Projektwoche der Realschule
Auch mit einer kleinen Aktion Einfluss nehmen

Im Rahmen der Projektwoche an der Bad Berleburger Realschule haben sich 15 Jugendliche und Lehrerin Sabine Sonneborn aufgemacht, die Geschichten von Siegen-Wittgensteiner Juden fassbar zu machen und zu erzählen. Foto: Sarah Benscheidt
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  • Im Rahmen der Projektwoche an der Bad Berleburger Realschule haben sich 15 Jugendliche und Lehrerin Sabine Sonneborn aufgemacht, die Geschichten von Siegen-Wittgensteiner Juden fassbar zu machen und zu erzählen. Foto: Sarah Benscheidt
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sabe Bad Berleburg. Erinnern, erzählen, entgegenwirken: Es ist ein Herzensprojekt von Sabine Sonneborn, Lehrerin an der Bad Berleburger Realschule – und auch ihrer Schüler, das merkt man schnell. Hier geht es nicht um Stunden absitzen oder um nervige Pflichtveranstaltungen – hier geht es um ehrliche Anteilnahme, den Kampf gegen das Vergessen, es geht um Reflexion, Respekt, Menschlichkeit. Im Rahmen der Projektwoche an der Bad Berleburger Realschule hat Sabine Sonneborn es sich zur Aufgabe gemacht, an die Opfer des Nationalsozialismus in Bad Berleburg zu erinnern. „Über das Vergessen stolpern“ heißt das Konzept, das gemeinsam und vor allem im Austausch mit den Schülern initiiert wurde. Stolpersteine hat die Gruppe bereits in der ganzen Stadt geputzt, die Opfer samt ihrer Geschichten dann recherchiert und im kleinen Kreis aufleben lassen. Am Donnerstag soll das nochmals vor der ganzen Schule passieren.

Die 15 Plätze seien schnell belegt gewesen, die Thematik beschäftige die Schüler sehr, erzählt die 38-jährige Pädagogin im SZ-Gespräch. Und auch sie selbst: „Mich besorgt die aktuelle politische Situation. Die Schüler sind unsere Zukunft. Desto mehr man sich damit beschäftigt – auch mit den momentanen Warnsignalen in unserer Gesellschaft –, verhindert man, dass für die Fehler der Vergangenheit neuer Nährboden entsteht.“ Durch direkte persönliche Erfahrung und intensive Arbeit könne man die Schicksale greifbar machen, den Hass, die Gräueltaten, den Schrecken.

Wie genau und mit welchem Konzept das habe passieren sollen, da habe es lediglich einen ungefähren Rahmen für gegeben. „Wir haben uns da leiten lassen.“ Raum für Ideen, Raum für eigenen Input, Raum für eigene Gedanken – das kommt an. „Wir haben gemerkt, dass wir auch mit dieser kleinen Aktion Einfluss nehmen können – und wir wollen Einfluss nehmen“, sagte Tim Adler (13). So zeigte sich Sabine Sonneborn stolz über die ehrliche Anteilnahme und den Willen, etwas zu bewegen. Über die Putzaktion der Stolpersteine in der Stadt sagt sie: „Die Schüler haben sich auf Knien für die Leute auf die Straße gesetzt – für Fremde. Sie wollen ihre Geschichte erzählen.“

Auch wenn sie den Kurs gerne für eine breitere Schülerschaft angelegt hätte, so habe sie doch gewusst, dass hier „jegliche Art von Oberflächlichkeit“ gefährlich gewesen wäre, deshalb habe sie vorerst auf eine kleinere Gruppe gesetzt. Jetzt zu sehen, auf welche Resonanzen die gegebenen Impulse treffen, lasse sie an verschiedene Fernziele denken.

„Vielleicht können wir im Rahmen der Schule einen Stolperstein für die Menschen realisieren, die noch keinen haben.“ Auch die Schüler wissen schon jetzt, dass sie den Grundgedanken des Projekt-Zusammenschlusses in dieser Form unbedingt ausbauen wollen. So sagte Anna Richter (14): „Wir würden das als AG wirklich gerne weiterführen. Es kann noch so viel gemacht werden, beispielsweise die Gräber auf dem jüdischen Friedhof hier pflegen, da sind viele total verwuchert.“

Die Projekttage haben Spuren hinterlassen, Spuren, die die Schüler auch nach außen tragen wollen: „Wenn dieser gegenseitige Hass regiert, man sich davon anstecken lässt, dann läuft es genau falsch herum“, sagte Hannah Liebig (16). Sie frage sich nach allem, was sie über die ermordeten Menschen erfahren habe, wie es heutzutage überhaupt möglich sei, dass Staatsoberhäupter wie Donald Trump gewählt werden und rechte Parteien überall Stimmen gewinnen könnten. Auch Taras Suschko (15) konnte da nur beipflichten: „Wenn man weiß, wie hier Neonazis den Judenfriedhof komplett verunreinigt haben, wenn man das erfährt was wir erfahren haben, gerade dann finde ich diesen Rechtsruck einfach nur krass.“

Bis Donnerstag wollen Schülerinnen und Schüler jetzt noch den Weg der Stolpersteine durch Bad Berleburg nachzeichnen und auf Google präsentieren, („Wir wollen die Möglichkeiten schaffen, die Steine zu finden“, so Sabine Sonneborn). Und auch die vorhandenen Wikipedia-Artikel mit dem neu gewonnenen Wissen über die Familien, die Menschen und die Kinder, die in Bad Berleburg abtransportiert, gefangen und ermordet wurden, sollen ausgebaut und mit Wissen unterfüttert werden. Und das war längst noch nicht alles: So hat sich die Projektgruppe für den Präsentationstag noch eine Zeitzeugin mit ins Boot geholt. „Wir wollen uns von den einfachen Lösungen nicht fangen lassen, wollen Reflektion und Austausch und das mit der ganzen Schule, denn: Nationalismus ist das Ende der Freiheit“, schloss Sabine Sonneborn.

Im Rahmen der Projektwoche an der Bad Berleburger Realschule haben sich 15 Jugendliche und Lehrerin Sabine Sonneborn aufgemacht, die Geschichten von Siegen-Wittgensteiner Juden fassbar zu machen und zu erzählen. Foto: Sarah Benscheidt
Die Putzaktion der Stolpersteine war Auftakt des Projektes „Über das Vergessen stolpern“ – danach recherchierten die Schüler die Geschichten dahinter. Foto: Schule
Autor:

Sarah Benscheidt (Volontärin) aus Bad Berleburg

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