Clement nahm geschenkte Straße an

Hotelier Platte investierte 1,2 Mill.DM / Ministerpräsident nahm Kritik mit Humor

Niederhelden. Da hat er nun ein schönes, weit über die Region hinaus bekanntes »Romantikhotel«, doch die Straße, auf denen die Gäste dort hinkommen, entspricht so gar nicht seinen Wünschen. Josef Platte fasste auf Grund dieser Miesere und keiner Aussicht auf Besserung einen kühnen Entschluss: Aus eigenen Mitteln wollte er die Landesstraße880, so der Name der Straße, auf einer Länge von 350 Metern nicht nur renovieren, sondern gleich ein ganzes Stück von seinem »Haus Platte« wegführen. Am Samstag nun wurde sein Wunsch zur Wirklichkeit: Voller Stolz präsentierte er 350 vollkommen erneuerte Meter der L880. Die Verlegung kostete rund 500000 DM. Die gleiche Summe verschlang eine notwendig gewordene dritte Fahrspur zum hoteleigenen Golfplatz und der Reitanlage. Noch einmal 200000 DM mussten auf Anordnung des Landes für ein Wasserauffangbecken ausgegeben werden, in dem ablaufendes Wasser per Ölabscheider vom Verkehrsschmutz gereinigt wird. Dieses kostspielige Geschenk überreichte Josef Platte nun dem Land Nordrhein-Westfalen. Eigens aus diesem Anlass war Ministerpräsident Wolfgang Clement aus Düsseldorf angereist, der die Straße gerne in Empfang nahm.

Josef Platte nahm in seiner Ansprache gegenüber Clement kein Blatt in den Mund und stellte die Forderung nach einer angemessenen Gegenleistung für sein Geschenk. Dabei lag ihm besonders der restliche Zustand der Repetalstraße am Herzen: »Etwa eine Million würde benötigt, um die Repetalstraße zu erneuern. Herr Clement, machen sie dies zur Chefsache. Es wäre einmal eine kluge Entscheidung«, so der Hotelier. Als Gegenleistung bot er dem Landesvater zehn neue Ausbildungsplätze an und »den Erlass der Sünden«, die er durch die Unterlassung von Straßensanierungen in den letzten Jahren begangen habe, durch den anwesenden Vikar Norbert Scheckel. Das Straßenstück bezeichnete er als »Musterstück für weitere Sanierungen« und er schloss mit dem Bibelzitat »Gehe hin und tue des gleichen.«

Clement sagte, er sei »mit Vergnügen gekommen, um sich ein Geschenk abzuholen.« In Bezug auf Plattes Angebot sagte er amüsiert: »Ich hatte nicht damit gerechnet so schnell meine Sünden erlassen zu bekommen. Herr Vikar, ich habe noch einiges, was ich mit mir rumtrage.« Es gebe nicht viele Fälle, in denen privates und öffentliches Interesse so glücklich zusammenfallen. Zwar seien Investitionen unter 5 Mill.DM nicht von der Landesregierung zu entscheiden, doch wolle er seine Möglichkeiten nutzen, die Verantwortlichen vor Ort zur Sanierung der restlichen Straße zu überreden. Laut Sanierungsplan wäre die L880 erst viel später an der Reihe gewesen, Platte habe mit seiner Investition also »echt geholfen«.

Die knappen Mittel des Landes zwängen des öfters zu alternativen Finanzierungsmodellen, doch die Möglichkeit, dass jemand so etwas komplett aus eigener Tasche bezahle sei natürlich neu. Er berichtete auch von einem anderen Fall, als bereits ähnliches im Sauerland in Angriff genommen wurde: Die Veltins-Brauerei ließ eine Straße umlegen, die genau über ihr Betriebsgelände führte. Im Fall Platte werde das öffentliche Interesse jedoch noch viel direkter unterstützt. Clement wendete sich abschließend noch einmal an alle, die vielleicht ähnliches planen: »Ich komme gerne zu jedem – für einen Tag dürfen Sie dann mit mir anstellen, was sie wollen. Voraussetzung ist, dass sie mir eine neue Straße überreichen.«

Landrat Frank Beckehoff lobte die Arbeit Plattes, stellte aber auch heraus, dass der Kreis »nicht ganz unschuldig« an der Maßnahme sei. Bei der Genehmigung des Golfplatzes habe man nämlich damals die Schaffung neuer Parkplätze und eine Linksabbiegespur zur Auflage gemacht. »Ich habe gehört, die Hotelgäste sollen nun schon ausdrücklich ein Zimmer nach vorne verlangen,« scherzte der Landrat im Hinblick auf das gelungene Ergebnis. Vikar Norbert Scheckel segnete daraufhin die Straße, betonte jedoch, dass ein Segen »keine irdische Vorsichtsmaßnahme« ersetzen könne.

Clement eröffnete mit einem Scherenschnitt das neue Straßenstück, das sogleich von etwa einem Dutzend Oldtimern der Landesgruppe Westfalen-Süd des »Allgemeinen Schnauferlclub« (ASC) abgefahren wurde. Die Prominenz fuhr auf einem Pierce-Arrow aus dem Jahre 1913

chris

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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