Szenische Lesung mit Tukur und Knauer
„Dem Wal den Tod!“

Pianist Sebastian Knauer (l.) und Schauspieler Ulrich Tukur sind ein wunderbar eingespieltes Team, ohne routiniert zu erscheinen. Sie verflechten in ihrem "Moby-Dick"-Programm Musik und Text zu einem großen Ganzen - ein wunderbarer Auftakt zur Musikfestwoche.
  • Pianist Sebastian Knauer (l.) und Schauspieler Ulrich Tukur sind ein wunderbar eingespieltes Team, ohne routiniert zu erscheinen. Sie verflechten in ihrem "Moby-Dick"-Programm Musik und Text zu einem großen Ganzen - ein wunderbarer Auftakt zur Musikfestwoche.
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zel Bad Berleburg. Um viertel nach neun ist die „Pequod“ untergegangen, ist ihr Requiem gespielt. Im inneren Kino läuft der Abspann, und dem Impuls, jetzt zu applaudieren, geben Zuschauer erst nach einem kurzen Zögern nach. Sie müssen erst wieder auftauchen im Hier und Jetzt, im Foyer des Schlosses Berleburg – ganz und gar stecken sie noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts und in Herman Melvilles Seefahrergeschichte „Moby Dick“, die sie von Schauspieler Ulrich Tukur und Pianist Sebastian Knauer nicht nur gehört, sondern dank beider Kunst nachgerade miterlebt haben.
Mit der szenischen Lesung ist die 47. Internationale Musikfestwoche am Montagabend eröffnet worden. Andreas Wolf, Vorsitzender der Kulturgemeinde Bad Berleburg, begrüßte die rund 270 Besucher im ausverkauften Foyer des Schlosses und dankte IKH Prinzessin Benedikte mit Blumen für ihr Interesse und die Begleitung der Arbeit der Kulturgemeinde („Dieser Raum atmet Musik seit dem 18. Jahrhundert“) und natürlich auch allen Sponsoren und Partnern, die die 47. Ausgabe der Musikfestwoche ermöglichen. Wolf schlüsselte auf: 47 Jahre, das bedeutet rund 235 Konzerte, das bedeutet rund 1000 Künstler, die in all den Jahren auf Schloss Berleburg zu Gast waren – das ist eine ganze Menge und darf die Veranstalter ruhig ein bisschen stolz machen.

Ismael lebt - er kann erzählen

„Moby Dick“ also – der (Jahrhundert-)Roman aus dem Jahr 1851 des amerikanischen Schriftstellers Herman Melville (1819–1891). Der vielfach verfilmte Stoff behandelt den titelgebenden weißen Pottwal und vor allem seinen Jäger, Kapitän Ahab, der Rache nehmen will an dem Tier, das ihm einst ein Bein abgerissen hatte. Von seinem unsinnigen, despotischen Rachefeldzug, bei dem seine gesamte Besatzung, bis auf einen, ums Leben kommt, erzählt der Matrose Ismael – eben der, der die Katastrophe überlebte. 
Bevor es auf See ganz schlimm dramatisch wird, führt Ismael sein Publikum zunächst in die Gastwirtschaft „Zum blasenden Wal“ in New Bedford an der amerikanischen Ostküste. Tukurs englisch dröhnender Wirt muss eine Fahne haben! Ismael teilt hier mit dem Harpunier Queequeg das brettharte Bett, einem tätowierten, „nett aussehenden Kannibalen“ aus der Südsee. Die beiden neuen Freunde heuern auf der Insel Nantucket auf dem Walfänger „Pequod“ an und fahren unter dem zunächst unsichtbaren Kapitän Ahab und dessen erstem Steuermann Starbuck, einem aufrichtigen Walfänger, an Weihnachten aufs Meer hinaus gen Süden. Sebastian Knauers inzwischen verstorbener Vater Wolfgang Knauer hat den großen Text sinnvoll gekürzt und kompiliert, die lange Zeit auf See und diverse Wal-Sichtungen gestrafft. Alles läuft auf die Katastrophe zu, den Kampf zwischen Mensch und Natur, den der fanatische verletzte Mensch nur verlieren kann.

Knauer spielt Gershwin, Joplin, Mussorgsky

Die beiden Künstler, die 2019 den Auftakt machten, sind ein wunderbar eingespieltes Team, ohne routiniert zu erscheinen. Sie hören sich zu, nehmen die jeweilige Stimmung oder Naturbeschreibung auf und verflechten Text und klug ausgewählte Musik aus dem 19. Jahrhundert zu einem pausenlosen Ganzen, das auch die Gäste auf den reinen Hörplätzen auf der Treppe zum Schloss-Foyer goutieren können. „Ismael geht auf Walfang …“, liest etwa Tukur – der Matrose und Ich-Erzähler des Romans ist wohlgemut, fröhlich und zuversichtlich, wie man an Scott Joplins Ragtime „Strenous Life“ gut hören kann. Die unerwartete Freundschaft zwischen Ismael und Queequeg beschreibt Sebastian Knauer, seit 2017 musikalischer Leiter der Musikfestwoche, am Flügel mit George Gershwins „The Man I Love“, und wie passend Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ auch düstere Bilder eines körperlich und seelisch verletzten Kapitäns Ahab („Gnomus“) und eines dramatischen Untergangs malen können – ein in Gänze stimmiger Soundtrack!

Ahabs Gebrüll vor "Moby Dick" tut fast weh

Tukur lässt einige wenige (aktualisierende) Kommentare fallen und verweist auf amerikanische Präsidenten und Afghanistan, verlässt sich aber ansonsten auf den bildgewaltigen Text Melvilles. Sein Ahab ist ganz Raserei, blinde Wut, Hass – Ahabs Gebrüll („Dem Wal den Tod!“) im Angesicht von „Moby Dick“ tut fast weh, und der einbeinige Kapitän in seiner Schaluppe tut einem fast leid. Als nun alles in einem furchtbaren Strudel untergeht, klingt Knauers „Il vecchio Castello“ aus Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ wie ein „Es ist vollbracht“. Ende des Dramas. Begeisterter Applaus belohnt das Duo Knauer und Tukur (dem Wittgenstein übrigens durch Besuche in Birkelbach bekannt ist, wo seine erste Frau, eine Amerikanerin, in Hauswirtschaft unterrichtet wurde); sie verbeugen sich in alle vier Himmelsrichtungen, verschenken ihre roten Dankeschön-Rosen an zwei Damen im Publikum – dem sie in knapp 90 Minuten zuvor so viel mehr geschenkt hatten: ihre ganz große Kunst.

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