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Rundreise zu drei Bauernhöfen offenbart enormen Druck
„Wir brauchen Ihre Hilfe“

Der Kreisverband Olpe im Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) hatte für Mittwoch zu einer kleinen Rundreise zu drei Bauernhöfen im Kreisgebiet eingeladen. Mit dabei waren unter anderem (v. l.): Landwirt Matthias Stuff aus Olpe, Jochen Ritter (CDU-MdL), Landwirt Michael Stinn mit Sohn Jonas aus Helden, Dr. Matthias Heider (CDU-MdB), Landwirt Bernd Eichert aus Bebbingen sowie Georg Jung, hauptamtlicher Geschäftsführer des WLV-Kreisverbands Olpe.  Fotos: hobö
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  • Der Kreisverband Olpe im Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) hatte für Mittwoch zu einer kleinen Rundreise zu drei Bauernhöfen im Kreisgebiet eingeladen. Mit dabei waren unter anderem (v. l.): Landwirt Matthias Stuff aus Olpe, Jochen Ritter (CDU-MdL), Landwirt Michael Stinn mit Sohn Jonas aus Helden, Dr. Matthias Heider (CDU-MdB), Landwirt Bernd Eichert aus Bebbingen sowie Georg Jung, hauptamtlicher Geschäftsführer des WLV-Kreisverbands Olpe. Fotos: hobö
  • hochgeladen von Holger Böhler (Redakteur)

hobö Helden. „Ich muss meine Frau knapp halten, sonst klappt das hier nicht.“ Mit dieser Portion des hinlänglich bekannten sauerländisch-trockenen Humors machte Michael Stinn am Mittwoch klar, dass die wirtschaftliche Situation auf seinem und vielen anderen landwirtschaftlichen Betrieben in der Region alles andere als rosig ist.Stinn, der erfolgreich Agrarwissenschaft und Umweltmanagement sowie auf Lehramt an der Berufsschule studiert hat, war mit seiner Familie Gastgeber für eine illustre Runde, die sich gestern drei Bauernhöfe im Kreis Olpe anschaute.

Drei Bauernhöfe, drei unterschiedliche Produktionsrichtungen – und Tierwohl überall im Vordergrund: Das zeigte der Landwirtschaftliche Kreisverband Olpe nämlich während dieser kleinen Rundreise dem hiesigen Bundestagsabgeordneten Dr.

hobö Helden. „Ich muss meine Frau knapp halten, sonst klappt das hier nicht.“ Mit dieser Portion des hinlänglich bekannten sauerländisch-trockenen Humors machte Michael Stinn am Mittwoch klar, dass die wirtschaftliche Situation auf seinem und vielen anderen landwirtschaftlichen Betrieben in der Region alles andere als rosig ist.Stinn, der erfolgreich Agrarwissenschaft und Umweltmanagement sowie auf Lehramt an der Berufsschule studiert hat, war mit seiner Familie Gastgeber für eine illustre Runde, die sich gestern drei Bauernhöfe im Kreis Olpe anschaute.

Drei Bauernhöfe, drei unterschiedliche Produktionsrichtungen – und Tierwohl überall im Vordergrund: Das zeigte der Landwirtschaftliche Kreisverband Olpe nämlich während dieser kleinen Rundreise dem hiesigen Bundestagsabgeordneten Dr. Matthias Heider (CDU) sowie dem Landtagsabgeordneten für den Kreis Olpe, Jochen Ritter (CDU), sowie anderen Landwirten und Medienvertretern.

Dabei wurde eins klar: Vor allem die flächengebundene Tierhaltung im südlichen Westfalen entspricht am meisten dem gesamtgesellschaftlich gewünschten Bild von Landwirtschaft. Doch die Ertragslage sei prekär, erklärte Michael Stinn. Die Ertragspreise seien in den vergangenen Jahren gleichgeblieben, die Kosten aber weiter gestiegen. Hinzu gesellten sich die überbordende Regulierung sowie der Klimawandel, der beispielsweise die Ernte in den vergangenen Jahren habe weniger werden lassen.

„Wir kämpfen mit ungleichen Schwertern“, metaphorisierte der Haupterwerbslandwirt Stinn die Situation von Bauern im Mittelgebirge im Vergleich zu jenen zum Beispiel im Rheinland oder gar im außereuropäischen Ausland. Landwirt Matthias Stuff aus Olpe ergänzte, dass man im Durchschnitt etwa 750 Euro für ein Stück Rindvieh erhalte. Dies entspräche einer Kostenerstattung von 2 Euro an 365 Tagen im Jahr. „Selbst eine Hauskatze ist damit nicht zu halten, schon gar nicht eine Kuh samt Kalb zu ernähren und zu pflegen.“

Georg Jung, hauptamtlicher Geschäftsführer des WLV-Kreisverbands Olpe, schlug in dieselbe Kerbe. Unsicherheiten wie Wetter und Marktpreise seien ja immer dagewesen, aber die inzwischen viel zu kurze Taktung der Förderregelungen und Verordnungen mache langfristige Investitionen nahezu unmöglich. Was sich derzeit in der rasend schnell wechselnden Gesetzgebung abspiele, stelle die Familienbetriebe im Sauerland vor unlösbar scheinende Probleme.

