SZ

Verhandlung nach Unfall in Hesselbach
1800 Kilometer bis zum Bad Berleburger Amtsgericht

Vor dem Amtsgericht Bad Berleburg stellte sich am Dienstag ein Russe seiner Verhandlung, er war extra aus Lettland nach Wittgenstein angereist. Foto: Archiv
  • Vor dem Amtsgericht Bad Berleburg stellte sich am Dienstag ein Russe seiner Verhandlung, er war extra aus Lettland nach Wittgenstein angereist. Foto: Archiv
  • hochgeladen von Björn Weyand (Redakteur)

howe Bad Berleburg. Das rechnete das Gericht dem 65-jährigen Lkw-Fahrer aus Lettland aber ganz hoch an, dass dieser den Mumm im Allerwertesten hatte, sich der Verantwortung in Bad Berleburg zu stellen und mit dem Auto von Liepaja im Westen Lettlands bis nach Wittgenstein zu kommen – nur, um wegen eines vergleichsweise geringen Delikts vor Gericht zu erscheinen. Mehr noch: Er reiste am Montag schon an, suchte das Amtsgericht auf und bat vor Ort für den kommenden Tag der Verhandlung um einen Dolmetscher. „1800 Kilometer bin ich gefahren“, ließ der gebürtige Russe über seine Dolmetscherin erklären. Eines vorneweg: Der Mann hatte jetzt niemanden umgebracht, verletzt oder sonst etwas Schwerwiegendes verbrochen.

howe Bad Berleburg. Das rechnete das Gericht dem 65-jährigen Lkw-Fahrer aus Lettland aber ganz hoch an, dass dieser den Mumm im Allerwertesten hatte, sich der Verantwortung in Bad Berleburg zu stellen und mit dem Auto von Liepaja im Westen Lettlands bis nach Wittgenstein zu kommen – nur, um wegen eines vergleichsweise geringen Delikts vor Gericht zu erscheinen. Mehr noch: Er reiste am Montag schon an, suchte das Amtsgericht auf und bat vor Ort für den kommenden Tag der Verhandlung um einen Dolmetscher. „1800 Kilometer bin ich gefahren“, ließ der gebürtige Russe über seine Dolmetscherin erklären. Eines vorneweg: Der Mann hatte jetzt niemanden umgebracht, verletzt oder sonst etwas Schwerwiegendes verbrochen.

Er war lediglich, wie viele Berufskraftfahrer schon vor ihm, mit dem Navigationsgerät in der Hesselbacher Ortsmitte beim Denkmal nach oben weiter Richtung „Armen Mann“ geleitet worden. Bei der Kapelle blieb er mit dem 40-Tonner stecken. Nach vorne ging gar nichts mehr, nach hinten wurde es an dem engen und steilen Stück knifflig. Also setzte der routinierte Lkw-Fahrer, der seit 43 Jahren tätig ist, das riesige Gefährt langsam zurück. Die Laterne, die links am Boden lag, die habe schon so dort gelegen, als er hinaufgefahren sei, berichtete der Fahrer. „Es war nicht geplant, dass ich in den Ort fahre.“ Es habe an der falschen Navigation gelegen. Oben habe er dann gesehen, dass ein Mast umgeknickt worden sei. Hin und her sei er rangiert, 15 Minuten lang.

Da sei eine Person auf ihn zugekommen und habe ihm gesagt, dass sie gleich die Polizei rufen werde. „Eine andere Person hat Fotos gemacht“, wunderte sich der 65-Jährige. Der konnte aus dem fernen Lettland natürlich auch nicht wissen, wie sehr es die Hesselbacher seit Jahren nervt, wenn sich unzählige 40-Tonner mit auswärtigen Kennzeichen entweder beim Ehrenmal links hoch oder vom Armen Mann kommend den Berg hinunter quetschen. Mehrfach sind bereits Steine oder junge Bäume, Hecken oder Blumen zerstört worden. Auch die SZ berichtete bereits über fehlgeleitete Lkw in Hesselbach. Dementsprechend groß ist im Dorf das öffentliche Interesse. Also standen auch an jenem Nachmittag im März die Bewohner hinter den Fenstern und beobachteten – schon ahnend, was da kommen könnte – das Treiben. „Ich bin losgefahren und habe mich gefragt, warum hat der eine Mann Fotos gemacht“, schilderte der Angeklagte. Dann sei tatsächlich die Polizei eingetroffen, habe den Laster begutachtet und keine Schäden festgestellt.

Er, so der Beschuldigte, habe aber Grasspuren an dem Laternenmast entdeckt. „Für mich war das ein Indiz dafür, dass vielleicht ein Fahrzeug vom Feld dagegen gefahren ist.“ Wäre er mit seinem Lkw gegen den Mast gefahren, hätte es sicher keine Grasspuren gegeben. Richter Torsten Hoffmann und Oberamtsanwalt Markus Urner nahmen die Lichtbilder in den Akten mal genauer unter die Lupe. Und siehe da: Die Spuren am Lkw deckten sich auch in der Höhe exakt mit jenen am Lichtmast – wobei es sich hier weniger um Grasspuren denn um Gummiabrieb gehandelt haben dürfte. „Wenn ich das gesehen hätte, wäre ich niemals weggefahren“, versicherte der Angeklagte. „Ich war mir hundertprozentig sicher.“ Schließlich sei er 1800 Kilometer hier hergefahren. „Ich war mir ja sicher, dass ich es nicht war.“ Torsten Hoffmann hielt dem 65-Jährigen die Aussage eines Augenzeugen entgegen. Der hatte nämlich aus dem Fenster beobachtet, wie die Laterne hin- und herwankte. „Wenn die hin- und herwankt und später auf dem Boden liegt, wer hat sie dann umgefahren?“, fragte der Richter den Angeklagten. Der antwortete: „Ich war mir sicher, dass ich es nicht verursacht habe.“ Wenn er aber jetzt logisch denke, dann sei es wohl so gewesen, so der 65-Jährige.

Wie der Mann nun zu betrafen sei, darüber machten sich Markus Urner und Torsten Hoffmann Gedanken. „Sie wollten nicht wahrhaben, dass Sie gegen den Mast gefahren sind, weil Sie Angst um Ihren Führerschein haben“, stellte der Richter fest. Markus Urner wiederholte sich: „Ich rechne ihm das hoch an. Er fährt 1800 Kilometer, um hier hin zu kommen.“ Wieviel Bargeld er denn bei sich habe, fragte Torsten Hoffmann. „500 Euro“, lautete die Antwort. „Dann machen wir eine Geldbuße – aber so, dass er nicht in Frankfurt/Oder liegen bleibt, sondern noch bis nach Hause kommt“, fand Markus Urner. 200 Euro – so lautete schließlich der Antrag.

Das Geld zahlte der Angeklagte sofort, danach wurde das Verfahren gleich eingestellt. Übrigens beläuft sich der Schaden an der Laterne auf exakt 1579 Euro und 63 Cent. Reguliert werden soll das von der Versicherung, die sich an den Halter des Fahrzeugs wendet, das der Angeklagte damals fuhr.

Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

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