Amtsgericht Bad Berleburg
Bestellungen aus dem Jenseits

Vor dem Amtsgericht Bad Berleburg musste sich eine Bad Berleburgerin wegen zweifachen Betrugs verantworten. Foto: Archiv
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  • hochgeladen von Björn Weyand (Redakteur)

tika Bad Berleburg. Die Warensendung mutete nur auf den ersten Blick wunderlich an: Im August und September 2018 sollte eine Frau mehrere Kleidungsstücke bei einem Onlineversandhändler bestellt haben – eine Frau, die im April 2017 verstorben war. Vor dem Amtsgericht in Bad Berleburg musste sich am Dienstag nun ihre Tochter verantworten – wegen zweifachen Betrugs. Denn tatsächlich war sie es gewesen, die die Waren bestellt, dann allerdings mangels finanzieller Mittel nicht bezahlt hatte. Eine Praxis, die seit 2001 bei der Bad Berleburgerin System hat. Sie leidet an Kaufsucht, ist mit geschätzten 20 000 Euro verschuldet – und bereits mehrfach wegen Betrugs vorbestraft gewesen.

Aus einem früheren Berufungsurteil des Landgerichts Siegen war hervorgegangen, dass es der Frau untersagt ist, Bestellungen im Internet zu tätigen. Dass sie dagegen nicht nur verstieß, sondern auch noch im Namen ihrer verstorbenen Mutter bestellte, war ein durchaus pikantes Detail – zwei Bestellungen aus dem vermeintlichen Jenseits gewissermaßen. Dass die Frau derweil nicht zahlungsfähig war, wusste sie, denn im Januar 2018 hatte sie eine Vermögensauskunft vor Gericht abgegeben. Entsprechend blieb der Versandhändler auf dem entstandenen Schaden in Höhe von 169,90 Euro sitzen, den die 48-Jährige nicht begleichen konnte.

Inzwischen ist dies aber geschehen – inklusive Inkassogebühren hat sie rund 260 Euro überwiesen. Ein vergleichsweise lapidarer Betrag, für den sie ihre im August eigentlich auslaufende Bewährungszeit aufs Spiel gesetzt hat. Die Kaufsucht der Frau ist diagnostiziert, seit 2009 ist sie in psychotherapeutischer Behandlung und nimmt eine Suchtberatung wahr – von einer zwölfjährigen Phase der Bewährungszeit und Unterstützung der Bewährungshelfer ganz zu schweigen. In dieser Zeit hat sie außerdem drei stationäre Therapien durchlaufen, verbuchte immer wieder kleinere Erfolge und verfolgte diese dann nicht weiter. Die Folge waren Rückfälle, immer wieder nach mehreren Jahren Pause, die immer wieder zu Betrugsfällen führten – in den Jahren 2001, 2005, 2007, 2009, 2013 und zuletzt 2018.

Die behandelnden Ärzte attestierten Habgier als Antriebsfeder, keinesfalls aber einen pathologischen Hintergrund. Egal ob Duftbrunnen, Radiorekorder oder Stiefel – die Palette bestellter Artikel war vielfältig, teilweise verschenkte sie die Waren, um soziale Anerkennung zu erlangen. Die Bestellungen tätigte sie dabei immer wieder in für sie schwierigen Lebensphasen – nicht der Akt des Bestellens, sondern die Erwartung und der Erhalt der Ware sorgten dabei für entsprechende Befriedigung der Kaufsucht. Warum sie allerdings die inzwischen gerichtlich untersagte Onlinebestellungen tätigte, dafür gab es keine Erklärung. „Ich kann nicht sagen, was war. Ich kann es nicht erklären, ich weiß nicht was passiert ist“, formulierte die Angeklagte den immer gleichen Inhalt variantenreich – und ahnte wohl durchaus, dass sie eine Haftstrafe ohne Bewährung erwartete. Die Justizvollzugsanstalt kennt sie bislang nur durch Besuche ihres Sohnes, der dort eine Strafe abgesessen hatte. „Haben Sie ihren Sohn mal in Haft besucht? Fanden Sie es schön?“, fragte Staatsanwältin die Angeklagte, die selbstredend verneinte. „Dann verstehe ich nicht, warum wir wegen solcher Dinge schon wieder hier sitzen“, haderte Judith Hippenstiel.

Bewährungshelfer Reinhold Vater attestierte der Angeklagten zwar, regelmäßig an allen Terminen der Bewährungshilfe, der Psychotherapie und der Suchtberatungsstelle teilgenommen zu haben – ohne nachhaltigen Effekt allerdings. „Man hat sich viel Zeit für die Klientin genommen, ihr alle 14 Tage in der Bewährungshilfe erläutert, dass Betrug nicht wieder vorkommen darf. Sie hat auch stationäre Angebote wahrgenommen. Anscheinend war das alles nicht nachhaltig genug. Alle Hilfsangebote sind ausgeschöpft“, brachte es Reinhold Vater auf den Punkt. Einen entsprechend positiven Ansatz vermochte er daher nicht auszumachen.

Auch deshalb schloss sich Richter Torsten Hoffmann letztlich der Forderung von Judith Hippenstiel an, die in ihrem Plädoyer eine neunmonatige Haftstrafe ohne Bewährung gefordert hatte. „Sie haben die Taten während der laufenden Bewährung begangen. Mit den Mitteln der Bewährungshilfe sind Sie nicht mehr zu erreichen“, konstatierte Torsten Hoffmann nach seinem Urteil vielsagend.

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