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Der Wald im Wandel (SZ-Serie)
Anti-Baum-Burnout

In den Baumkronen zu Hause: Jan-Philip Becker ist Baumpfleger und sorgt mit Leidenschaft für seine grünen Babys. Ob Stadtbaum oder Waldbewohner – dem Gehölz zum Glück macht der Baumliebhaber hier keine Ausnahmen.
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  • In den Baumkronen zu Hause: Jan-Philip Becker ist Baumpfleger und sorgt mit Leidenschaft für seine grünen Babys. Ob Stadtbaum oder Waldbewohner – dem Gehölz zum Glück macht der Baumliebhaber hier keine Ausnahmen.
  • Foto: Sarah Benscheidt
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

sabe Bad Berleburg. Sagt, wer mag das Männlein sein, das da steht im Wald allein?
Vor noch nicht allzu langer Zeit, da war er einer von vielen. Ein ansehnlicher Waldriese, der sich so hübsch und mächtig einreihte in diesen immergrünen Teppich, dieses prächtig-dichte Panorama, das sich so vorzüglich eignete für Baumhausbauten und Sonntagsspaziergänge, für einen tiefen Atemzug nehmen und für Stress vergessen. Jetzt liegt er brach, der Wald. Zu Fall gebracht von Klimawandel und Käfer.
Die Wälder der Kindheit sind GeschichteGar nicht richtig hingucken will man in Richtung der kahlen Stellen, hin zu der letzten dürren Gestalt, die voll Hartnäckigkeit ihre lichten Äste Richtung Sonne streckt. Auch sie eine Totgeburt.

sabe Bad Berleburg. Sagt, wer mag das Männlein sein, das da steht im Wald allein?
Vor noch nicht allzu langer Zeit, da war er einer von vielen. Ein ansehnlicher Waldriese, der sich so hübsch und mächtig einreihte in diesen immergrünen Teppich, dieses prächtig-dichte Panorama, das sich so vorzüglich eignete für Baumhausbauten und Sonntagsspaziergänge, für einen tiefen Atemzug nehmen und für Stress vergessen. Jetzt liegt er brach, der Wald. Zu Fall gebracht von Klimawandel und Käfer.

Die Wälder der Kindheit sind Geschichte

Gar nicht richtig hingucken will man in Richtung der kahlen Stellen, hin zu der letzten dürren Gestalt, die voll Hartnäckigkeit ihre lichten Äste Richtung Sonne streckt. Auch sie eine Totgeburt. Ein Mahnmal, dass sich immer weiter wiederholt, fährt man die Wege durchs Obere Banfetal, Fischelbach, Feudingen. Die traurige Liste wächst und wächst. Die Wälder der Kindheit sind Geschichte. Ein Blick genügt, um das zu fassen. Das stresst. Wie muss es da erst den Bäumen gehen?

„Viele unserer Bäume sind gestresst“

Jan-Philip Becker ist der Mann, der den Impfstoff gegen das Baum-Burnout hat. Der Wittgensteiner Waldbursche, der seinen Baumpfleger-Job nicht nur als Beruf, sondern auch als Berufung versteht, verdient sein täglich Brot mit der Pflege der grünen Riesen. 2017 hat er sich mit seiner Leidenschaft selbständig gemacht. Seitdem kümmert sich „Becker-Baumpflege“ um den Gesundheitszustand der Laub- und Nadelorganismen in und um die Region und weiß, „viele unserer Bäume sind gestresst, sie erzählen uns täglich davon“.
Ob Stadt-, Wald-, oder Gartengoliath – Becker hört ihnen allen gerne zu. „Man muss die Sprache der Bäume sprechen lernen.“ Er liest aus Wurzel und Krone der Stumm-Stehenden, pflegt, klettert, impft, kontrolliert – alles im Auftrag der Kolosse. Manchmal – wenn die Bäume krankheitsbedingt nicht mehr zu retten sind – muss er auch fällen. Das passiert mittlerweile immer öfter. „Ein sehr trauriges Thema“, sagt Becker, den die SZ in voller Klettermontur vor einer mächtigen Eiche an der Raumländer Kirche trifft. Oft seien es dabei, man kann es sich denken, Fichten, die dieses Schicksal ereilt. Eine traurige Goldgrube, die er lieber verschüttet sähe.

