Abgeordnete im Corona-Alltag: Nezahat Baradari
Über Homeoffice, Verschwörungstheorien und die AfD

Als soziale Wesen leiden wir. Auch die Arbeit im Homeoffice ist arbeitsmedizinisch oft eine Katastrophe.
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  • Als soziale Wesen leiden wir. Auch die Arbeit im Homeoffice ist arbeitsmedizinisch oft eine Katastrophe.
  • Foto: Berthold Stamm
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goeb Attendorn/Berlin. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Nezahat Baradari (Wahlkreis Olpe/Märkischer Kreis I) erlebt den Corona-Alltag nicht nur als Politikerin, sondern auch durch die Brille der Ärztin. „Wir rutschen von der Dreidimensionalität in die Zweidimensionalität“, erklärt sie den Unterschied zwischen „echter Begegnung“ und dem Blick auf den Monitor. Hinzu kommt: Man hat nie Feierabend.

Körperliche Gesundheit im Homeoffice

Corona zwingt auch und vor allem die Abgeordneten ins Homeoffice. Neben der Überbeanspruchung der Augen, berichtet die Kinderärztin, sei auch unser Skelett einem Härtetest ausgesetzt. Überbelastet durch die permanente Sitzhaltung sind beispielsweise die Halswirbel. Das Homeoffice sei leider in den wenigsten Fällen nach arbeitsmedizinischen Kriterien eingerichtet. „Wir werden erst in einigen Jahren diese Folgen der Corona-Krise zu sehen bekommen“, prognostiziert sie.

Soziale Kontakte fehlen

Ein weiterer Punkt: „Wir sind Sozialwesen, wir brauchen soziale Kontakte, wir sind darauf angewiesen, uns in die Augen zu sehen, in den Arm zu nehmen. Wir geben uns ja nicht mal mehr die Hand!“
Und da das alles wegfalle, hätten wir auch gar nicht die Möglichkeit, die „Chemie“ eines Menschen, mit dem man vielleicht in einer Videokonferenz kommuniziert, zu überprüfen.
Glaubt sie, dass Homeoffice wieder aus der Mode kommt, wenn die Pandemie überwunden ist? „Mit Sicherheit nicht“, sagt sie überzeugt. „Die Firmen haben längst erkannt, dass im Homeoffice viel effektiver gearbeitet wird.“

Gefahr der Verschwörungstheorien

Die SPD-Bundestagsabgeordnete hat viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun. „Wir Schüler“, erzählten ihr die Heranwachsenden immer wieder, „bekommen eine Aufgabe nach der anderen“. Viele Hilferufe erreichten sie, berichtet sie der SZ. „Und natürlich habe ich auch Sorge, dass einige aus unserer Mitte, Jugendliche und Erwachsene, plötzlich offen sind für Verschwörungstheorien. Die beziehen Meinungen doch nur noch online. Das sehe ich sehr kritisch, gerade auch mit Blick auf unsere Demokratie und die nächsten Wahlen.“

Tagesstruktur planen

Ihr Wahlkreis ist riesig. Weil in Siegen-Wittgenstein die SPD nicht zum Zuge gekommen ist, muss sie den Kreis mit abdecken. „Er reicht also von Schalksmühle bis Burbach“, sagt die Attendornerin. „Ich muss kein Auto fahren. Das schont die Umwelt und die Nerven“, wirft sie ein. Tausende Kilometer reißt sie sonst jedes Jahr herunter – eine Belastung, ohne Frage. „Büro, Wohnzimmer, Küche – immer wieder dieselbe Suppe“, beschreibt sie den heutigen Alltag von Millionen. „Es gibt keinen Szenenwechsel mehr.“
Da brauche man Selbstachtsamkeit, rät sie. „Macht euch einen Plan für die Tagesstruktur. Räumt auch Platz ein für etwas Meditation oder Gebet.“ Und den Humor nicht verlieren, fügt die Abgeordnete hinzu, die in ihrer Heimat auch im Karnevalsverein ist. Das falle ja nun leider auch flach, dank Corona.
Man solle nett mit sich sein und zu den Angehörigen, rät sie. „Nehmt euch innerhalb der Familie mal in den Arm, das ist doch so wichtig.“ Auch Sport solle nicht zu kurz kommen. Etwas Gymnastik macht sie und Karateübungen in der Garage, dazu meditatives Augen-Yoga.

AfD meiden

In Berlin bleibt sie immer bis spät im Büro, hat sie festgestellt und ist darüber nicht glücklich. Unterbrochen wird das durch die Sitzungen im Plenum. Seit die AfD im Bundestag mit löchrigen Masken provozierte, nimmt sie im Plenarsaal andere Wege. „Normalerweise geht man den Gang bei der AfD rein und verlässt den Saal bei den Linken. Jetzt geht alles bei den Linken rein und raus.“ Spätestens seit ein Corona-Leugner der AfD auf der Intensivstation landete, wolle da niemand mehr vorbeigehen.
Die Mutter zweier Töchter denkt viel an einsame ältere Menschen. „Die trifft es mit am härtesten“, ist sie überzeugt. Da ist eine internationale Videokonferenz mit 70 Diplomaten, während der sie die gesamte Zeit aufmerksam und kerzengerade am Rechner sitzen muss, ein Klacks dagegen.

Als soziale Wesen leiden wir. Auch die Arbeit im Homeoffice ist arbeitsmedizinisch oft eine Katastrophe.
Nezahat Baradari vertritt die SPD im Kreis Olpe/Märkischer Kreis I, deckt aber auch den SI-Kreis mit ab.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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