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"Eingeschlossen"
Kreutter-Collage aktueller denn je

Paul Breuer ist stolz auf die Kreutter-Collage an seiner Hauswand. Er erwarb das Werk vor gut sechs Jahren bei einer Auktion.
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  • Paul Breuer ist stolz auf die Kreutter-Collage an seiner Hauswand. Er erwarb das Werk vor gut sechs Jahren bei einer Auktion.
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ph Geisweid/Bad Berleburg.  Aus dem wachsblassen Gesicht starrt ein gläsernes Augenpaar durch einen Schlitz im Holzgebälk. Es verrät Angst, Verzweiflung, Ohnmacht. Neben den Augen sind lediglich Brauen und ein Stück Nase hinter der Verbarrikadierung zu erkennen. Doch man erkennt auf den ersten Blick: Dieser Mensch ist gefangen, er kann nicht (aus sich) heraus.
Es ist kein fröhliches Bild, das sich dem Betrachter da bietet. Es will auch nicht in den eher unbeschwerten Reigen von Skulpturen passen, wie etwa der Hütejunge mit seinen Tieren auf dem Bad Berleburger Marktplatz oder der Hirtenbrunnen in der Alten Poststraße in Siegens Oberstadt. Nein, Wolfgang Kreutters Holzcollage „Eingeschlossen“ (engl. „Locked in“) lässt den Betrachter nicht unberührt.

ph Geisweid/Bad Berleburg.  Aus dem wachsblassen Gesicht starrt ein gläsernes Augenpaar durch einen Schlitz im Holzgebälk. Es verrät Angst, Verzweiflung, Ohnmacht. Neben den Augen sind lediglich Brauen und ein Stück Nase hinter der Verbarrikadierung zu erkennen. Doch man erkennt auf den ersten Blick: Dieser Mensch ist gefangen, er kann nicht (aus sich) heraus.
Es ist kein fröhliches Bild, das sich dem Betrachter da bietet. Es will auch nicht in den eher unbeschwerten Reigen von Skulpturen passen, wie etwa der Hütejunge mit seinen Tieren auf dem Bad Berleburger Marktplatz oder der Hirtenbrunnen in der Alten Poststraße in Siegens Oberstadt. Nein, Wolfgang Kreutters Holzcollage „Eingeschlossen“ (engl. „Locked in“) lässt den Betrachter nicht unberührt. „Die Situation“, hat dessen älteste Tochter Angelika festgestellt, „löst bei Menschen unterschiedliche Gefühle aus. Manche fühlen sich unwohl, manche traurig, manche emphatisch. Wieder andere sehen die Situation vollkommen anders: sehen jemand, der aus einem Versteck heraus Andere beobachtet.“
Damit dürfte das Mitte der 1980er-Jahre entstandene Bildnis seinen Sinn erfüllt haben. Dieser ist, wie Angelika Kreutter ausführt, „die unterschiedliche Erfahrung, die jeder Mensch mit dieser Situation macht, die jeweils seine eigene Wirklichkeit ist.“
Wolfgang Kreutter (* 22. Juli 1924 in Siegen, † 13. November 1989 in Stadtlohn) unterrichtete Kunst im Johannes-Althusius-Gymnasium in Bad Berleburg. Einer seiner Schüler war Paul Breuer, der später selbst den Lehrerberuf ergriff, größere Bekanntheit allerdings CDU-Bundestagsabgeordneter bzw. verteidigungspolitischer Sprecher sowie als Landrat erlangte. „Ich war praktisch ein schwieriger Fall, der aber theoretisch viel gelernt hat“, fasst der 70-Jährige seine Erinnerungen zusammen. Was den Bildhauer und Politiker neben der Heimatverbundenheit und weiteren gemeinsamen Interessen verbindet, ist besagtes Relief. Letzterer erwarb es vor gut sechs Jahren, kurz nachdem er in der Stichwahl sein Landratsamt an Andreas Müller abtreten musste. Vor dem Auszug vom heimischen Hof samt Atelier am Dödesberg initiierte Angelika Kreutter eine letzte Ausstellung in Verbindung mit einer Auktion, deren Schirmherrschaft der aus Berghausen stammende und in Geisweid lebende Breuer übernommen hatte. Die symbolträchtige Collage beeindruckte ihn zutiefst – und er bekam den Zuschlag.

"Das bringt immer Kommunikation."

Den Standort für das etwa einen Meter breite Kunstwerk hatte er rasch gefunden: die zur Geisweider Spechtstraße gelegene Wand neben dem Hauseingang. Von Anfang an habe er sich dabei gedacht, dass das halb verborgene Antlitz dort zu Diskussionen einlade: „Das bringt immer Kommunikation.“ Erstaunlicher Effekt: Je nach Sonnenstand und Lichteinfall wirkt das Bild anders – „aber immer herausfordernd“, wie sein Besitzer betont.
In diesen von Corona geprägten Zeiten gewinnt die außergewöhnliche Kreation eine unerwartet aktuelle Bedeutung. Abstand ist die neue Nähe. Viele fühlen sich in ihrem Bewegungsdrang eingeschränkt. Das Miteinander verläuft nach ungewohnten Regeln. Nicht wenige fühlen sich dadurch eingeengt, gar eingesperrt. Als Verlierer der Pandemie empfindet Paul Breuer nicht zuletzt jene, die nicht mehr raus und sich mitteilen können: alte, behinderte und pflegebedürftige Menschen. Manchmal, sinniert er, überkomme ihn der Eindruck, dass diese nur noch als Pflege- oder Betreuungsobjekte angesehen und ihrer besonderen Würde beraubt würden. Augenpaare, nach außen und in sich gefangen.
Der Ex-Landrat glaubt, dass sich Wolfgang Kreutter zum Zeitpunkt der Erschaffung der Holzcollage selbst in einer ähnlichen Situation befunden haben könnte. Gefangen und eingesperrt, weil er kämpferische Diskussionen nicht mehr so führen konnte, wie er es zeitlebens gewohnt war. Und kämpferisch war der geistvolle Bildhauer, der als Siegerländer nach Wittgenstein einheiratete und seine Kunst nicht selten verteidigen musste und sich durchzusetzen wusste. Dabei, so Breuer, orientierte sich der einstige Wittgensteiner Heimatgebietsleiter an Martin Luther und schaute dem Volk aufs Maul: „Er war auf seine eigene Art ein streitbarer Künstler, der den Dialog und Disput nicht scheute.“
 „Kunst“, ist in dem 1998 im Auftrag der Evangelischen Kirche von Westfalen herausgegebenen Bildband „Wolfgang Kreutter – Ein Bildhauer in Westfalen“ nachzulesen, „musste für Kreutter im genauen Sinne des Wortes begreifbar sein. Deswegen auch seine Vorliebe für Holz und Bronze.“ Paul Breuer beschreibt ihn als „unheimlich interessanten Mann“, verständnisvollen Lehrer, starken Impulsgeber in der heimatkundlichen Arbeit sowie ausgesprochen vielseitigen, praktisch orientierten und modernen Künstler. Kurzum: Kreutter war kein „Krauter“ – ganz im Gegenteil! Peter Helmes

Autor:

Peter Helmes (Redakteur) aus Siegen

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