„Das Wichtigste liegt unter dem Baum“

Der knapp 70 Jahre alte Schattenspender mit dem mächtigen Stamm, vor dem der 30-Jährige jetzt allerdings steht, reckt seine Äste putzmunter in die kühle Luft. Nur ein bisschen Flüssignahrung soll er verpasst bekommen, auch die Last alter, abgestorbener Äste will Becker ihm abnehmen.
„Eine Linde“, sagt Becker, während er sich den gesunden Stamm besieht. „Der Trockenheitsstress kann ihr nicht ganz so viel anhaben.“ Trotzdem: Ein bisschen Düngemittel darf es ruhig sein, damit sich der Baum auch weiterhin optimal entwickeln und entfalten kann. „Durch eine gute Pflege kann die Lebensdauer um mehrere Jahre erhöht werden. Mir ist es dabei wichtig, den Baum als Ganzes zu betrachten.“ Die Impfmaßnahme gegen Baum-Burnout sieht Becker als zukunftstragende Methode im Kampf für Baumleben und erklärt den Ablauf: „Es geht dabei um eine Standortsanierung. Indem durch Druckluft der Boden aufgelockert wird, können wir ein Düngemittel in den Wurzelraum geben. Das Wichtigste liegt unter dem Baum.“

Individueller Anti-Stress-Stoff

Voran gehe dieser Technik, die sich im Ganzen an den Bedürfnissen des Baumes orientieren will, eine Bodenanalyse – so kann dann der Anti-Stress-Stoff ganz individuell angemischt werden. „Bei der Sanierung von Bäumen liegt unser Hauptaugenmerk auf dem Wurzelbereich. Häufig können Vitalitätsschwächen von Bäumen auf Schädigungen hier zurückgeführt werden, oder die Bodenbeschaffenheit und die Nährstoffversorgung sind unzureichend.“
Für vom Borkenkäfer befallene Fichten allerdings kommt die Impfstoffhilfe zu spät. „Da kann man kaum mehr etwasmachen, sanieren bringt da nicht mehr viel“, sagt Becker.

Zu offensichtlich weint der Wald

Und das merkt selbst der Laie. Unglaublich feinfühlig muss man beim Blick in die heimischen Fichtenbestände nicht sein, um den Hilfeschrei laut hallen zu hören. Zu offensichtlich, zu eindringlich weint der Wald. Nicht mal eine ganze Armee von Baumpflegern könnte den einst so Starken-Schönen-Nadeligen da noch helfen. Einmal vom Borkenkäfer befallen, ist der langsame Tod (fast) beschlossene Sache. Schmerzvolle Ein- und Aussichten für den heimischen Wald, findet der Wittgensteiner, dem Forst und Hain schon allein durch seine Heimat in die Wurzeln gegeben wurden.
Gerade auch mit Blick auf dieses Massensterben ist dem Baumpfleger also umso wichtiger, „den Wert eines jeden Baumes zu erkennen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln. Nachdenken, überlegen, was die Bäume alles für uns tun, nicht gleich mit der Motorsäge ankommen, wenn der Baum im heimischen Garten ,Dreck’ macht und eine Fällung veranlassen.“
Was sonst noch hilft neben kurieren und kultivieren? Weiter zuhören vielleicht, kommunizieren, mit den großen Stillen, „die ohne zu sprechen so viel verraten können.“ Auch einiges über zukünftige Waldlandschaften. „Der Küstenmammutbaum wäre womöglich dafür eine vielversprechende Art, Eichen kommen hier gerade gut zurecht“, weiß der Baumpfleger, der sich für die Zukunft vor allem eines wünscht: Gesunde Bäume – von der Wurzel bis zur Krone.

Hier finden Sie alle Artikel zur SZ-Serie "Der Wald im Wandel" im Überblick.

In den Baumkronen zu Hause: Jan-Philip Becker ist Baumpfleger und sorgt mit Leidenschaft für seine grünen Babys. Ob Stadtbaum oder Waldbewohner – dem Gehölz zum Glück macht der Baumliebhaber hier keine Ausnahmen.
Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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