»Sehen mit großer Sorge in Zukunft«

Landwirte diskutierten mit Europaabgeordneten Dr. Liese / Heimische Produkte kaufen

hobö Helden. Reichlich Zeit hatte der Europaabgeordnete Dr. Peter Liese im Gepäck, als er am Montagabend den Hof Pulte in Helden besuchte. Dorthin hatte ihn der Vorstand des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes geladen und entließ ihn erst nach deutlich mehr als dreistündiger Diskussion. »Wir wollen Ihnen die Sorge und Nöte der heimischen Landwirte erläutern«, erklärte Vorsitzender Josef Geuecke aus Melbecke den Beweggrund für die Einladung zur »bewusst lockeren Gesprächsrunde«. Dr. Peter Liese, der als Mediziner in der CDU-Fraktion im Europaparlament vorwiegend den Themen Medizin und Gentechnik zugewandt ist, sah den Termin überwiegend als Chance an, »um zu lernen«. Gleichwohl reagierte er auf die Kritik der Bauern mit nachdenklichen und kritischen Betrachtungen.

Bauern stark gefährdet

»Wir sehen mit großer Sorge in die Zukunft«, fasste Josef Geuecke die Stimmung in der heimischen Landwirtschaft zusammen. Die »Agenda 2000« habe bereits für tiefe Einschnitte gesorgt, und nun stünden in der EU Reformen zur Diskussion, die die Existenz der im Sauerland beheimateten Bauern stark gefährdeten. Bereits jetzt betriebe die Hälfte aller Landwirte im Kreis Olpe ihre Fläche extensiv. Ihr Haupteinkommen erzielten diese jedenfalls nicht mehr in der Landwirtschaft. Vor allem die in Italien aufgestellte Forderung, die Milchquote um 5Prozent zu erhöhen gefährde die hier typische Milchvieh-Haltung. Bei Umsetzung der italienischen Vorstellung würde noch mehr Milch auf den Markt schwappen. Dies wiederum würde den Preis für Milch noch weiter absenken, und das bei dann zusätzlich notwendigen Investitionen seitens der Bauern.

15000E weniger in nur einem Jahr

Schon im vergangenen Jahr sei der Preis für einen Liter Milch um 4 bis 5 Cent gesunken. Das bedeute, rechnete Geuecke vor, für einen kleinen mittelständischen Betrieb wie den Hof Pulte mit seiner jährlichen Milchquote von 300000kg ein Minus von rund 15000e. Hinzu käme, dass manche Discountketten die Milch unter dem Herstellungspreis anböten, um so Kunden anzulocken. Geuecke: »Es kann doch generell nicht richtig sein, dass man inzwischen monatlich weitaus mehr Geld für das Auto ausgibt als für die Ernährung.«

Dr. Peter Liese erkannte die formulierten Sorgen an, konnte diese aber nicht vom Tisch wischen. Zwar lehne die CDU/CSU-Fraktion im Europaparlament die jetzt in der Diskussion befindlichen Reformvorschläge ab, doch selbst wenn sie die Mehrheit im Parlament davon überzeugen könnte, führe das nicht unbedingt zum Erfolg. Denn die Entscheidung über eine Umsetzung der Reformpläne in der Landwirtschaft treffe der Ministerrat. Das Parlament habe nur die Möglichkeit, eine Stellungnahme abzugeben.

»Garantien kann man nicht einhalten«

Für ihn sei wichtig, weiteren Schaden von der Landwirtschaft abzuwenden. Es müsse versucht werden, dass in der »Agenda 2000« festgeschriebene Reformprogramm bis 2006 durchzusetzen und nicht schon zur Halbzeit wieder Veränderungen zu beschließen. Dr. Peter Liese, der die Interessen der Kreise Olpe, Siegen-Wittgenstein, Märkischer Kreis und Hochsauerlandkreis im Europaparlament vertritt, warnte davor, Garantien abzugeben, »weil man sie nicht einhalten kann«. Noch wisse niemand, wohin die Agrarpolitik in Europa drifte.

»Wollen flächendeckende Landwirtschaft«

Liese bezweifelte gleichwohl, dass die derzeitige Agrarpolitik nicht gerecht sei. Denn eigentlich sei die Bevormundung mit Quoten und Abgabenmengen nicht richtig. Der Politiker hält vielmehr den Grundsatz für richtig, dass jeder Landwirt frei entscheiden könne, was er produzieren wolle. Gleichwohl müsse bei einer solchen Marktorientierung ein Schutz für die kleineren Betrieb bestehen. Insofern müsste ein System geschaffen werden, in dem sich die Landwirtschaft am Markt orientiere und zusätzlich honoriert werde, was die Landwirte für Landschaftsschutz und -pflege leisteten. »Wir alle wollen die flächendeckende Landwirtschaft beibehalten«, sprach sich der Christdemokrat aus Bestwig gegen eine Zentralisierung der Agrarwirtschaft aus.

Vergleich mit Bierkonsum

Den im Sauerland lebenden Menschen müsse deutlich gemacht werden, dass sie eine Tüte Milch nicht unter Herstellungspreis kaufen und sich zeitgleich an der tollen, sehr gepflegten Landschaft erfreuen könnten. Beim Bier würden schließlich überwiegend Produkte aus der heimischen Umgebung getrunken und nicht zu dem womöglich billigeren Produkt aus der Ferne gegriffen, zog der Europapolitiker einen interessanten Vergleich. Egal, wohin die Agrarpolitik hinziele, müssten die Menschen sensibilisiert werden, heimische Produkte zu kaufen. Das wäre eine wirkungsvolle erste Hilfe für die Landwirte.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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