Beleidigung in Wort und Tat

Gestern vier Monate Haft auf Bewährung für Wittgensteiner

JG Bad Berleburg. »Ich weiß es nicht, ob er es nicht einsehen kann oder nicht einsehen will« – sagte gestern der Leiter eines Wittgensteiner Wohnheims für psychisch erkrankte Menschen im Berleburger Amtsgericht. Ein Bewohner des Hauses musste sich hier wegen verschiedener Beleidigungsvorwürfe verantworten, es ging um die üblichen Beleidigungen in Sätzen und Wörtern, aber auch um handgreifliche Beleidigungen. Im Herbst 2002 hatte der heute 51-Jährige eine 30 Jahre jüngere Mitbewohnerin begrapscht und ihr dieser sexuelle Handlungen in deutlichen Worten offeriert. Staatsanwalt Wolfgang Nau ging dabei sogar von mindestens 20 einzelnen Taten aus.

Besonders tragisch an der Geschichte: Bei der begrapschten jungen Frau beschworen diese Dinge Erinnerungen an eine schwere Vergangenheit herauf, wo sie Ähnliches schon einmal erlebt hatte. Doch gefasst erzählte die Frau, die mittlerweile in Siegen wohnt, von ihren Erfahrungen. Vier oder fünf Mal habe sie der Mann über der Bekleidung an der Brust berührt, einmal habe er ihr unter dem Pullover an den Busen gepackt und einmal habe er ihr zwischen die bekleideten Beine gegriffen.

Immer wieder habe sie versucht, sich den Mann vom Hals zu halten, einmal habe sie ihm sogar eine geknallt: »Aber er hat trotzdem nicht aufgehört.« Und deshalb ging die Frau dann zur Polizei. Auch andere bekamen diese Geschichten mit, denn der Mann wurde nicht nur zudringlich, wenn er mit der Geschädigten allein war – wie eine weitere Zeugin gestern Morgen deutlich machte.

Und diese Dinge waren auch der Heimleitung bekannt, deshalb habe er den Mann mehrfach ermahnt und ihm sogar den Rausschmiss aus dem Wohnheim angedroht, so der Heimleiter gestern. Besonders geärgert habe ihn, dass der Angeklagte auch nach dem ersten Prozesstermin in dieser Sache wieder aufgefallen sei. Bereits im Sommer wurde über die Vorfälle schon einmal verhandelt, ein Gutachten wurde damals in Auftrag gegeben, dass die Schuldfähigkeit des Angeklagten überprüfen sollte. Wenn sich der Angeklagte beim ersten Termin auch bedröppelt zeigte, so war das anscheinend nicht von langer Dauer. Bei einer hausinternen Veranstaltung im November habe er ihn, so der Heimleiter, so eben von einem handgreiflichen Übergriff abhalten können, am nächsten Tag habe jedoch eine Mitarbeiterin von einem solchen berichtete. Auch vorher habe es schon wieder einiges Antatschen – gegenüber Personal und Mitbewohnerinnen – gegeben.

Der Betreuer des 51-Jährigen fand allerdings, dass dieser sich gewandelt habe, seit er im Dezember mit seiner Arbeit in einer Behinderten-Werkstatt begonnen habe. Die eigentliche Wurzel der Probleme grub der Gutachter aus. Dr. Hans-Thomas Sprengeler beleuchtete zunächst einmal die Geschichte des Mannes, der einst ein Mann wie Millionen andere war. Erst die Ehe habe ihn offenbar zu seinem »exzessivem Alkoholmissbrauch« gebracht: eine Kiste Bier und zehn Kümmerling, so sah die tägliche Ration aus.

Aus anfangs kleinen psychotischen Ausfällen sei in den vergangenen zwölf Jahren eine chronifizierte Erkrankung geworden, eine Schizophrenie sei attestiert. Einen wichtigen Grund für die sexuell motivierten Übergriffe sah der Gutachter in einer veränderten Medikation mit einer weniger dämpfenden Wirkung beim Beschuldigten. Bei diesem bestehe zwar eine Einsichtsfähigkeit, dass die Taten falsch seien. Die Steuerungsfähigkeit, solche Taten zu verhindern, sei hingegen eingeschränkt. Er gehe von einer verminderten Schuldfähigkeit aus.

Staatsanwalt Wolfgang Nau zählte die Taten zusammen und kam nicht mehr auf mindestens 20, sondern nur noch auf sieben. Hierfür fordert er je einen Monat Haft, gebündelt zu einer sechsmonatigen Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt werden könne. Verteidiger Reinold Ostermann schwebte als Strafe eher eine Arbeitsauflage vor, da dem Angeklagten das Arbeiten offensichtlich gut tue. Richter Torsten Hoffmann verurteilte den Angeklagten schließlich zu einer viermonatigen Haft auf Bewährung, wobei er vor allem den Folgen beim Opfer noch einmal in Erinnerung rief. Den 51-Jährigen ermahnte er, seine Chance wahrzunehmen. Wenn er ins Gefängnis müsse, das wäre ja eine Katastrophe: »Das wünsche ich keinem und ihnen erst recht nicht.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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