist nicht sein Ziel, auch in Zukunft nicht. „Für mich ist das ein Nebenjob.“ Den brauche schließlich jeder Student. Vogt arbeitet gerade an seinem Master, Berufsschullehrer möchte er werden und Bierbrauer bleiben – im Kleinen, um großen Genuss zu bieten!

Aus Keller, Küche und Garage Bierbrauen hat wahrlich Tradition. Untrennbar ist die lange Geschichte des Gerstensaftes mit kleinen klösterlichen Brauereien im Mittelalter verbunden. 2019 wurden in Deutschland rund 91,6 Millionen Hektoliter Bier erzeugt – überwiegend in Großbrauereien. Doch auch Nischen-Produkte – sogenannte Craft-Biere, spezielle Sorten abseits des „Mainstreams“ – werden immer mehr nachgefragt. Nicht nur das. Der uralte Brauch lebt auf, der Traum von einer eigenen Brauerei entwickelt sich zum Trend. Oft ist es ein langer Prozess, bis die meist hopfen- bzw. malzbetonten und aromaintensiven Biere die Hobby- und Kleinbrauer zufriedenstellen und ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern – Experimentierfreude und erlerntes Fachwissen vorausgesetzt. Vorreiter des Craft-Bieres sind die USA. Dort wurde nach Jahrzehnten der Prohibition das heimische Brauen wieder erlaubt. Seit geraumer Zeit ist Maischen, Kochen und Gären auch in heimischen Kellern, Küchen und Garagen zwischen Bigge und Lenne angekommen. Die Siegener Zeitung stellt einige dieser Mikrobrauereien in lockerer Reihenfolge vor. Die erste Tour führt ins Gebiet von Attendorn, und zwar nach Helden im beschaulichen Repetal, getrennt durch mehrere Berggipfel vom Biggetal. Dort lebt Florian Vogt, Student und Brauer aus Leidenschaft, „seit ich Bier trinken darf“, so der 26-Jährige. 2018 startete er mit der Produktion von Heldenbräu in einer ehemaligen Lagerhalle der elterlichen Kfz-Werkstatt. In den Jahren zuvor heizte er die Braukessel in der heimischen Küche an. Und wussten Sie, dass eine Riege Männer ihr Selbstgebrautes nach einer weiblichen Ziege benennen, dass ein Hotel in Saalhausen Sorten wie Helles und Weißbier vom Fass aus der eigenen Hausbrauerei anbietet oder dass in der Hansestadt ein Bier nach einem der zwei letzten noch erhaltenen Bestandteile der Stadtbefestigung benannt ist? Lassen Sie sich überraschen! Falls die Hausbrauerei-Welle auch zu Ihnen geschwappt ist, dann schreiben Sie uns. Die SZ möchte gerne mehr darüber erfahren.
Autor:

Yvonne Clemens (Redakteurin) aus Stadt Olpe

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