Diesbezüglich kritisierten die anwesenden Landwirte auch die Düngeverordnung, die insbesondere in der bergigen Landschaft das Sauerlandes ein Problem darstelle. Hier seien die Bäche und das Grundwasser nicht mit Nitrat belastet, versicherte Bernd Eichert, stellv. Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbands. „Wir haben nichts versaubeutelt, sind aber mit in der Haftung.“ Die Gesetzgebung müsse einen differenzierten Blick auf die Regionen haben.

„Ich verstehe, Ihnen machen ungleicher Wettbewerb, unzureichende Förderung sowie Bürokratie das Leben schwer“, resümierte Dr. Matthias Heider. „Die enorme Drucksituation in allen drei besichtigten Betrieben muss uns Sorge machen, und das nehme ich mit“, so der CDU-Politiker. Die Landwirtschaft müsse auch in kleinen und mittleren Betrieben wirtschaftlich sein, zumal in der Corona-Krise immer wieder gefordert werde, dass man autark bleiben müsse.

„Plakative Aussagen“, gab Michael Stinn zu bedenken, „helfen uns nicht. Wir schaffen es nicht mehr, dem enormen Kostendruck in dem ungünstigen Gelände standzuhalten. Wenn hier die so oft gelobte Landwirtschaft erhalten werden soll, brauchen wir Ihre Hilfe“, appellierte er eindringlich an die beiden Abgeordneten. „Ansonsten wird das Höfesterben noch massiver.“

Matthias Heider untermauerte sein Verständnis: „Uns Politikern macht Sorge, dass wir jungen Menschen nicht erklären können, dass sie einen Bauernhof übernehmen sollen.“

CDU-MdL Jochen Ritter, der den Hof Stinn als „Idealbild der Landwirtschaft im Sauerland“ bezeichnete, stimmte zu, dass die Geschwindigkeiten neuer Regelungen zu hoch sei. Er versprach, in den verbleibenden zwei Jahren bis zur nächsten Landtagswahl in Düsseldorf alle Probleme „zur Sprache zu bringen“. Die Aufgabe sei es nun, „eine vernünftige Balance zwischen den Regionen hinzukriegen“.

Bernd Eichert machte abschließend klar, dass im Kreis Olpe 80 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe im Nebenerwerb geführt würden. „Dafür braucht man sehr viel Idealismus und Herzblut, doch wenn es sich nicht mehr rechnet und man die jungen Leute nicht für die Landwirtschaft motivieren kann, ist bald Schluss.“ Dann, so waren sich gestern alle einig, werde sich das auch für den Tourismus bedeutsame Bild des Sauerlandes sehr bald ändern. „Wir brauchen Ihre Unterstützung, öffnen Sie das enge Korsett zum Durchatmen und dafür, unser Eigentum frei bewirtschaften zu können“, gab Eichert, selbst CDU-Gemeindeverbandsvorsitzender in Wenden, den beiden Parteifreunden mit auf den Weg.

Melkroboter in Hespecke

Auf dem zweiten Bauernhof, dem Milchkuhbetrieb von Holger Lorenz in Hespecke, ging es um Kuhkomfort und moderne Technik im Stall: Im Boxenlaufstall können sich die Milchkühe frei bewegen, sich an einer Kuhbürste den Rücken kraulen lassen und zudem den Melkroboter betreten, wann sie wollen.
Dort wird jeder Kuh persönlich ihre Menge an Kraftfutter zugeteilt, und der Roboter erkennt, um welche Kuh es sich handelt, und erfasst deren aktuelle Milchqualität und –menge sowie den Gesundheitszustand des Tieres. Doch nach wie vor sind die Auszahlungspreise für Milch niedrig, durch den fehlenden Export-Absatz durch die Corona-Krise ist der Milchpreis noch einmal gesunken.
Um auf die Futterknappheit durch die Trockenjahre flexibler reagieren zu können, ist es nach Ansicht der Grünlandbetriebe durchaus sinnvoll, zu erlauben, an geeigneten Stellen ehemalige Waldflächen ohne Ausgleich in Acker umzuwandeln – so könnten zum Beispiel Kleegras, Mais oder Grünroggen als hochwertiges Grundfutter oder Kartoffeln für die Direktvermarktung angebaut werden. Diesen Vorschlag unterbreiteten die Waldbauern noch vor Wochenfrist, Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser bei einem Besuch in Kirchesohl (die SZ berichtete). Die Ministerin zeigte sich diesem Vorschlag gegenüber sehr aufgeschlossen.
Betrieb Holger Lorenz: Milchkuhbetrieb mit 65 Kühen rot- und schwarzbunt; Melksystem: Melkroboter; 70 Rinder Nachzucht; Fläche: insgesamt 68 Hektar, davon 10 Hektar Ackerland (Mais).

