Anwesenheit galt als Raub-Beihilfe

19-Jähriger aus Erndtebrück wurde gestern zu einem zweiwöchigen Jugendarrest verurteilt

Bad Berleburg. Fröhlich grinsend und wie dicke Freunde saßen zwei 20-Jährige gestern beim Plädoyer des Staatsanwaltes auf der Zeugenbank, in dessen Verlauf Wolfgang Nau zwei Wochen Jugendarrest für den Angeklagten forderte. Normalerweise ist das nichts Ungewöhnliches, im speziellen Fall aber schon: Denn die beiden Zeugen hatten vorher aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln den Raub geschildert, der im Berleburger Amtsgericht verhandelt wurde. Der eine war das Opfer, der andere gab unumwunden zu: „Ich war der Haupttäter.” Nachdem sich die zwei Streitenden offensichtlich vertragen hatten, gab es für den Dritten, der gestern im Mittelpunkt stand, keinen Grund zur Freude mehr.

Erster Überfall brachte lediglich 20 DM

Doch erst einmal zum Vorwurf: In der Adventszeit 1999 kam ein 19-jähriger Deutscher kurz nach 22 Uhr mit dem Zug vom vorweihnachtlichen Plätzchenbacken. Auf dem Viersener Bahnhofsplatz begegneten ihm drei junge Araber. Der eine, zweifelsohne der Wortführer, forderte von dem 19-Jährigen den Geldbeutel. Den händigte dieser widerstandslos aus – der Anführer habe ihn mit dem Tode bedroht und auf eine Pistole in der Jacke verwiesen. Die Beute betrug 20 DM.

Wille der Eltern führte Opfer zur Polizei

Wenig später liefen sich die vier wieder über den Weg. Diesmal überzeugte der Wortführer den Deutschen erneut mit den schon bekannten Argumenten. Gemeinsam zog das Quartett zu drei Banken, um Geld abzuheben. Das klappte jedoch nicht. Daraufhin trennten sich die Wege der Räuber und des wenig liquiden Opfers: Erst am darauf folgenden Abend erstattete der Bedrohte und Bestohlene – auf das Insistieren seiner Eltern hin – Anzeige bei der Polizei.

„Die Tat nicht als eine solche erkannt”

Soweit das kaum umstrittene Geschehen. Gestern musste lediglich geklärt werden, welcher Anteil an dem Raub nun dem Angeklagten zukam. Der heute 19-jährige Palästinenser lebt als abgelehnter Asylbewerber in Erndtebrück, deshalb musste sich die Wittgensteiner Gerichtsbarkeit mit dem Fall beschäftigen. Er selbst stellte es zunächst mit Hilfe eines Übersetzers so dar, als habe er das Geschehen – das komplett in Deutsch ablief – nicht als Raub wahrgenommen, vielmehr habe er gedacht, sein Deutsch sprechender Kumpan habe in dem Zwanzig-Mark-Besitzer einen Freund wiedergetroffen. Im Verlauf der Verhandlung gab der Angeklagte doch zu, dass ihm die Sache nicht ganz koscher vorgekommen sei.

Pflichtverteidiger wollte Freispruch

Auch die Zeugenaussagen wiesen alle in die Richtung, dass er eher passiv an dem Ganzen beteiligt war. Und so wurde vom Vorwurf der Mittäterschaft bei Raub und Bedrohung ganz schnell Abstand genommen, doch der Staatsanwalt sah allein in der Anwesenheit eine physische Beihilfe zur Tat, die mit einem zweiwöchigen Jugendarrest zu ahnden sei, während Pflichtverteidiger Albrecht Beitzel für Freispruch oder eine Ermahnung plädierte. Vor allem verwies er darauf, dass sein vor einem Jahr kaum Deutsch sprechender Klient in dem fremden Land und der fremden Stadt auch auf seinen Kumpan angewiesen gewesen sei.

Rückzug beim ersten Geldautomaten

Das Schöffengericht schloss sich dieser Sicht nicht an. Richter Hans-Jürgen Niediek sagte in der Urteilsbegründung: Der Angeklagte mit Abitur habe trotz kultureller Unterschiede und sprachlicher Hürden aufgrund seiner Bildung erkennen müssen, wofür und wie die Geldkarte benutzt worden sei. Spätestens beim ersten Geldautomaten hätte er sich zurückziehen müssen. So entsprach das Gericht der Forderung der Staatsanwaltschaft.

Fraglich, ob Strafe zum Tragen kommt

Ob der junge Palästinenser die Strafe überhaupt antreten wird, ist fraglich: Seine Duldung in Deutschland läuft Ende Januar ab. Danach wird er sich wohl im Gaza-Streifen wiederfinden, wo die Arbeitslosigkeit, fliegende Steine oder Gummigeschosse auf ihn warten. Währenddessen werden Haupttäter und Opfer vielleicht noch immer als dicke Freunde in Deutschland sitzen. Gestern sind sie jedenfalls gemeinsam mit dem Zug nach Viersen gefahren. Hoffentlich sind sie sich auf dem Bahnhofsvorplatz nicht in die Haare geraten. JG

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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