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Amtsgericht Bad Berleburg
120 Sozialstunden für Angeklagten

Vor dem Jugendschöffengericht Bad Berleburg trat am Freitag eine 17-jährige Zeugin auf, die einen Räuber in die Flucht geschlagen hatte.
  • Vor dem Jugendschöffengericht Bad Berleburg trat am Freitag eine 17-jährige Zeugin auf, die einen Räuber in die Flucht geschlagen hatte.
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  • hochgeladen von Holger Weber (Redakteur)

howe Bad Berleburg. Das war schon starker Tobak: Ein heute 21-jähriger Mann stieg im Januar 2019 in Erndtebrück aus dem Zug und verfolgte eine junge Frau. Er näherte sich ihr, packte von hinten seine Hand auf ihren Mund und riss sie zu Boden. Sofort griff er nach der Tasche der Frau, entriss sie ihr. Doch die 17-Jährige packte all ihren Mut zusammen und wehrte sich. Erst schlug sie dem Mann ins Gesicht, kratzte ihm mit den Fingernägeln ordentliche Spuren auf die Wange, dann trat sie nach ihm - so heftig, dass der 21-Jährige die Beine in die Hand nahm und davonrannte.

Die herbeigerufene Polizei machte den Übeltäter ausfindig, nahm ihn mit zur Wache. Am Freitag musste er sich wegen versuchten Raubes vor dem Bad Berleburger Jugendschöffengericht verantworten.

howe Bad Berleburg. Das war schon starker Tobak: Ein heute 21-jähriger Mann stieg im Januar 2019 in Erndtebrück aus dem Zug und verfolgte eine junge Frau. Er näherte sich ihr, packte von hinten seine Hand auf ihren Mund und riss sie zu Boden. Sofort griff er nach der Tasche der Frau, entriss sie ihr. Doch die 17-Jährige packte all ihren Mut zusammen und wehrte sich. Erst schlug sie dem Mann ins Gesicht, kratzte ihm mit den Fingernägeln ordentliche Spuren auf die Wange, dann trat sie nach ihm - so heftig, dass der 21-Jährige die Beine in die Hand nahm und davonrannte.

Die herbeigerufene Polizei machte den Übeltäter ausfindig, nahm ihn mit zur Wache. Am Freitag musste er sich wegen versuchten Raubes vor dem Bad Berleburger Jugendschöffengericht verantworten. „Ich möchte ganz ehrlich sein“, begann der Angeklagte. 2016 sei er nach Deutschland gekommen, habe zunächst in Dortmund im Flüchtlingsheim gelebt. Dort habe er Rassismus erlebt. „Ich fühlte mich nicht gut. Ich war krank.“ In einer anderen Unterkunft sei es nicht besser gewesen. „Auch hier war nicht nicht zufrieden. Es gab immer wieder Streitigkeiten mit den Bewohnern“, schilderte der Beschuldigte. „Ich war psychisch krank.“ Schließlich sei er nach Wittgenstein gekommen, wo ihn ein Bewohner geschlagen habe. Auch der letzte Termin mit dem Betreuer in Siegen sei „nicht gut gelaufen“. Voller Frust und mit den vielen negativen Eindrücken belastet sei er dann aus dem Zug gestiegen und habe die Frau überfallen. „Ich war sauer. Ich habe das Mädchen gesehen und habe ihre Sachen weggenommen“, so der 21-Jährige. Er sei anschließend wieder zurückgelaufen an den Tatort, habe die junge Frau aber nicht mehr angetroffen. „Ich wollte mich bei ihr entschuldigen.“ Die Polizei habe ihn später befragt. Und was überhaupt nicht gehe: „Ein Polizist hat mir in den Schritt gepackt.“ Eine Nacht habe er in der engen Wache verbringen müssen. „Ich fühle mich hier nicht gut, ich kann das nicht mehr.“ Richter Torsten Hoffmann verfolgte die Schilderungen des Angeklagten zunächst in aller Ruhe, um dann aber mal einzuhaken: „Es geht sicher auch um Ihren Lebensweg und dass Sie es nicht ganz einfach haben. Aber hier haben Sie die Frau beraubt.“ Ja, entgegnete der Angeklagte, aber die habe ihn mit dem Fingernagel ins Gesicht gekratz. Torsten Hoffmann: „Das ist auch ein gutes Recht der Frau, sich zu wehren.“ – „Ich bin ein freier Mensch, ich kann leben, wie ich will. Und nicht dort, wo es die Bezirksregierung entscheidet“, erläuterte der Angeklagte. Und Torsten Hoffmann erwiderte: „Da gibt es in Deutschland so einen Spruch: Das Leben ist kein Wunschkonzert.“ Die heute 17 Jahre alte Schülerin beschrieb kurz, wie sie Musik hörend aus dem Zug gestiegen sei und der Angeklagte sie von hinten überfallen habe. „Ich dachte, das passiert nur in großen Städten und nicht hier im kleinen Dorf.“ Sie habe Monate danach noch mit der Sache zu tun gehabt. Verteidiger Norbert Wickel nahm den 21-Jährigen zur Seite und bat um eine kleine Unterbrechung der Sitzung – wohl, um seinem Schützling mal ordentlich ins Gewissen zu reden und ihm klarzumachen, dass weniger Selbstmitleid, sondern eher kleine Brötchen backen angesagt ist.

Prompt entschuldigte sich der 21-Jährige unmissverständlich bei der jungen Frau: „Ich möchte mich bei dir entschuldigen.“ Es sei kein Grund, ihr die Sachen wegzunehmen, wenn man vorher von jemandem beleidigt worden sei. Patrick Wüst von der Jugendgerichtshilfe skizzierte nochmal den Werdegang des 21-Jährigen und kam zu dem Schluss, Jugendstrafrecht zur Anwendung kommen zu lassen. Patrick Wüst sprach sich für eine Arbeitsauflage und eine Betreuungsweisung aus. Dem kamen die Staatsanwältin Vera Vukovic und das Gericht auch nach. Das Schöffengericht unter Leitung von Torsten Hoffmann verwarnte den 21-Jährigen und trug ihm auf, 120 Sozialstunden abzuleisten. Außerdem soll sich eine Betreuung ein Jahr lang um den Angeklagten kümmern.

Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

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