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Telemedizin hält Einzug in die JVA Attendorn / NRW-Justizminister Biesenbach im Selbstversuch
Videovisite hinter Gittern

NRW-Justizminister Peter Biesenbach (sitzend) im Selbstversuch. Während einer Live-Schaltung zur Videoclinic ließ er sich von einem Psychiater des Ärzteteams über den Ablauf einer digitalen Sprechstunde informieren.  Fotos: yve
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  • NRW-Justizminister Peter Biesenbach (sitzend) im Selbstversuch. Während einer Live-Schaltung zur Videoclinic ließ er sich von einem Psychiater des Ärzteteams über den Ablauf einer digitalen Sprechstunde informieren. Fotos: yve
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yve ■ Bitte warten! Das gilt nicht nur beim Besuch des Hausarztes, sondern auch dann, wenn ein Termin bei einem Facharzt ansteht. Im Gesundheitswesen werden der Telemedizin daher große Potenziale zugesprochen, insbesondere in strukturschwachen Regionen, in denen eine Unterversorgung mit Medizinern droht. Jetzt überwindet das Digitale dicke Mauern: Telemedizin soll für eine bessere Versorgung von Inhaftierten in Nordrhein-Westfalen sorgen.

Ein auf 18 Monate angelegtes Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Videoclinic.de ist in vier von sieben Justizvollzugsanstalten angelaufen – so auch in Attendorn. Start der neuen Ära der ärztlichen Betreuung war hier vor etwa vier Wochen – Zeit, Bilanz zu ziehen.

yve  Bitte warten! Das gilt nicht nur beim Besuch des Hausarztes, sondern auch dann, wenn ein Termin bei einem Facharzt ansteht. Im Gesundheitswesen werden der Telemedizin daher große Potenziale zugesprochen, insbesondere in strukturschwachen Regionen, in denen eine Unterversorgung mit Medizinern droht. Jetzt überwindet das Digitale dicke Mauern: Telemedizin soll für eine bessere Versorgung von Inhaftierten in Nordrhein-Westfalen sorgen.

Ein auf 18 Monate angelegtes Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Videoclinic.de ist in vier von sieben Justizvollzugsanstalten angelaufen – so auch in Attendorn. Start der neuen Ära der ärztlichen Betreuung war hier vor etwa vier Wochen – Zeit, Bilanz zu ziehen. Dafür reiste am Mittwoch NRW-Justizminister Peter Biesenbach in die Hansestadt, um vor Ort im Bereich des geschlossenen Vollzuges Auskunft zu geben. Vorab betonte er, dass die Telemedizin einen Mediziner nicht ersetzen könne. „Aber ein Arzt braucht Pausen und hat ganz normale Dienstzeiten.“ Die Versorgung der Häftlinge müsse optimiert werden, „auch, damit sie nach der Entlassung straffrei leben können“.

Schließen sich die Gefängnistore hinter Straftätern, entwickeln sich bei nicht wenigen psychische Störung bis hin zu Suizidgedanken. Häufig sei das laut Biesenbach bei Menschen der Fall, die plötzlich hinter Gitter müssten – zum Beispiel im Fall einer Ersatzfreiheitsstrafe. Die JVA Attendorn sei davon stark betroffen, und das Justizkrankenhaus in Fröndenberg habe kaum Kapazitäten. Daher rücke auch der Bereich Tele-Psychiatrie in der Hansestadt verstärkt in den Fokus. „Manchmal dauert es Wochen, bis jemand untersucht wird.“ Diese Situation sei auch enorm belastend für die Beschäftigen im Vollzug. „Telemedizin ist kein Wundermittel“, aber eine sinnvolle Ergänzung, von der Patienten wie auch Mitarbeiter profitierten. Generell werde es immer schwieriger, Ärzte zu finden, die sich in diesem Bereich engagierten, „da gehört Idealismus zu, da müssen wir intensiv für werben. Ohne die Hilfe der praktischen Ärzte sind wir nicht in der Lage, die Gefangenen zu betreuen.“

