Klavier-"Recital" bei der 47. Internationalen Musikfestwoche
Alexey Botvinov bewegte mit „Goldberg-Variationen“

Am Ende eines mitreißenden musikalischen Abends nahm sich der ukrainische Pianist Alexey Botvinov im Berleburger Schloss Zeit fürs Foto-Shooting. Ein sympathischer, zurückhaltend auftretender Künstler, der sein Publikum mit seiner Kunst erobern kann.
  • Am Ende eines mitreißenden musikalischen Abends nahm sich der ukrainische Pianist Alexey Botvinov im Berleburger Schloss Zeit fürs Foto-Shooting. Ein sympathischer, zurückhaltend auftretender Künstler, der sein Publikum mit seiner Kunst erobern kann.
  • Foto: Claudia Irle-Utsch
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

ciu Bad Berleburg. Ein solch kunstvoll gefertigtes, logisch konstruiertes, pianistisch herausforderndes Werk wie die „Aria mit 30 Veränderungen“ mit „Clavier-Übung“ zu überschreiben – das zeugt von Bescheidenheit, möglicherweise aber auch von feinem Humor. Denn deren Schöpfer, Johann Sebastian Bach (1685–1750), wird gewusst haben, wie viel Vermögen es für dieses für Cembalo geschriebene Stück braucht. Und er wusste auch um die Wirkung desselben: „Gemüths-Ergetzung“.Diese konnten die Gäste des zweiten Konzerts der diesjährigen Musikfestwoche auf Schloss Berleburg in vollen Zügen genießen, bot doch der aus Odessa stammende Alexey Botvinov diesen Bach meisterlich und schön. Und: Er stellte sich als ein Musiker vor, der gleichfalls die Kunst des Understatements beherrscht. Sein allürenfreies, höflich-freundliches Auftreten nahm das Publikum am Mittwochabend ebenso für sich ein wie sein raumgreifendes Spiel, das mal zupackend und kräftig war, dann wieder federleicht, wie hingetupft, mit sicherem Gespür für ein gutes Timing, tatsächlich meisterlich.

Seit 25 Jahren Paradestück

Die „Goldberg-Variationen“, das ist in seiner Biographie nachzulesen, sind Alexey Botvinovs Paradestück. Seit fast 25 Jahren ist er mit diesem Opus unterwegs – auch und unter anderem mit dem Zürcher Ballett in aller Welt. Mag das nach Routine klingen, erbrachte er bei seinem Recital in Bad Berleburg doch den Beweis, wie sehr er sich immer aufs Neue auf diese 30 Variationen, eröffnet und beschlossen von einer Aria, die so klar und quellenfrisch klingt, so tröstlich anmutet, einzulassen vermag.

Unterschiedliche Gefühlslagen

Lebhaft und jubilierend, irrwitzig schnell, wie entfesselt, energisch und rasant, versonnen und verspielt, mitunter auch regelrecht aufwühlend – so führen diese laut Bach „verschiedenen Veränderungen“ den Zuhörer/die Zuhörerin durchaus durch ganz unterschiedliche Gefühlslagen. So dass es nicht Wunder nimmt, dass der eine, Graf Hermann Carl von Keyserlingk, sich (so der anekdotische Bericht) vom Bach-Schüler Johann Gottlieb Goldberg (!) in schlaflosen Nächten besänftigen ließ, der andere, ein Mann namens Hannibal Lecter („Das Schweigen der Lämmer“) eben nicht …

Austausch zwischen Knauer, Hope und Botvinov

Besonders bemerkenswert in der Interpretation Alexey Botvinovs waren die Übergänge von Variation zu Variation, denn wohl hob er jede für sich wie einen kostbaren Schatz, um doch jeweils zum Ende hin einen doppelpunktartigen Akzent zu setzen. Was diese Preziosen in der Aria-Klammer zu einem grandios glänzenden Ganzen machten. Dankbar, herzlich und lang anhaltend war der Applaus für den Interpreten, der nicht zufällig einer der Musikfestwochen-Künstler ist: Als Gastgeber des 2015 von ihm gegründeten Festivals „Odessa Classics“ durfte er seinerseits den Berleburger Festivalleiter Sebastian Knauer begrüßen und auch Daniel Hope, den das Publikum 2017 in Wittgenstein auch schon hat erleben dürfen.

Beginn mit Chopin und Glass' "The Hours"

Begonnen hatte Botvinov sein Konzert im Schloss mit zwei Nocturnes (b-Moll, op. 9/1 und c-Moll, op. 48/1) von Frédéric Chopin (1810–1849), bei denen sich sein an Intensität reiches Spiel bereits zeigte, sein Vermögen, mit pianistischer Virtuosität tatsächlich auch zu bewegen. Und so passte es gut ins Programm, exemplarisch auch seine Leidenschaft für die Musik des US-Amerikaners Philip Glass (geb. 1937) hören zu lassen: mit der (hier für Klavier) gesetzten Musik aus dem Oscar-prämierten Film „The Hours“, ein Stück, das vor allem von seinen stets leicht veränderten Wiederholungen lebt, ungemein Fahrt aufnimmt, um dann still zu verklingen – von Ewigkeit zu Ewigkeit … Ein Fingerzeig schon auf den Bach nach der dramaturgisch notwendigen frühen Pause.

Zweimal Rachmaninoff als Zugabe

Wie wohltuend, dass der Künstler am Ende seines „Recitals“ dem Publikum im nahezu voll besetzten Foyer des Schlosses noch zwei Zugaben schenkte, zwei Mal Rachmaninoff: „Elegie“ (auch ein „Gruß“ an den Konzertauftakt mit Chopin!) und „Frühlingsfluten“ (in Botvinovs Bearbeitung für Klavier solo). Mit beiden zauberte er ein Lächeln in die Gesichter.

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