»Am letzten Tag fängt Indien an«

Mit Kultautor Helge Timmerberg und »Shiva Moon« endete Berleburger Literaturpflaster

JG Bad Berleburg. »Die Vorgeschichte ist witzig, aber die hat mir mein Verleger rausgestrichen«, kokettierte Helge Timmerberg am Mittwochabend auf dem Berleburger Literaturpflaster beim Publikum im Sanitätshaus Kienzle, wo die zahlreichen Besucher auch in diesem Jahr wieder auf Gesundheitsmobilar, auf Hüpfbällen oder in Rollstühlen saßen. Die fast pausenlose, anderthalbstündige Lesung aus Timmerbergs neuem Buch »Shiva Moon« machte dann aber klar, dass trotzdem noch genug Lustiges übrig geblieben war, um die Gäste zu unterhalten.

In dem Buch geht es um einen Indien-Aufenthalt des Kultautors und Journalisten vor etwa einem Jahr. Der 1952 in der Nähe vom Edersee geborene Globetrotter trampte zum ersten Mal mit 17 von Deutschland nach Indien. Seitdem besuchte er x-mal den Subkontinent. Bei seinem jüngsten Aufenthalt klapperte er den kompletten Ganges von seiner offiziellen indischen Quelle bis nach Kalkutta ab. Auch wenn Helge Timmerberg davon Abstand genommen hatte, die zweieinhalbtausend Kilometer zu Fuß zu gehen, war das zwar ein anstrengender Weg, aber letztendlich nicht so etwas Außergewöhnliches. Erst der Tonfall, in dem der poetische Erzähler von dieser Pilgerreise berichtete, der macht das Ganze zu etwas Besonderem. Und das Schönste dabei: Seinen geschriebenen Tonfall konnte Helge Timmerberg auch gesprochen im Maßstab eins-zu-eins auf die Bühne bringen.

Eine Idee dieses Tonfalls bekommt man, wenn man sich die Überschriften der einzelnen Kapitel in »Shiva Moon« anguckt: Wer wüsste nicht gern, was sich hinter »Böse Tomaten« »Wenn hundert Inder schnarchen« oder auch »Jesus, Hannibal, Gaddafi und ich« verbirgt? Ohne jegliche politische Korrektheit erzählt das schreibende Unikum von seinen Erlebnissen und von den Menschen am Wegesrand. Das ist sehr wohltuend, wenn die Inder mal nicht alle gleichmütige Heilige sind, sondern ganz einfach Menschen, genauso gut oder genauso schlecht wie die im Westen. Politisch korrekt ist es auch nicht, wenn er lang und breit über seinen Haschischkonsum berichtet. Dieses permanente Herumkauen auf alten Joints kann manchmal nerven, aber das fängt Helge Timmerberg mit einer ehrenwerten, wenn auch leider nicht weitverbreiteten Tugend auf: Selbstironie.

Doch bei aller Ironie und Selbstironie nimmt das Buch – wider Erwarten – auch Dinge ernst. »Der Erleuchtung ist es egal, wie man zu ihr kommt« – lautet dabei nur einer der schönen Sätze. Da muss man dann manchmal etwas länger hinterherdenken, aber es lohnt. Bestes Beispiel dafür: Auf seinem Weg weiß Helge Timmerberg auf einmal nicht mehr, ob er noch an Gott glaubt. Eine indische Freundin fragt ihn daraufhin im Buch: »Glaubst du, dass es Hunger gibt?« Das kann Helge Timemrberg nur bejahen. »Warum glaubst du dann nicht auch ans Sattwerden?«, führt ihn daraufhin die indische Freundin auf den rechten Weg der Spiritualität zurück. Denn natürlich muss sich ein deutsches Buch, in dem Indien vorkommt, mit Spiritualität beschäftigen.

»An meinem letzten Tag fängt Indien an« – lautet der Schlusssatz in »Shiva Moon«. Als ob Helge Timmerberg die Leser ermutigen möchte, weiter auf das facettenreiche und immer neue Land neugierig zu sein. Ein guter Appell, denn nach 13 Veranstaltungen auf dem Berleburger Literaurpflaster »Indien« war seine Lesung die letzte. Jetzt muss sich jeder selbst den deutschen Herbst mit Curry, Bollywood-Filmen oder Romanen von Nagarkar, Tyrewala und Saraogi würzen.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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