Sauenhaltung in Sange

Der erste von der Delegation gestern besuchte Betrieb war der von Familie Kampmann in Sange. Vor zwei Jahren hat der Betrieb sehr viel Geld in eine modernere und tiergerechtere Sauenhaltung mit deutlich mehr Tierkomfort und Platz investiert.
Mit dieser Investition war Familie Kampmann eine der wenigen Vorreiter deutschlandweit. Umso verärgerter ist man, dass sich die politischen und staatlich geförderten Ziele innerhalb von zwei Jahren wieder verändert haben. Die Sauenhaltung in Deutschland steht jedenfalls vor einem gewaltigen Umbruch. „Gerade viele kleinere Familienbetriebe die eigentlich gesellschaftlich gewollt sind, können diesen Schritt nicht weiter mitgehen“, erklärt der WLV-Kreisverband Olpe. Durch die neue Tierschutznutztierhaltungsverordnung werde ein weiterer Großteil der Sauenhaltung ins Ausland verlagert, wo jeglicher Einfluss auf das Tierwohl und die Qualität der hiesigen Lebensmittel verloren ginge.
Der WLV: „Jetzt gilt es, vereinfachte Rahmenbedingungen im Bau- und Immissionsschutzrecht zu schaffen, damit die verbleibenden Betriebe die Möglichkeit bekommen, die neue Tierschutznutztierhaltungsverordnung umzusetzen.“
Betrieb Felix Kampmann: 75 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche mit Weizen, Gerste, Raps und Mais; 40 Hektar Wald; Zuchtsauen (Ferkelaufzucht ausgelagert); Vater und Sohn als Familienarbeitskräfte, eine Mitarbeiterin.

Mutterkuhhaltung in  Helden

Die Mutterkuhhalter im Kreis Olpe, allen voran Michael Stinn, Matthias Stuff und Tobias Belke, machten Dr. Matthias Heider vor allem eines klar: Die ökologische und landschaftspflegerische Leistung der Mutterkuhhalter im Bergland werde nicht honoriert, die finanzielle Situation auf den Höfen sei eng: Futtermangel durch Trockenheit, schlechte Absatzmöglichkeiten für Absetzer und Rindfleisch sowie gestiegene Kosten für Auflagen aus der Düngeverordnung hätten diese Tierhaltung unrentabel gemacht.
Darum schlagen die Mutterkuhhalter Alarm: Vielen Betrieben drohe in Kürze das wirtschaftliche Aus, wenn nicht eingegriffen würde. Dort müsse eine angemessene Förderung für die Bewirtschaftung und Beweidung extensiven Grünlands eingerichtet werden.
Betrieb Michael Stinn: 73 Hektar land- und forstwirtschaftliche Nutzfläche, 75 Mutterkühe, 160 Rinder der Rassen Charolais und Limousin; überdies Lohnunternehmen für Forstarbeiten, Winterdienst und erneuerbare Energien.

Zahlen zur Landwirtschaft im Kreis Olpe

- Fläche Kreis Olpe: 700 Quadratkilometer (70 000 Hektar)
- Landwirtschaftliche Nutzfläche: 20 Prozent (143 Quadratkilometer (km2), 14 290 Hektar)
- Fläche Wald: 60 Prozent (420 Quadratkilometer, 42 000 Hektar)
- Fazit: 80 Prozent der Fläche des Kreises Olpe sind land- und forstwirtschaftlich genutzt
- Landwirtschaftliche Betriebe insgesamt: 489 (davon 13 kleiner als 5 Hektar); Rinderhalter insgesamt: 348 (davon Milchbetriebe 107); Schweinehalter insgesamt: 25; Schweine insgesamt: ca. 16 175; Ferkelerzeuger: 5; Zuchtsauen: 533 Tiere.
- Von den 489 landwirtschaftlichen Betrieben im Kreis Olpe werden ca. ein Drittel im Haupterwerb bewirtschaftet, zwei Drittel im Nebenerwerb (326).
- Im Kreis Olpe leben 134 791 Menschen – das sind pro km² 189,8 Einwohner. Zum Vergleich: In einer Stadt wie Gelsenkirchen wohnen 1112,1 Personen auf einem km2. Damit ist Olpe gleich nach dem Hochsauerlandkreis (140,8) die am dünnsten besiedelte Region Nordrhein-Westfalens. Im Märkischen Kreis beträgt die Bevölkerungsdichte schon 425,4. Der Durchschnitt in Westfalen-Lippe liegt bei 386,2, in NRW bei 518,9 Einwohner je km².
- Fläche: Die über 700 km2 Fläche des Kreises Olpe werden zu 80 Prozent von Land- und Forstwirten gepflegt: 20 Prozent Landwirtschaftsfläche, 59,4 Prozent Wald. Zum Vergleich: Wasser bedeckt 1,8 Prozent der Fläche, Straßen 5,9 Prozent. Gebäude machen nur 5,6 Prozent der Fläche aus.
- Alle Zahlen zur Landwirtschaft in Nordrhein-Westfalen: www.landwirtschaftskammer.de/wir/zahlen/index.htm.
- Direktvermarktung und Urlaub auf dem Bauernhof ergänzen die Palette der landwirtschaftlichen Betriebszweige im Kreisgebiet.

Autor:

Holger Böhler (Redakteur) aus Wenden

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