Jetzt überbrückt das Pilotprojekt, für das Mittel in Höhe von etwa einer Million Euro zur Verfügung stehen, auf digitalem Weg gefahrlos die Distanz zwischen Arzt und der erkrankten Person. „Das ist eine ganz tolle Sache für uns und eine ganz tolle Unterstützung“, unterstrich Ulf Borrmann beim Ministerbesuch. Zudem spare es Personalressourcen und minimiere das Sicherheitsrisiko. „Am Wochenende sind keine Mediziner vor Ort, und die Kollegen sind auf sich allein gestellt.“

Die ersten Erfahrungen sind gemacht. „Gelingt uns das? Ja, zu einem großen Stück“, hielt Borrmann fest. Vor dem Hintergrund, dass die Kosten-Nutzen-Analyse zunächst offen bleibe, mache die Telemedizin großen Sinn. Und gewinne im Bereich der Psychiatrie sehr stark an Bedeutung, ergänzte Martin Thöne, der als Arzt die medizinische Versorgung in der JVA Attendorn sicherstellt. Die Wasserstandsmeldung sei, dass das Projekt dankbar angenommen werde. „Jetzt sind wir angekommen im 21 Jahrhundert.“ Unterstützt wird Thöne in der JVA Attendorn von den Vertragsärzten Christoph Humberg und Reinhardt Beckmann.

Der Hamburger Dienstleister Videoclinic.de arbeitet mit etwa 60 Ärzten zusammen, abgedeckt neben der Fachrichtung Psychiatrie werden auch Dermatologie, Radiologie und Suchtmedizin. Das Unternehmen, geleitet von Prof. Dr. Martin Scherer, arbeitet bereits mit einer Vollzugsanstalt in Baden-Württemberg zusammen. Dies fördere das Vertrauen der Strafgefangenen zum Projekt, berichtete der Minister.

„Es funktioniert meist reibungslos“, fasste Martin Thöne zusammen Dennoch, eine Barriere stört den Probebetrieb. „Wir wünschen uns bessere Leitungen“, so der Gefängnisarzt. „Ruckler“ mischten sich ab und an in die Arzt-Patienten-Gespräche.

Pannenfrei jedenfalls ging die Live-Schaltung zur Videoclinic im Versorgungstrakt des Gefängnisses über den Bildschirm, der von Biesenbach gefürchtete Vorführeffekt blieb aus. Im Austausch mit dem Minister schilderte ein Psychiater aus dem Ärztepool verschiedene Formen der Sprechstunden. In akuten Fälle seien er und Kollegen jederzeit zu erreichen, um die Schwere der Suizidalität zu ermitteln. Auch bei depressivem Syndrom werde kurzfristig Hilfe gewährleistet. Der Ablauf funktioniere wie in einer ganz normalen Praxis.

CDU-Landtagsabgeordneter Jochen Ritter fragte nach der Offenheit der Patienten für die Telemedizin. Erstaunliche Erfahrungen seien gemacht worden. Laut dem Psychiater kommen 90 Prozent der Patienten wieder zurück. Dolmetscher für insgesamt 105 Sprachen können problemlos hinzugeschaltet werden, und neben der Videokamera kommen bei Bedarf auch Geräte wie ein Tele-Stethoskop zum Einsatz – alles begleitet vom medizinischen Dienst der JVA Attendorn.

Die digitale Anamneseerhebung macht ein ärztliches Handeln in der JVA in Attendorn zwar nicht immer, aber jetzt häufiger überflüssig. Bewährt sich das Pilotprojekt, soll die Telemedizin in allen 36 Anstalten in Deutschland Einzug halten. Gute Noten für die Bewährungsphase gab es am Mittwoch im geschlossenen Vollzug allemal.

NRW-Justizminister Peter Biesenbach (sitzend) im Selbstversuch. Während einer Live-Schaltung zur Videoclinic ließ er sich von einem Psychiater des Ärzteteams über den Ablauf einer digitalen Sprechstunde informieren.  Fotos: yve
Ulf Borrmann, Leiter der Justizvollzugs-anstalt Attendorn: „Die Telemedizin macht großen Sinn.“
Autor:

Yvonne Clemens (Redakteurin) aus Stadt Olpe

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